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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 427 - 428

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Hohelied
Date
1906-05-01
Page
Seite 427 - 428 (sequence 5)
Language
German
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427 Das Hohelied. 42S Ob der edle Weinstock schon knospet, Ob die Maulbeerbäume schon blühn. Wusst nicht und wollte mir nicht gestehn, Dass meine sehnende »See!1 mich gelockt, Zu meines Volkes herrlichstem Kleinod. (Sulamit wendet sich.) Sulamit kehre um, kehre um. Dass deine Schönheit anbetend wir schauen! Die Frauen. Was wollt ihr schauen an Sulamit? Salonion. Ihrer Glieder göttlichen Tanz! Leicht als schwebte er über den Boden. Trotz der Schuhe, ist Edle Dein Tritt, Ebenmässig wie Kettenbügen, Die geschwungen des Künstlers Hand, Ist deiner Hüfte schwellender Schwung, "Wie ein kunstgerundeter Becher Wogt deines Nabels köstlicher Kelch In deinem Leib, der ein Weizeahügel Zart mit roten Rosen durchwirket. Doch deine Brüste, hüpfende Rehe, Zwillinge, einer Mutter entsprosst. Turm von Elfenbein ist dein Hals. Deine Augen, Teiche zu Cheschbon, Deine Nase, Libanons Schloss, Und wie Karmels Gipfel dein Haupt. In deines Haares leuchtenden Flechten Liegt dein König gefesselt, verstrickt. O, wie schön bist du meine Liebe, O, wie lieblich lächelst du mir. Aller Welten wildeste Wonne, Meid' ich, Liebste, halte ich dich. Wie ein Palmenbaum ist dein Wuchs. Und Deine Brüste strotzende Trauben. Auf! Ich klimm auf den Palmenbaum, Brünstig will seine Zweige ich fassen, Trauben sollm mir sein deine Brüste Und dein Atem wie Apfelduft. Deinen Gaumen kost ich Avie Wein, Der mir süss durch die Adern rinnet, Schwatzhaft schweigende Lippen macht. Sulamit. Nur meinem Freunde gehör ich an, Weiss auch, ich bin meines Liebsten Verlangen, Lass mich, König, aus deinem Palast Zu meinem .Freunde eilt ich und rief: ..Komm, mein Liebster, wir wollen ins Keld, Wollen bescheiden in Dörfern wohnen, Wollen uns baden im Morgentau, Hand in Hand zum Weinberg wandeln. Sehen ob der AVeinstock schon knospet, Ob die Trauben trächtig sich öffnen, Ob die Maulbeerbäume schon blühn. Dort will ich all meine Liebe dir schenken, Rings schon duften die Blumen der Liebe, Vor uns'rer Tür blühn herrliche Früchte, Die ich, mein Liebster dir aufbewahrt. Ach, wer macht zum Bruder dich mir, Der an der Brust meiner Mutter gesogen. Fänd ich dann auf der Strasse dich, Als deine Schwester dürfte ich dich küssen. Niemand dürfte darob mich schmähn, An meiner Hand ich führte dich dann In das Haus meiner Mutter und lernte Dich mit süssem Moste zu laben, Quickenden Trunk hielt ich stets dir bereit. Bettete doch der einzig Geliebte Seine Linke unter mein Haupt Und umfasste mich sanft mit der Rechten. Drum ich beschwör euch, Töchter von Salem, Jung und schlank, wie Rehe der Flur, Weckt nicht und neckt nicht voll Mutwillen die Liebe, Lasset sie schlummern, bis iliFs gefällt. Zu Hause. Volk. Seht was kommt dort herauf durch die Ebene, Angeschmiegt an ihren Geliebten, Sagt, ist das nicht Sulamit? Der G eliebte. Hier unterm blühenden Apfelbaum, Wo deine Mutter dich Holde gebar, Weckt ich dich einst aus lieblichem Sehlummer, Drückte den ersten Kuss dir als Siegel Heiliger Liebe, auf rosige Lippen. Sulamit. Drück aut dein Herz mich fest wie ein Siegel, Drück wie ein Siegel mich auf deinen Arm. Stark wie der Tod ist die Liebe! Fest wie die Gruft ist Liebeszwang, Heiss wie Feuer ist Liebesglut; Gottes Flamme ist Liehe. Viele Wasser löschen sie nicht. Ströme schwemmen nimmer sie weg, — Gäbe jemand Palastes Schätze, Nimmer erkaufte er Liebe sich, Schmach und Schande nur wär sein Gewinn. Weisst du noch wie die Brüder sprachen: „Kleines Ding von Schwester wir haben, Das noch kaum einen Busen hat. Welchen Gewinn bringt Avohl uns die Schwester Wenn sie einmal erst mannbar wird? Ist sie standhaft wie eine Mauer, Baun ein silbern Schloss wir auf sie. Ist sie jedoch ein bewegliches Pförtchen Legen Zedernriegel wir vor, Dass man so leicht ihr den Schatz nicht raube." --------Ja, ich bin eine standhafte Mauer,

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