Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Das Kulturwerk der Alliance
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 415 - 416 (sequence 2)
- Language
- German
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415 Dr. S. Bernfeld: Das Kulturwerk der Alliance. 416 geschichtliche Bedeutungdiesen Schulen zugesprochen werden muss. Die Unterrichtsstätten der Alliance waren ein Stück zivilisiertes Europa, das mitten in eine geistige Wildnis versetzt wurde. Ich selbst habe noch die Generation gekannt, welche in den alten orientalischen Schulen erzogen war. In diesen Schulen war natürlich von keiner pädagogischen Methode die Eede. Der Unterricht beschränkte sich lediglich auf unser religiöses Schrifttum, und auch dieses lernte die jüdische Jugend ganz planlos Bänke waren in den Schulen unbekannt. Auf einer Strohmatte sass der „Lehrer", auf orientalische Weise zusammengekauert, und vor ihm in derselben Stellung die ihm anvertraute Jugend über die Bücher gebeugt, die hebräischen Worte und deren spanische Uebersetzung gesangsweise vortragend. Der Lehrer hielt einen langen Stock in der Hand, mit dem er auch den am weitesten sitzenden Knaben bearbeiten konnte, wenn er ermüdet in den Singsang nicht einstimmte. Bestimmte Unterrichtsstunden gab es in diesen „Schulen" niemals, denn die Lehrer hatten ausser ihrem Lehramt noch verschiedene Nebenberufe. Sie durften die Schulen verlassen, um Leichenbegängnissen zu folgen, Hochzeitsfeierlichkeiten mitzumachen, bei Krankheiten geheimnisvolle „Besprechungen" vorzunehmen und dergl. Einen Teil dieser Zustände fand ich noch in Belgrad, und es gelang mir nicht leicht, diesen Unfug abzustellen. Die weibliche Jugend erhielt gar keinen Unterricht, weder in allgemeinen Gegenständen noch im Judentum. Eine Frau, die beten konnte, war eine Seltenheit; ebenso selten ein Mann, der den Sinn der hebräischen Gebete verstand. Zur Ehre der orientalischen Juden muss ich aber hervorheben, dass sie in der Synagoge, Männer, Frauen und Kinder, sehr andächtig und anstandsvoll sind. Niemand von ihnen nimmt Schirm oder Stock in ein Gotteshaus mit; ebenso kennt man bei ihnen nicht die unwürdigen Unterhaltungen, welche sonst wohl während des Gottesdienstes gepflogen werden. Die Schulen der Alliance haben namentlich in der Türkei und in den Balkanländern geradezu eine geistige und wirtschaftliche Umwälzung unter den Juden hervorgerufen. In verhältnismässig kurzer Zeit haben die dortigen Juden ihre frühere orientalische Lebensweise, die noch ganz patriarchalisch gewesen war, völlig aufgegeben und alle europäischen Gewohnheiten angenommen. In jeder Gemeinde bildete die Allianceschule den Mittelpunkt für neues Leben, und um sie gruppierte sich alles, was Fortschritt und Kultur erstrebte. Diese rapide Veränderung, die sich im Leben der Juden vollzog, lässt sich nur durch das Wesen der spanischen Juden erklären. Es war dies ein sehr empfänglicher Boden, da die spanischen Juden nicht wie die russischen und polnischen eine eigenartige Entwicklung erfahren haben. Sie hatten sich auch nicht früher so viel und so eingehend mit dem Talmudstudium befasst, und dieses hatte ihnen auch kein eigenes Gepräge aufgedrückt Die vielen Jahrhunderte, welche die spanischen Juden im Orient unter der Herrschaft des Islam zugebracht haben, haben zwar die letzten Reste ihrer früheren hohen Kultur vernichtet, aber keineswegs charakterbildend auf die Juden gewirkt. Als die neue Zeit für sie hereinbrach, hatten sie nichts aufzugeben, es sei denn eine mehr äussere Religiosität, die niemals in ihrem Gemüt feste Wurzel gefasst hatte. Selbstverständlich haben die Alliancesclmlen das religiöse Leben der Juden nicht im mindesten berührt. Aber eine gewisse Lockerung trat doch mit dem Eindringen neuer Lebensanschauungen ein. Das merkwürdige dabei ist, das sich dies alles in den orientalischen Gemeinden widerspruchslos vollzog. Während in ganz Europa ein Jahrhundert hindurch unter den verschiedenen Richtungen des Judentums über die Zulässigkeit und über das Mass der Neuerungen ein heftiger Kampf tobte, während in Russland und in Polen um die Errichtung einer modernen Schule immer gestritten wurde, ging dies in den Gemeinden des Orients überaus ruhig vor sich. Bedenkt man, dass die spanischen Gemeinden im Orient sonst immer in Streit und Hader leben und über jede Kleinigkeit in Aufruhr geraten, muss man über diese Erscheinung geradezu staunen. Vieles lässt sich nur dadurch erklären, dass die Allianceschulen in der ersten Zeit, in Persien und in Marokko ist es noch jetzt so, mehr als einfache Unterrichtsanstalten waren. Ihre Leiter und Lehrer waren in der Regel französische Staatsangehörige, und jedenfalls stand die Schule, da sie von einer französischen Gesellschaft unterhalten wurde, unter dem Schutz Frankreichs. Bei den häufig vorkommenden Ausschreitungen des rohen Pöbels und ebenso bei Uebergriffen der Behörden konnten die Leiter der Allianceschulen mit Erfolg eintreten. Sie galten überall stillschweigend als die diplomatischen Vertreter der gefährdeten Gemeinden. Infolgedessen genossensieunterdenJuden grosses Ansehen, auch trugen sie dazu bei, in den Augen ihrer Glaubensgenossen den Wert der Bildung zu erhöhen. Der materielle Nutzen der Allianceschulen braucht nicht mehr hervorgehoben zu werden. Denn schliesslich liess sich die primitive Lebensweise auf die Dauer doch nicht fortsetzen; auch die wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich im Laufe der letzten vierzig Jahre sehr geändert. Ohne diese Schulen hätten die Juden mit den anderen Bevölkerungsklassen nicht gleichen Schritt halten können und sie wären zweifellos in die drückendste Armut versunken. Indessen darf man bei aller Dankbarkeit für dieses Wirken, doch nicht die Mängel verschweigen, die ihm anhaften. Ich tue dies, weil mir die Alliance in ihren Zielen und ihrem ganzen Wesen durchaus s}^mpathisch ist, und weil ich ferner überzeugt bin, dass alles in bester Absicht geschah und bei besserer Kenntnis der Dinge die Fehler vermieden worden wären. Da nun die Alliance ihre Tätigkeit mit neuer Energie aufgenommen hat, halte ich mich für verpflichtet, auf das der Reform bedürftige hinzuweisen, zumal ich die Zustände aus eigener Anschauung kenne. Als die Allianceschulen begründet wurden, schienen die Leiter anzunehmen, dass das religiöse Leben der Juden durch die Gemeinderabbiner ge-