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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 413 - 414

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Kulturwerk der Alliance
Date
1906-05-01
Page
Seite 413 - 414 (sequence 1)
Language
German
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413 414 DAS KULTURWERK DER ALLIANCE. Von Dr. S. Bernfeld. Die Allgemeine Israelitische Alliance hat in der letzten Zeit eine Reorganisation erfahren, hei der man erfreulicherweise sagen kann, der Kurs bleibt derselbe, wenn auch die Leitung und der innere Betrieh mehr den Bedürfnissen und Ansprüchen unserer Zeit entsprechen sollen. Die Alliance blickt bereits auf nahezu ein halbes Jahrhundert ihres Bestehens zurück. Bei ihrer Gründung schwebte ihr gleich das hohe Ziel vor, in allen Orten, wo die Juden unter politischem Druck leben, für ihre Befreiung einzutreten. In der richtigen Erkenntnis aber, dass die politische Emanzipation allein niemals die Befreiung eines Volkstammes bedeutet, wenn ihm die kulturelle Hebung fehlt, haben die hochherzigen Begründer der Alliance gleich ihre Aufmerksamkeit dem Unterrichtswesen der Juden im Orient zugewandt In unserer Zeit kann es vielleicht auffällig erscheinen, dass die Alliance ihre Tätigkeit hauptsächlich im Orient konzentriert hat. Dies lässt sich aber sehr gut erklären, wenn man die Lage des jüdischen Volkes um das Jahr 1860 in Betracht zieht. Die Verhältnisse lagen damals so, dass in allen europäischen Staaten, mit alleiniger Ausnahme der Balkanländer, die Juden ihre politische Gleichstellung entweder bereits erkämpft hatten, oder auf dem besten Wege waren, sie ohne fremde Hilfe zu erlangen. In Russland, das uns jetzt am meisten interessiert, regierte um jene Zeit Alexander IL, dessen liberalisierende Tendenz auch den Juden sehr erheblich zugute kam. Für das Schulwesen der russischen Juden brauchte damals von aussen gewiss nicht gesorgt zu werden, da die Regierung selbst sich die grösste Mühe gab, die allgemeine Bildung unter den Juden zu verbreiten. Ebenso günstig schienen sich die Verhältnisse der galizischen Juden zu gestalten, und niemand konnte im Jahre 1860 voraussehen, dass dieser Teil unseres Volkes trotz der politischen Gleichberechtigung wirtschaftlich und kulturell so zurückbleiben würde. Man konnte somit annehmen, dass nur die Juden in Asien, in Afrika, in der europäischen Türkei und in den Balkanländern der Hilfe der Alliance bedürfen. Allerdings hat diese Gesellschaft die kulturellen Arbeiten der ganzen Judenheit niemals ausser Acht gelassen. Es ist bekannt, dass sie neben ihrer politischen erziehlichen Tätigkeit auch sehr viel für die Förderung der Wissenschait des Judentums tat und erspriessliche, wissenschaftliche Unternehmungen überall mit bedeutenden Mitteln unterstützte. Die Alliance hat eben ihr philanthropisches Werk von einem höheren Gesichtspunkt aus betrachtet und betrieben. Was ihr grossartiges Kulturwerk in der Errichtung und der Erhaltung der vielen Schulen im Orient betrifft, so glaube man ja nicht, dass dies dne Sache des Zufalls war. Die Alliance hat nämlich ihre Vorgeschichte, die im Jahre 1840 beginnt. Was nach dem Jahre 18G0 ausgeführt wurde, war Nachdruck verboten. zum grössten Teil bereits zwanzig Jahre zuvor geplant. Als Adolf Cremieux in der Begleitung von Salomo Münk nach Aegypten ging, um bei Mehemed Ali für die unglücklichen Opfer der Blutlüge in Damaskus einzutreten, konnten sie die Beobachtung machen, dass nicht der politische Druck allein das Unglück der Juden im Orient ausmache, sondern auch die Unwissenheit, in die sie versunken waren. In den vor einigen Jahren veröffentlichten Briefen Münks finden wir eine überaus trübe Schilderung des Kulturzustandes unter den Juden. Salomo Münk, der das Arabische wie seine deutsche Muttersprache beherrschte, war in Alt-Kairo; pietätsvoll suchte er die Stätte auf, wo der grosse Maimuni gelebt und gewirkt hatte. Schmerzvoll schilderte er die tiefe geistige Finsternis, in der die Juden damals lebten, dass alle Spuren der ehemaligen hohen Kultur, welche die spanischen Juden einst nach dem Orient mitgebracht hatten, längst verwischt waren. Die jüdischen Frauen können nicht einmal lesen, die Männer wissen nichts von der ehemaligen geistigen Grösse der spanischen Judenheit, das Unterichtswesen ist in der schrecklichsten Weise verfallen. Was Münk damals vorschwebte, und man muss ihn durchaus als den geistigen Urheber des später unternommenen Kulturwerks bezeichnen, das war nicht etwa bloss die Hebung des Jugendunterrichts unter den Juden. Er wollte die Renaissance der jüdisch-spanischen Kulturepoche, welche den Höhepunkt des jüdischen Geisteslebens bildet. Politische Gründe haben im Jahr 1840 die Verwirklichung dieses Plans verhindert. Ausser in Frankreich waren noch in keinem andern europäischen Staat die Juden völlig emanzipiert. Zweifellos konnte man sich damals den Mittelpunkt einer jüdischen Alliance nur in Paris denken. Aber durch die törichte auswärtige Politik Thiers' war es gleich nach der Erledigung der schmachvollen Damaskus- Affäre dahin gekommen, dass der Einfluss Frankreichs im Orient für längere Zeit vernichtet war. Später kam die politische Bewegung im Jahre 1848 mit ihren bekannten Folgen. Erst nachdem sich die politischen Verhältnisse in Europa wieder konsolidiert hatten und das Ansehen Frankreichs wieder gehoben war, konnte man die früheren Pläne wieder aufnehmen, und die Alliance wurde auf dem Programm begründet, das schon im Jahre 1840 ins Auge gefasst war. An der Stelle Münks, der damals bereits völlig erblindet war, trat ein anderer jüdischer Gelehrter, Albert Cohn, an Gelehrsamkeit und wissenschaftlicher Bedeutung an Münk gewiss nicht hinanreichend, dafür um so praktischer, tätiger, energischer und organisatorischer. Er bereiste Anfang der sechziger Jahre die Gemeinden des Orients und begeisterte sie in seinen Ansprachen für die Gründung von Schulen und für die Hebung des geistigen Lebens. Wer nicht selbst im Orient gelebt hat, kann sich kaum davon eine Vorstellung machen, welche

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