Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Moderner Geist im alten Judentum
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 453 - 454 (sequence 1)
- Language
- German
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453 454 MODERNER GEIST IM ALTEN JUDENTUM. (Fleisclmahrung — Händewaschen - bildung — Ruhetag — Agrarfrage Königsrechtc — Dezentralisation — Majoritätsprinzip — Sklaverei — Scliul- — Frauenfrage — Fremdenbehandlung — Tierschutz — Friedensbewegung — Egoismus und Altruismus). Von Ludwig Klausner-Dawoc, Berlin. Nachdruck verboten. Es wäre wohl begreiflich und darum zu entschuldigen, wenn die Hunderttausende in den Vereinigten Staaten ansässigen rassischer Juden, die man als „undesirable aliens" bezeichnet, die man nicht gern hat, und auf die man herabsieht, angesichts der Enthüllungen über die schändlichen Zustände in der amerikanischen Fleischindustrie stolz sagten, das konnte uns „undesirables" selbst in unserer elenden russischen Heimat nicht passieren. Wir armen, verfolgten und ausgeplünderten Flüchtlinge, auf deren Kultur man geringschätzig herabzusehen liebt, sind niemals wie die vermeintlich so hochzivilisierten amerikanischen Multimillionäre der Gefahr ausgesetzt gewesen, durch das Fleisch kranker, verendeter, verwester Tiere vergiftet zu werden. Ja im überfüllten New Yorker Ghetto selbst können die ärmsten ausgebeuteten russischen Juden sich rühmen, stets sicherer auf einwandfreies Fleisch rechnen zu können, als die christlichen Multimillionäre in ihren auf das üppigste ausgestatteten Palästen der fünften Avenue. Denn die grossen, christlichen Fleischfirmen haben, um sicli die jüdische Kundschaft zu sichern, umfassende Vorkehrungen treffen müssen, dass die rituel lebenden russischen Juden die grösstmögliche Garantie hatten, das für sie bestimmte Fleisch stamme von Tieren, die A'on Rabinern und sonstigen jüdischen Kultusbeamten gesehen, nach dem Schächten untersucht worden sind und deren Fleisch für einwandfrei — koscher — erklärt worden ist. Dass dem so ist, verdanken die Juden der Weisheit, mit welcher die mosaische Gesetzgebung und ihre Ausleger bereits vor Jahrtausenden strikte Bestimmungen über die Tötung und Untersuchung der zum Genuss für die Juden bestimmten Tiere vorgeschrieben haben. Wie lange ist es dagegen her, dass selbst in Deutschland, wo man doch so viel reglementiert, die Fleischbeschau eingeführt worden ist, ohne aber bisher auch nur annähernd so streng, korrekt und vollständig durchgeführt zu sein, trotz aller Machtmittel, wie sie von den Juden unter den erschwerendsten Umständen und ohne staatliche Machtmittel seit einer langen Reihe von Jahrhunderten mit der grössten Konsequenz durchgeführt wTorden ist. Dass der Genuss des Schweinefleisches mit gewissen Gefahren verknüpft ist, hat der jüdische Gesetzgeber gewusst, Jahrtausende bevor die Trichine entdeckt worden ist. Seit wenigen Jahrzehnten erst wird durch sorgfältige Untersuchung, für die es in früheren Zeiten an Mitteln fehlte, dafür gesorgt, dass der Genuss des Schweinefleisches minder gefährlich ist. Es ist nicht lange her, dass wir die Bazillen kennen und uns, so gut es geht, vor diesen gefährlichen Feinden schützen. Durch nichts können wir sie so leicht auf uns und auf Andere übertragen als durch die Hand, die fortwährend mit allen möglichen Dingen in Berührung kommt, und mit der wir namentlich beispielsweise Brot direkt zum Munde führen, dem leichtesten Eingangstor. Die Hand möglichst oft zu reinigen ist ein selbstverständliches Gebot der modernen Hygiene, das selbst von den Aengstlichsten, Gebildetsten, Saubersten auch nicht entfernt genügend befolgt wird. Der gläubige Jude, der die rituellen Vorschriften sorgfältig beobachtet, muss gleich nach dem Aufstehen, vor jeder Mahlzeit, namentlich vor jedem Genuss von Brot, das mit der Hand zum Munde geführt wird, und das von dem Familenvater oder der Hausfrau an die Familienmitglieder verteilt zu werden pflegt, und ebenso nach jeder Berührung mit einem unreinen Gegenstände sich die Hände waschen. Wohl hätte dieses Händewaschen gründlicher jedesmal mit Seife statt durch das vorgeschriebene mindestens dreimalige Begiessen der Hände besorgt werden können. In Ermangelung des besseren aber war auch dieses Begiessen mit dem darauf folgenden Abtrocknen ein ganz leidliches Reinigungsmittel und Präservativ. Und dieses Gebot des Händewaschens wurde in den jüdischen Haushaltungen befolgt nicht bloss von den Frommen und Schriftgelehrten, sondern auch von dem Krämer, dem Handwerker, selbst vom Hausierer, der beim Bauern auf dem Dorfe das ihm dort rituell mögliche, gewöhnlich natürlich sehr frugale Mahl einnahm. Es fällt uns nicht ein anzunehmen, dass die jüdischen Gesetzgeber die Existenz von Bazillen damals auch nur ahnten. Als gute Beobachter deren erster, Moses, seine Lehrzeit in Egypten, das heisst bei dem „Volke der Aerzte" absolviert hat, werden sie vielleicht die Erfahrung gemacht haben, dass so manche Krankheit nur durch die Hand übermittelt sein könnte, und haben darum den Juden das Händewaschen zur religiösen Pflicht gemacht. Indessen ist die hygienische Bedeutung vieler von den alten Juden befolgten Gebräuche längst anerkannt, im i ihr W ert wird noch heute gewürdigt. Gehen wir daher auf ein anderes Gebiet über, zunächst auf das politische. Wie lange ist es her, dass die Rechte der Könige beschränkt, dass ihnen Pflichten auferlegt werden. Im Pentateuch bereits werden dem Könige Vorschriften gemacht. Samuel wollte überhaupt nichts von der Einsetzung eines Königs wissen und schilderte nicht übel die Gefahren und Lasten, die einem Volke von seinem Könige drohen können. Schliesslich aber beugte er sich dem Willen des . souveränen Volkes und salbte Saul zum ersten König in Israel.