Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Das Hohelied
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 421 - 422 (sequence 2)
- Language
- German
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421 äussere Vorteile locken lässt. Vielleicht hat dieser ethische Kern die alten Erklärer an das Verhältnis Israels zu seinem Gotte erinnert. Hat doch dieses Bündnis dem Volke Israel keine äusseren Vorteile, sondern Leid und Schmerz gebracht wie jede echte Liebe, und hat doch andererseits die Kraft dieser echten Liehe das schwache Volk zum Sieger über Könige und Mächtige gemacht. Dieser Gedankengang mag wohl auch zur Kanonisierung des hohen Liedes geführt haben. Wer also mit dem schlichten Wortsinn sich nicht begnügt, mag auch diese religionsphilosophische Anspielung mitnehmen. Gegen sie ist nichts einzuwenden, solange sie nicht in öde Allegorisierung ausartet, welche den poetischen Zauber der Dichtung zu zerstören strebt. Diesen auch in der Uebersetzung zu erhalten, habe ich mich durch möglichste Anlehnung an den Urtext bemüht. Nur an wenigen Stellen habe ich zum besseren Verständnis des Zusammenhangs und der Verteilung der Reden auf die verschiedenen Sprecher einige Verbindungsverse zugesetzt, Hoffentlich haben diese der Schönheit des Originals keinen Abbruch getan, zu deren Genuss der Leser hiermit eingeladen sei. Im Palast. Sul ainit. Brennende Küsse schenk1 mir dein Mund Deine Liebkosung ist süsser als Wein Köstliche]' Salben duftender Hauch, Also duftet dein Name rings auch. Liebling bist du der Mädchen! Zieh mich doch eilends mit dir aus dem Schloss Dahin der König zur Liebe mich schleppte. Denn meine Seele jauchzt nur nach dir. Trunken vor Liebe denk ich dein. Dein, den die Edelsten schätzen. Bin ich, ihr Töchter Saleins, auch schwarz, Bin in den Augen des Liebsten doch schön, Kädars Gewebe, Salomons Teppich, Sieht nicht mein Liebster, siebet er mich. Glotzt mich nicht an, dass so schwarz meine Haut, Mir hat die Sonne die Wangen gebräunt,. Neidisch mir Avaren die Söhn1 meiner Mutter, Hiessen fremden "Weinberg mich hüten, Meines Weinbergs dürft1 ich nicht achten. Dem meine Seele sich sehnet, o sa«r' mir, Wag' mir, wo deine Herde du weidest, Wo du dann lagerst am sengenden Mittag, Dass ich nicht irre verzweifelt und einsam Irr1 bei den Herden deiner Gesellen. 422 Die Frauen. So du's nicht weisst, du Schönste der Schönen, Folge nur nach den Spuren der Schafe, Treib' zu den Hirtenzelten die Herde. Sulam.it. Spottet ihr Mädchen auch nnsrer Liehe. Spottet ihr mein, es scheeret mich nicht, Hört nur, wie mir mein Liebster sang: „Edler Renner an Pharaos Wagen, So, meine Freundin, schwebst Du dahin, Lieblich steht in den Spangen die Wange, Und unter Perlen biegt sich dein Hals, - Fesseln aus Golde lass ich dir schmieden, Silberne Sterne schimmern darauf."— Ja, meiner Schönheit Ruf ist gedrungen Bis zu des Königs goldenem Thron, Doch nur du, mein einzig Geliebter, Du, meine Traube von Engeddis Hügeln, Sollst mir, wie ein Sträusschen von Myrthe Bräutlich an meinem Ensen ruh'n. ..0, wie schön bist du, meine Holde, Wie einer Taube blickt zärtlich dein Aug.11 ..Herrlicher, schöner bist du, Geliebter, Lass uns auf grünendem Lager frohlocken — Zedern bilden die Balken des Hauses Und die Zypressen schützende Wand. Dort dir erblüh ich als Lilie von Saron, Als deine Hose auf blumiger Au." ..Was unter Dornen die leuchtende Kose Unter den Mädchen bist da, mein Lieb." „Du, mein Schatz, prangst unter den Burschen, Wie im Dickicht ein Apfelbaum, Schatten spendet er kühl meinen Gliedern, Seine Frucht labt süss meinen Mund. Doch ins Haus des Weins und der Schmach, Wo die Fahnen der Lüste flattern Führte mich jener, wie schmerzlich, dahin. Stärkt mich mit Wein und labt mich mit Aepfeln, Krank vor Liebe, krank ach bin ich. Bettete nur der einzig Geliebte Seine Linke unter mein Haupt Und umfasste mich sanft mit der Rechten. Hört, ich beschwör euch, Töchter von Salem »Jung und schlank wie Rehe der Flur, Weckt nicht und neckt nicht voll Mutwillen die Liebe, Lasset sie schlummern bis ihr's gefällt . . Horch — eine Stimme, sie ist's des Geliebten. Siehe er kommt — springt über die Berge, Hüpft einein Reh gleich über die Hügel, Schnell wie ein Hirsch — ersehnter Mann. Und schon stehet er hinter dein Gitter, Lugt durchs Geländer und ruft mir zu: „Auf du Geliebte, komm ineine Holde, Siehe newichen ist Winter und Frost. Bunt schon blühen die Blumen am Boden Das Hohelied.