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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 435 - 436

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Bruder!
Date
1906-05-01
Page
Seite 435 - 436 (sequence 2)
Language
German
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435 Neudatschnikoff: «Bruder!" 436 einander vor: er war Beamter einer Gouvernements- LandschaftsVerwaltung- und reiste in dienstlicher Angelegenheit nach Kiew. Er erwies sich als ein ziemlich intelligenter Mann, der sogar über manche Dinge gewisse Ideen hatte. Wir sassen so ungefähr eine halbe Stunde auf dem Deck. Als es infolge des ziemlich heftigen Gegenwindes recht kühl wurde, begaben wir uns wieder in die Kajüte zurück und beschlossen, uns dem edlen Geschäft des Teetrinkens zu widmen. Bald gesellte sich zu uns auch der lächelnde junge Mann und der Student, die beide Christen waren. Währenddessen war es dunkel geworden Nachdem wir Tee getrunken hatten, sassen wir alle um den Tisch und unterhielten uns. Das Gespräch drehte sich um die Denkwürdigkeiten und historischen Altertümer Kiews. Allmählich nahm das Gespräch einen mehr abstrakten Charakter an. Man begann von Antiquitäten im -allgemeinen zu sprechen und — weiss der Himmel, wie es kam — man geriet auch auf Ludwig XIV. Der Jude, der die ganze Zeit über still am Ende des Tisches gesessen hatte, rückte näher heran und begann immer aufmerksamer unserem Gespräche zuzuhören. Endlich hielt er nicht länger an sich und wandte sich an uns: „Sie sprechen eben von Ludwig XIV", begann er. „Wenn es Ihnen konveniert, will ich Ihnen eine Tabatiere aus der Zeit gerade dieses Ludwig zeigen, die ich zufällig hier in H. erworben habe." Bei diesen Worten zog er seinen grossen Korb unter dem Tisch, hervor und begann ihn zu ötfnen. Gleichzeitig kam auch der Diener in die Kajüte und zündete die über dem Tisch hängende Lampe an. Der Jude hatte bald die Tabatiere hervorgeholt, die wir mit grossem Interesse betrachteten, obgleich sie sich durch nichts Besonderes auszeichnete. „Aber woher wissen Sie denn, dass diese Tabatiere aus der Zeit Ludwig XLV. stammt? Am Ende ist sie gar aus der Zeit Karls des Kühnen?" fragte ihn der Student. „Nun, in dieser Beziehung können Sie mir ganz ruhig vertrauen!" entgegnete der Jude. „Ich beschäftige mich seit meiner Kindheit mit diesen Dingen. Ich komme, so zu sagen, durch ganzEussland und kaufe und verkaufe die verschiedensten Antiquitäten. Wer anders sollte denn in dergleichen Dingen Bescheid wissen, wenn nicht ich? Nehmen wir zum Beispiel dieses Sächelchen," fuhr er fort, indem er aus dem Korb einen Fetzen weissen, mit Gold ausgenähten Stoffes hervorzog. „Sie wissen nicht einmal, wie man solch' ein Ding nennt und ich will Ihnen beweisen, dass diese «tickerei aus der Zeit Alexei Michailowitsch' stammt. Oder dieses Ding da! Sehen Sie, es ist nichts Besonderes daran. Aber geben Sie gut Acht, meine Herren! Es ist dies das Bruchstück eines Panzers aus der Zeit der ersten russischen Fürsten. Ihrer Meinung nach ist es nichts weiter als ein Stück Eisen; nach unserer Auifassung — ist es eine höchst wertvolle Antiquität!" Bald hatte auf dem Tische eine ganze Antiquitätensammlung Aufstellung gefunden. Der Jude nahm vorsichtig, fast andächtig, als ob er eine heilige Handlung verrichtete, ein jedes Ding vom Tische und erläuterte in gebrochener russischer Sprache, seine Worte durch lebhafte Gestikulationen unterstützend, die Geschichte seiner Herkunft. Darauf hüllte er jeden Gegenstand wieder sorgfältig in Papier und legte ihn in den Korb zurück. Diese archäologische Demonstration dehnte sich bis weit über Mitternacht aus. Am andern Morgen stand ich ziemlich früh auf. Der Dampfer hielt am Ufer und lud Holz. Der Jude sass bereits am Tisch und trank Thee. Bald darauf erschienen auch der lächelnde junge Mann und der Student. Der Herr mit dem Bart spazierte am Ufer hin und her und erschien nach einer Weile mit einem Strausse Herbstblumen, die er gepflückt hatte. Nachdem er sich mit allen begrüsst hatte, erzählte er laut, dass in der Damenabteilung unseres Dampfers zwei junge Damen die Reise mitmachten, von denen die eine ziemlich hübsch sei. „Das wäre zu nett, mit ihnen bekannt zu werden," meinte der lächelnde junge Mann. „Ja! Das käme uns recht gelegen. Das ist ganz was anderes, wie Ihre Archäologie," fügte der Student hinzu. „Wie Sie meinen! .... Ich kann Sie mit den jungen Damen bekannt macheu," verkündete plötzlich der Jude. „Kennen Sie die denn etwa?" fragten wir allesamt. „Nun! Allzu langer Zeit bedarf es doch für mich wahrlich nicht, um ihre Bekanntschaft zu machen," entgegnete der Jude. „Ich bin ja schon ein älterer Mann, so dass man es mir wohl nicht übel deuten wird. Bei Ihuen, jungen Leuten, liegt ja die Sache ganz anders. Wenn sie nur aufs Deck kommen, so werde ich in kurzem mit ihnen bekannt sein und sie auch Ihnen vorstellen." „Nun, nun, wir wollen mal sehen," zweifelte der Student. „Ja, gewiss! Sie werden schon sehen!" antwortete der Jude und fuhr fort, seinen Tee zu trinken. Und richtig! Nach zwei Stunden unterhielt sich der Jude in der Tat auf dem Deck mit den beiden jungen Damen. Weiss der Himmel, wie er das zuwege gebracht hatte! Nach einer weiteren halben Stunde hatten auch wir alle — dank ihm — unsere Bekanntschaft mit den Damen gemacht. An diesem Abend tranken wir den Tee in der Damenkajüte, wohin uns die Damen geladen hatten. Am besten fühlte sich der Jude in dieser Gesellschaft, Als Aeltester hielt er sich vollkommen ungezwungen. Er scherzte, erzählte höchst witzige

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