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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 423 - 424

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Hohelied
Date
1906-05-01
Page
Seite 423 - 424 (sequence 3)
Language
German
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423 Das Hohelied. Und die Zeit des Gesanges ist da. Turteltäubchen girren im Dusch, Würz'ge Süsse quillt in den Feigen, Voll in den Keben duftet der Wein. Komm und lass uns nicht zaudern, Geliebte, Liebe, Geliebte, komme doch bald! Duck dich nicht, schüchternes Täubchen im Spalt. Ragender Felsen, im Dunkel der Berge Zeige mir freundlich deine Gestalt, Lass deine Stimme mir tönen zum Ohr, Denn deine Stimme, du Frohe, ist lieblich, Deine Gestalt, du Holde, ist schön!" Weg mit den Füchsen, den Weinbergs verderben, Denn unser Weinberg knospet und spriesst. „Er, der Geliebte, ganz ist er mein, Ich, seine Taube, ganz bin ich sein. Unter den Blumen grast seine Herde, Bis sich die Sonne im Westen gesenkt, Dann kehre um, Geliebter, und eile, Eil1 wie ein Reh, wie der flücht'ge Hirsch Ueber die trennenden Berge zu mir. Auf meinem Lager in langen Nächten Sucht ich, dem meine Seele sich sehnt, Sucht den Geliebten und fand ihn nicht. Aufsteh'n musst1 ich, die Stadt durchstreifen, In den dunklen Strassen und Gassen Suchen, dem meine Seele sich sehnt. Doch den ängstlich Gesuchten nicht fand ich! „Wächter, die ihr die Stadt durchstreifet, Saht ihr nicht, dem meine Seele sich sehnt? Endlich an jenen Stummen vorüber Fand ich, dem meine Seele sich sehnt. Halt1 ihn gefasst und lasse ihn nicht, Iiis ich ihn führe ins Haus meiner Mutter, Seligster Liebe stilles Gemach. Doch ich beschwör euch, Töchter von Salem Jung und schlank wie liehe der Flur, Weckt nicht und neckt nicht voll Mutwillen die Liebe, Lasset sie schlummern bis ihr's gefällt. Vor dem Palast. Das Volk. Seht was kommt für ein Zug dort daher, Säulen von Weihrauch wallen voran! Das ist des Königs Salomons Sänfte. Sechszig Helden aus edelstem Stamme, Kampfgerüstet, das Schwert an der Seite Hilden des Königs Ehrengeleit. Seht und staunt das Prachtbett an. Zedernholz und silberne Säulen, Goldener Himmel und purpurne Decke Und die Mitte mit Liebe gepolstert Für die Töchter Jerusalems! Töchter Zions steht und schaut Euern König in goldener Krone, Die seine Mutter am Hochzeitstag Ihm voll Freude aufs Haupt gesetzt. Im Palast. Salomon. Lass dich schauen, schöne Geliebte, Deine Schönheit lasse mich schau'n. Deine Augen zärtliche Täubchen, Tief verstecket im dunklen Gelock, Fessellos gleich hüpfenden Gemsen Wallt dein Haar über Nacken und Hals. Deine Zähne wie schneeige Lämmer, Neugeschoren der Quelle entsteigend, Dichtgedrängt und sonder Fehl. Deine Lippen wie Fäden von Purpur, Schwingen zitternd von süssem Ton. Farbenzart und rund wie ein Apfel Prangt deine Wange im dunklen Gelock. Königlich, wie der Turm des Königs David, reckt dein Hals sich empor, 'Pausend Helden hingen die Schilde, Hingen die Arme gern um den Turm. Doch deine Brüste hüpfende IRehe, Zwillinge weidend im Rosenhag. Wenn sich die Glut des Tages verkühlt Und die Dämmerung kosend sich senkt, Will zum Myrrhenberge ich geh'n, Ausruh'n an deinen Weihrauchhügeln. Deine Schönheit ein herrliches Ganze, Keinen Tadel find ich an dir. Komm mit mir zu des Libanons Halden, Schau mit mir von Amanas Höhen, Von des Senirs und Chermons Gipfeln. Dort in Höhlen hauset der Löwe Und des Tigers furchtbar Geschlecht. Doch du beherzest mich, bräutliche Schwester, Trifft ein Glutblick mich deiner Augen, Seh' deines Nackens Weisse ich schimmern, Bräutlich umschlungen von schwarzem Gelock. Ach wie köstlich ist deine Liebe, Du meine Schwester, du meine Braut, Köstlicher dünkt mir als Wein deine Liebe, Köstlicher dünkt mir als Balsam dein Duft, Himmelsbogen sind deine Lippen, Unter der Zunge Honig und Milch. In deinen Kleidern wallt Libanons Duft, Bein und klar ein versiegelter Brunnen, Heiliger Quell im verschlossenen Garten Du meine Schwester, du meine Braut. Drinnen wächst's wie im Paradies. Wächst und treibet köst'iche Frucht. Nardus, Krokus, Zimmet und Kauna, Weihrauch und Myrrhen, edles Gewürz. Deine Seele, des Gartens Brunnen, Bist ein Quell mir lebendigen Wassers, Bergeswasser vom Libanon. Sulamit. Hebe dich Nordwind, weh linder Süd, Durch meines Leibes blühenden Garten,

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