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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 425 - 426

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Hohelied
Date
1906-05-01
Page
Seite 425 - 426 (sequence 4)
Language
German
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425 Das Hohelied. 426 Dass seine Düfte wallen und fiiessen. Da bist willkommen, einzig Geliebter, In deines Liebchens blühendem Garten, Komm, und geniesse herrliche 'Pracht. Salomon. .Ia, ich komm1 in den herrlichen Garten, Da meine Schwester, du meine Braut. ,la, ich brech von den Myrrhen und Blumen Und ich ess meinen labenden Honig, Und ich trink meinen Wein, meine Milch. Sulamit. Nein, mein König, nicht dir blüht mein Garten, Dir nicht haucht er wonn'gen Duft. Fern weilt mein Freund, doch gegenwärtig Ist meiner Seele das Bild unsrer Liebe. — — Darf ich von meiner Liebe erzählen? Ruhig ich schlummre, doch wach ist mein Herz. Tönt nicht die Stimme des Liebsten? Es klopft: „Oetthe geschwind mir das Pförtchen, du Holde, Täubchen du trautes, öffne geschwind. — Feucht vom Tau sind schon meine Locken Und mein Haar von den Tränen der Nacht." — „Ausgezogen schon hab' ich das Röckchen Frisch gewaschen hab ich die Füsse Soll ich mein Röckchen wieder erst anziehn Soll ich die Füsse mir wieder beschmutzen?" Doch als mein Liebster verlangend die Hand Streckte durchs Gitter, schmolz mir das Herz. Hasch sprang ich auf, dem Liebsten zu öffnen, Finger und Hände troffen von Myrrhen, Damit mein Schatz den Riegel gesalbt. Öffne die Tür dem harrendem Liebsten, Aber mein Liebster war nicht mehr da, War mir entschwunden, während die Sinne Vor seinem Wort vergangen mir waren. Sehnend ich sucht ihn, fand ihn doch nicht, Sehnend ich rief ihn, hörte mich nicht. Irrend mich fanden die Wächter der Stadt. Schlugen mich wund und raubten den Schleier, Zücht'gen Schleier, die Wächter der Stadt. — Hört, ich beschwör euch, Töchter von Salem. AVenn ihr ihn findet meinen Geliebten Sagt ihm, o sagt, dass vor Liebe ich krank. Die Frauen. Was ist vor andern Geliebten dein Liebster, Schönste der Mädchen, sag es doch mal, Was ist vor andern Geliebten dein Liebster, Dass du uns beichtest von deiner Qual? — Sulamit. Schneeweiss, purpurrot ist mein Liebster, Unter Tausenden sah ihr ihn gleich. Feinstes Gold-Diadem ist sein Haupt Kraus seine Locken und rabenschwarz, Seine Augen wie Tauben am "Wasser, Schimmernd im Weiss, wie im Bade von Milch. Blumenbeete sind seine Wangen, Rosenknospen sind seine Lippen, Denen duftende Myrrhe entströmt. Seine Hände so rund wie Zylinder, Glänzend wie Gold und edles Gestein, Elfenbeinschimmernd die Haut seines Leibes, Marmorsäulen sind seine Schenkel Festgegründet auf goldenem Fuss. Majestätisch wie Libanons Wände, Zedernschlank ist seine Gestalt. Süssigkeit entquillt seinem Gaumen. Ganz ist mein Liebster Lieblichkeit. Wisst ihr es nun, ihr Töchter von Salem, So ist mein Liebster, so ist mein Freund. Die Frauen. Sag, wo ging denn hin dein Geliebter, Schönste der Frauen, wo wandt er sich hin? Komm wir wollen ihn suchen mit dir. Sulamit. Tn den Garten ging wohl mein Schatz, In den blumenprangenden Garten. Rosen sammelt zum Strausse er mir. Denn sein bin ich, des einzig Geliebten, Er, der Geliebte, ganz ist er mein, Der unter fernen Rosen jetzt wandelt. Salomon. Schön wie Tirza bist du, Geliebte Züchtiglich wie Jerusalem Und doch furchtbar wie reisiges Heer. Wende von mir deine leuchtenden Augen, Denn sie überwinden mein Herz. Fessellos gleich hüpfenden Gemsen Wallt dein Haar über Nacken und Hals. Deine Zähne wie schneeige Lämmer, Neugeschoren der Quelle entsteigend, Dicht gedrängt und sonder Fehl. Farbenzart und rund wrie ein Apfel Prankt deine Wange im dunklen Gelock. Harren auch sechzig der Königinnen Achtzig Nebenfraim meines Winks, Kann unter tausenden. Mädchen auch wählen. Die sich willig weilfn meinem Wunsch. Eine nur ist meine zärtliche Taube, Sie ihrer Mutter einziges Kind, An ihr hänget, die sie gebar, — Alle Mädchen singen ihr Lieder Und mein Harem singet ihr Preis. Seht und sagt, wer kommt dort gegangen, Die erglänzt, wie das Morgenrot, Mondenkeusch und rein Avie die Sonne Und doch furchtbar wie reisiges Heer? — In den Nusshain war ich gegangen, Nach den Früchten im Tal wollt ich sehn,

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