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Ost und West · 1906-07-01 · Heft 7 (Juli 1906) · p. Seite 457 - 458

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 7 (Juli 1906)
Article
Moderner Geist im alten Judentum
Date
1906-07-01
Page
Seite 457 - 458 (sequence 3)
Language
German
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457 Ludwig Klausner-Dawoc, Berlin: Moderner Geist im alten Judentum. 458 verschiedenen Vorschriften im Alten Testament über Schutz und Schonung der Tiere zu lesen, um zugeben zu müssen, dass Jahrtausende früher als bei andern Völkern die Tiere bei den Juden nach Möglichkeit geschont wurden. „Die Waffen nieder!" hat zuerst eine noch lebende Frau bei uns gerufen. Die Friedensbewegung ist noch sehr jungen Datums und wird noch heute von den Meisten als utopistisch verspottet. Die Friedensfreunde glauben sich als besonders vom modernsten Geiste erfüllt ansehen zu dürfen. Dennoch kann ihnen der jüdische Prophet Jesaias, dessen eindrucksvolle Friedensvision weit und breit bekannt ist, als Führer in dieser „modernen Bewegung" dienen. Der grosse Nitzsche lehrt den vornehmen, andere praktizieren nur zu gründlich den gemeinen Egoismus. Die Sozialdemokraten verdammen die Individualisten, und Tolstoi verlangt von jedem, sich unbedingt für jeden beliebigen eventuell aufzuopfern. Auch mit diesen Fragen haben sich die jüdischen Lehrer bereits im Altertum beschäftigt, und was sie lehren, ist gleichzeitig praktisch und vornehm. „Wenn ich nicht für mich bin, heisst es in den „Sprüchen der Väter", wer soll für mich sein, und wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann?" Nicht um die Priorität des Judentums festzustellen, ist es uns bei diesen Ausführungen angekommen, sondern darauf, zu zeigen, wie in so bedeutenden Fragen des privaten, politischen und sozialen Lebens das alte Judentum noch durchaus modernen Geistern genügen könne. Aber auch die ethischen und religionsphilosophischen Anschauungen des alten Judentums wie sie im Alten Testament und in den späteren jüdischen Schriften dargelegt sind, können den höchsten Anforderungen moderner Menschen genügen. Hat ja Christus tatsächlich, wie der vor kurzen gestorbene Philosoph Eduard von Hartmann in seiner Schrift „Das Christentum des Neuen Testaments" eingehend nachgewiesen hat, nicht einen originellen Gedanken den den Juden bereits bekannten und selbst geläufigen hinzugefügt. Das „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst" ist, was die Meisten nicht zu wissen scheinen, eine Forderung des Alten Testaments und nach einem seiner massgebensten alt jüdischen Ausleger „Hilel, sogar Kern der jüdischen Religion, zu dem alles übrige nur den Kommentar bildet. Ja auch das „Liebet Eure Feinde" findet sich im wesentlichen bereits im Alten Testament und in den altjüdischen Schriften. Somit kann in jedem Betracht das alte Judentum noch heute seinen modernsten Anhängern Leuchte und Leiter sein. JOSEF GABOWICZ. Von Prof. Dr. Henryk von Struve (Warschau.) Nachdruck verboten. Unter luisern jüngeren Bildhauern nimmt Gabowicz eine bedeutsame Stellung ein. Die stattliche Reihe seiner Schöpfungen, die auf verschiedenen Ausstellungen zu sehen waren, hat dem jungen Künstler die allgemeine Aufmerksamkeit zugewendet und ihm zahlreiche Freunde und Verehrer geworben. Der vorherrschende Zug seines Schaffens, der den Beschauer magnetisch anzieht, ist Aufrichtigkeit und Sclilichtheit, und zugleich Tiefe und Kraft des natürlichen Empfindens. Diese Eigenschaften sind bekanntlich leider selten geworden bei derjüngern Künstlergeneration, die nur allzuhäufig durch Gezwungenheit und Seltsamkeit der Vorwürfe J. Gabowicz in seinem Atelier. sündigt, wodurch sie sich den Schein ungewöhnlicher Originalität verleihen möchte. Die heutigen Künstler vergessen, dass wahrhaft originelle Schöpferkraft eine Frucht der Inspiration ist, aus den Tiefen des Geistes fliesst und sich durch keinerlei Theorien, mögen sie noch so sehr individualistisch sein, zwingen lässt, — noch durch die Sucht, den Zuschauer durch neue, ungewöhnliche Einfälle zu verblüffen. Schlichtheit und Natürlichkeit sind und bleiben für immer der Hauptzug der gesunden Schöpferkraft von Gabowicz. Er strebt nicht nach ungewöhnlichem in der Wahl der Vorwürfe, als Thema dienen ihm die einfachsten, gewöhnlichsten

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