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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 429 - 430

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Hohelied
Date
1906-05-01
Page
Seite 429 - 430 (sequence 6)
Language
German
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429 Das Hohelied. 430 Meine Brüste .sind wehrhafte Türme. Darum auch in des Königs Augen Fand ich Unbesiegte den Frieden. — Einen "Weinberg hatte der König, Der ihm abwarf reichlichsten Zins: Doch der Weinberg lockte mich nicht. Meinen Weinberg hatt1 ich vor Augen, Wusste keusch und treu ihn zu hüten, Deinen Weinberg behalt' dir, König, Und behalt den reichlichen Zins. Geliebter. Die du nun wieder im ländlichen Garten Als seine schönste Blume verweilst, Die Gespielen harrn deines Sanges, Lass auch mich dein Lied wieder hören. S ula in it. Flieh' Geliebter schnell wie ein Hirsch, Wie die jungen schlanken Gazellen, Ueber die Balsamhöhen — ------- — v DER MUETZENHAENDLER. Von Ludmilla von Rehren. Nachdruck verbo Durch den nasskalten russischen Märztag wanderte langsam und gebückt der Mützenhändler Tosua Abramowski die aufgeweichte Landstrasse entlang. Er war müde, denn schon sehr früh war er in den weissen Morgenfrost hinaus gegangen aus dem Wirtshaus, in dem er die letzte Nacht verbracht hatte, mit seiner Last von grossen Kartons auf dem Rücken, in denen die Mützen wohlverwahrt lagen. Durch zwei Dörfer war er bereits gekommen und jetzt strebte er dem Gute Narodowo zu, das dem reichen Edelmann Pawel Gawrilowitsch Suwalki gehörte. Dort gab es viel Gesinde und jedesmal, wenn der Mützenhändler erschien, was regelmässig alle Vierteljahr geschah, wurde die Last auf seinem Rücken um ein beträchtliches leichter. Dort hoffte er auch, wie schon so oft, die nächste Nacht zubringen zu können. Mehrere kleine Bauernschlitten begegneten ihm; die Pferde gingen ebenfalls mühsamer wie sonst und hoben schwerfällig die Hufe in dem weichen, halb geschmolzenen Schnee und dem Schmutz der Landstrasse. Abramowski blieb manchmal stehen und sah ihnen nach. Wie schade, dass niemand seinen Weg entlang fahren wollte. Gewiss hätte ihn dieser oder jener, wie schon öfter, gegen ein kleines Entgelt mitgenommen. Aber gerade heute, wo er so müde war, mussten sie alle die entgegengesezte Richtung nehmen. Mit einem Seufzer der Ergebung setzte Abramowski seinen Weg fort. Er kannte das Leben auf der Landstrasse, nur zu gut kannte er es. Schon als kleiner Junge hatte er neben seinem Vater herlaufen müssen, um ihm beim Tragen zu helfen. Daheim sassen die Mutter und der ältere lahme Bruder, der die Mützen verfertigte. Jetzt waren die Eltern gestorben, aber sonst war es beim alten geblieben: Er ging auf der Landstrasse umher und der Bruder arbeitete zu Hause. Aber an Stelle der Mutter waltete jetzt im Hause der Eltern Josuas junges Weib. „Reisende und Kaufleute, die lange fort sind, sollten kein Weib allein daheim lassen", hatte er oft sagen hören, aber er hatte es doch gewagt, sich ein Weib zu nehmen, obgleich er oft in vielen Wochen nur einige Tage zu Hause war. — Als die Sonne schon erloschen war und der Märzhimmel rasch immer grauer und dunkler wurde, ten. stand er endlich vor den langgestreckten Gebäuden von Narodowo. Erschöpft lehnte er einen Augenblick am Tore. Da kam von der anderen Seite her ein zweiter Wanderer. Es war ein ganz alter Mann, der sich nur mühsam an einem Stocke vorwärts bewegte. Er trug einen alten Schafpelz, über dem ein Sack hing und seine geröteten Augen blickten mit einem betrübten und zugleich unsäglich demütigen Ausdruck. Fast zugleich betraten sie die grosse, steingedielte Vorhalle des Gutes, in der bereits eine grosse Lampe brannte, und die eine warme, nach saurem Kohl und Leder riechende Luft erfüllte. Abramowski ging bis in die Mitte der Halle und begann seine Last abzulegen und von den sie verdeckenden Tüchern zu befreien, während der Alte sich erst, sich dabei bekreuzigend, mehrmals tief vor dem Heiligen-Schrein in der einen Ecke verneigte, und dann mit zitternder Greisenstimme, nach Art der russischen Bettler, ein geistliches Lied zu singen anfing. Das Gesinde kam herbeigelaufen; in kurzer Zeit war die ganze weite Halle mit Menschen angefüllt. Eine rüstige, nicht mehr junge Magd, die augenscheinlich die Köchin des Hauses war, sagte einige Worte zu dem alten Bettler und ging mit ihm fort, während die übrigen den Mützenhändler umringten, der jetzt seine Kartons geöffnet hatte. Da gab es Mützen von verschiedenster Grösse und Form: runde Mützen aus blauem Tuch mit einem Sturmleder, sogenannte Baronsmützen, Kaipaks mit Pfauenfeder, wie sie die Kutscher vornehmer Herrschatten trugen und noch viele andere mehr. Ein lebhaftes Stimmengewirr erfüllte die Halle, die Männer, meist junge Burschen, setzten die Mützen auf die Köpfe, um zu probieren wie sie ihnen standen und die Mädchen schauten zu, kauten Sonnenblumensamen und gaben lachend ihr Urteil ab. Und dann wurde gefeilscht, mit der Ausdauer, die nur der Russe kennt: Aber die Mütze ist ganz sicher um 50 Kopeken zu teuer; — für diese hier musst du mindestens 30 nachlassen — nun dann 20. . . „Was gibt es denn, weshalb seid ihr alle von der Arbeit fortgelaufen?" fragte plötzlich eine laute,

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