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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 419 - 420

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Hohelied
Date
1906-05-01
Page
Seite 419 - 420 (sequence 1)
Language
German
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41& 420 DAS HOHELIED. Nachdruck verboten. Nachdichtung von Samuel Nothmann. Einleitung. Solange es einen Frühling", solange es Lieder gibt, haben die Menschen den Frühling und seine schönste Blüte, die Liebe, besungen. Und überall sind Liebeslieder die zartesten, schönsten Perlen in der Schmuekkette der Dichtung. Nur in der jüdischen Literatur wollte man diese Perle nicht in ihrem zarten Glänze leuchten lassen, sondern suchte durch düstern Flor ihre strahlende Eeinheit zu verhüllen. Das Hohe Lied Salomons sollte durchaus etwas anderes sein als ein jubelnder Lobgesang auf die hehrste irdische Dreieinigkeit, Schönheit, Liebe und Frühling. Jüdische und christliche Bibelforscher fanden darin eine allegorische Darstellung des Verhältnisses Gottes zu Israel, bezAv. zur Kirche. "Welche Verrenkungen und Torturen musste es sich gefallen lassen, nur damit das lebensfrische, glühend sinnliche Gedicht nicht die Fesseln der schwächlichen Allegorie sprenge. Und dass es trotzdem lebt und begeisternd wirkt, ist der beste Beweis für seine gesunde Kraft. Andre wieder vermissten jede Einheit und lösten es auf in zusammenhanglose Kriegs-, Hirten-, und Liebeslieder. Nur schwach brach sich das Verständnis Bahn für die innere Einheit und die keusche Reinheit der Dichtung, die entstanden ist aus der innigen Vereinigung von Lenz und Liebe, bei der die Schönheit Pate gestanden. Dies diene zur Rechtfertigung des von mir, leider mit schwachen Mitteln, unternommenen Versuches, einem grösseren Kreise diesen Bora der Schönheit zu erschliessen. Der Inhalt des dramatisch gegliederten Gedichtes ist einfach. Sulamit, ein einfaches Landmädchen, ist von dem König Salomo auf einer Frühlingswanderung entdeckt und in seinen Palast gebracht worden. Dort, inmitten der Haremsdamen finden wir sie zu Beginn der Dichtung. Sehnsüchtig ruft sie nach ihrem geliebten Hirtenknaben, doch nur Hohn der Haremsdamen antwortet ihr. Aber in der Kraft ihrer Liebe wird sie nicht irre, sondern gibt stolz den Spötterinnen ein lebhaftes Bild ihrer Liebe. In Rede und "Wechselrede erzählt sie von sich und ihrem Geliebten und berichtet von zwei hervorstechenden Erlebnissen, einer Frülüingswanderung mit ihrem Hirten und einer nächtlichen Streife nach ihm. Damit schliesst das Bild dieses idyllischen Liebeslebens. Der Dichter bringt uns nun durch die Schilderung des prunkvollen Aufzuges des Königs in Erinnerung, dass jene Zeiten sich jäh geändert. Geschickt wird uns das Herannahen des Zuges, durch den Chor des vor dem Palast sich stauenden Volkes beschrieben Die nächste, wieder im Palast spielende Szene bringt die Werbung Salomons, der durch die Pracht seiner Rede und die Fülle der Lobpreisungen das schlichte Mädchen betören will Doch Sulamith gibt, wenn auch noch zaghaft und ganz in der Redeweise des Königs, ihm zu erkennen, dass sie nur ihrem Geliebten angehöre. Der König verstellt nicht oder will diese Ablehnung nicht verstehen; da wird Sulamith deutlicher uud schildert dem König das Liebes-Idyll, dem sie durch ihn entzogen wurde. Der Spott der Hofdamen reisst sie zu einem begeisterten Hymnus auf die Schönheit ihres Liebsten hin, dem Salomo durch eine Schilderung ihrer Reize und ihres ersten Eindruckes auf ihn begegnet. Als Sulamith sich abwendet, unternimmt er den letzten Ansturm und malt in glühendsten Farben die Freuden der Liebe und das Feuer seiner Begierde. Sulamith antwortet mit der Bitte um ihre Freiheit und schildert schlicht und rein die Freude der Wiedervereinigung mit dem Geliebten. Die letzte Szene versetzt uns in den heimatlichen Garten Sulamiths, wo sie am Arm des Geliebten nach ihrer Entlassung durch den König1 einzieht. Sulamith, wieder völlig sicher in sich selbst, singt den Preis der reinen, standhaften Liebe, die sich durch Geld und Glanz nicht erkaufen lässt. Ihre Brüder hätten aus ihrer Schönheit Kapital schlagen wollen und sie dem König überlassen; sie aber blieb sich und dem Liebsten treu. Mit der Aufforderung des Jünglings an Sulamith, nun wieder ihre Stimme ertönen zu lassen, und einem neckischen Liedchen des Mädchens schliesst das Gedicht. So ist diese Dichtung, weit entfernt, schlüpfrige Haremsgeschichtehen zu bieten, eine Verherrlichung der echten schlichten Liebe, die sich nicht durch

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