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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 437 - 438

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Bruder!
Date
1906-05-01
Page
Seite 437 - 438 (sequence 3)
Language
German
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437 Nendatschnikoff: „Bruder!" 438 Histörchen und machte sich zuguterletzt sogar daran, beim Tee deii Wirt zu spielen. „Sie sind jung," sa^te er, „schwatzen Sie, vergnügen Sie sich! Ich alter Mann verstehe ja nicht, mich mit Damen zu unterhalten. Ich will Ihnen lieber Tee einschenken; das steht mir besser an." „Sie sind ziemlich ernstlich um unser Wohl besorgt, bemerkte eine der jungen Damen, ..ebenso wie ein Vater um seine Kinder." „Wissen Sie was! Wollen wir ihn auch Papachen nennen!1' schlug die andere vor. „Gut! Angenommen!" erklärten alle einstimmig. Der Jade wehrte mit den Händen ah. „Bitte, Papachen! Glessen Sie mir doch noch ein Glas Tee ein, aber nicht sehr stark und mit Zitrone" bat ihn der Herr mit dem Bart. „Sehr gern!" antwortete der Jude. „Ja nun/' fügte er hinzu, „wenn Sie mich wirklich Papachen nennen, so will ich auch Sie Kinderchen heissen. Und wie ein Vater seine Kinder, so will ich Euch mit Du anreden, und wenn ich irgend jemand einen Verweis erteile, so darf er sich deswegen auch nicht beleidigt fühlen." Er brachte dieses alles mit einem so drolligen Ernst hervor und gestikulierte hierbei so komisch, dass die jungen Damen in ein helles Gelächter ausbrachen. Auch wir lächelten, wenn auch mehr aus Schicklichkeitsriicksichten. Bald schleppte der Jude seine ganze Antiquitätensammlung herbei und zeigte uns diesesmal den gesamten Inhalt seines Korbes. Als er zusammen mit einem alten Schwert einen abgetragenen Rock hervorzog, erläuterte er: „Und das schliesslich ist eine zeitgenössische Merkwürdigkeit, ein Bock, den ich von meinem Urgrossvater geerbt habe." Diesen, sowie den ganzen folgenden Tag hatten wir im Verkehr mit unseren Damen verbracht. Erst spät am Abend des nächsten Tases, als der Jude, der auf dem Deck gewesen war, in die Kajüte kam und mitteilte, dass Kiew schon in der Ferne sichtbar sei, ergriff alle eine gewisse Unruhe. Jeder beeilte sich, sein Gepäck in Ordnung zu bringen....... Alles hatte mit einem Schlage einen gänzlich veränderten Charakter angenommen. WTo waren mit einem Maie Frohsinn und Sorglosigkeit hingekommen? Jeder war jetzt mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Der eine beglich am Büffet seine Eechnung, der andere brachte seine Papiere in Ordnung und machte sich Notizen, ein dritter hatte noch mit seinem Gepäck zu tun. Jeder von uns wusste sehr gut, dass die Gesellschaft, in deren Mitte er eben ein paar Tage verlebt hatte, ihm völlig fremd sei; ein jeder von uns wusste es genau, dass man schon nach ein paar Tagen im Getriebe der täglichen Beschäftigungen und Sorgen einander völlig vergessen würde; ein jeder empfand es, dass, wenn er jemand aus dieser Gesellschaft nach einem Jahre treffen würde, er ihn nicht erkennen, ja vielleicht nicht einmal wünschen würde, mit ihm bekannt zu sein. Alle diese einander völlig fremden Menschen waren oben auf dem Dampfer einander näher getreten, weil es ihnen sonst zu langweilig gewesen wäre und weil auf diese Weise die Zeit wenigstens schnell und unbemerkt vorüber gegangen war. — Als der Jude das Einpacken seiner Sachen beendet hatte, setzte er sich an den Tisch, stützte den Kopf auf beide Hände und versank in tiefes Nachdenken. Keine Spur seiner früheren Lustigkeit und fröhlichen Stimmung war mehr vorhanden; irgend ein Umstand bereitete ihm scheinbar gros.-e Sorgen. Er vermochte nicht ruhig zu sitzen; mehrmals ging er aufs Deck und kam wieder in die Kajüte zurück. Zweimal hatte er sich mir genähert und wollte mir beim Einpacken meiner Sachen behilflich sein Allein da ich nicht gewohnt bin, fremde Dienste in Anspruch zu nehmen, lehnte ich seine Liebenswürdigkeit mit Dank ab. Der Dampfer näherte sich immer mehr der Stadt. Durch die Fenster der Kajüte konnte man sehr deutlich das Licht der Laternen am Quai und die Signalfeuer der am Landungsplatze befindlichen Dampfer wahrnehmen. Jch ging aufs Deck, um die frische Abendluft einzuatmen, da es in der Kajüte doch ein wenig dumpf preworden war. Bald kam auch der Jude auf mich zu, der vor Unruhe keinen Platz zu rinden wusste. „Nun sind wir endlich angelangt", seufzte er, sich an mich wendend. Dabei wurde er verlegen. Ich empfand es, dass er mir etwas mitteilen wollte, sich aber geniert fühle. Um ihm diese unangenehme Situation zu erleichtern, fragte ich ihn: „Wenn Sie mir vielleicht irgend etwas zu sagen haben, dann bitte, ich stehe zu Diensten!" „Ja, Sie haben es erraten", antwortete er, sich scheu umsehend. „Ten habe eine kleine Bitte an Sie." . „Womit kann ich dienen?" fragte ich. „Sehen Sie, es handelt sich dabei um folgendes," begann er fast flüsternd: „Wir haben hier vor lauter Nichtstun ein bischen Unsinn getrieben. Aber Sie müssen verstehen, dass es eben vor lauter Nichtstun geschah. Das waren Dummheiten .....jetzt jedoch, .... hm, hm ... nähern wir uns Kiew, nun..... hm, hm .... und ich habe kein Wohnrecht in Kiew. So wollte ich Sie nur fragen, ob .... hm .... hm. Sie verzeihen mir schon bitte, aber ich wollte Sie nur fragen, ob Sie mir nicht gestatten wollten, mit Ihnen zusammen in einem Gasthofe abzusteigen. Sie sind, wie man sieht, ein welterfahrener Herr und kennen höchstwahrscheinlich in Kiew irgend ein Gasthaus, in dem man ein paar Tage zubringen könnte." Jetzt mit einem Male verstand ich es gut, was meinen Juden so in Unruhe versetzt hatte. Obgleich ich Kiew nicht besser kannte, als er, so sah ich darin doch keinen Grund, ihm seine Bitte abzuschlagen. Ich willigte ein. Der Dampfer legte bald an. Wir begaben uns in die Kajüte, nahmen unsere Sachen, gingen

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