Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 405 - 406

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Der große Befreiungs-Kampf in Russland
Date
1906-05-01
Page
Seite 405 - 406 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583949-2593523--06233-2593639
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

405 Rechtsanwalt Shdanow: Der grosse Befreiungskampf in Russland. 406 freiheitlichen Bewegung, der gesamten russischen Intelligenz. In Tomsk wurde das Versammlungsgebäude der örtlichen Intelligenz in Brand gesteckt, in Twer wurde das Selbstverwaltungsgebäude geplündert. Bei uns in Moskau wurden die Studenten geprügelt. Während der ganzen Periode der Hetzen konnte sich bei uns kein Student in seiner Studentenuniform zeigen, ohne sich erbarmungslosen Martern und dem Tode auszusetzen. Diese entsetzlichen, verbrecherischen Verfolgungen riefen in ganz Russland einen Sturm der Entrüstung hervor, das ganze Volk verdammte sie, das ganze Volk forderte eine gerichtliche Aburteilung der Schuldigen, forderte die Beseitigung der Vorbedingungen solcher Geschehnisse. Bekanntlich ist das Ministerium des Grafen Witte diesen Forderungen nicht entgegengekommen, es lies die demoralisierte lokale Verwaltung unbehelligt und richtete den ganzen Apparat von Repressalien, Arrestverfügungen, Einkerkerungen und Verbannungen nicht gegen die Anstifter und Förderer der Hetzen, sondern gegen die Träger der freiheitlichen Bewegung, gegen die Arbeiter, Lehrer, Aerzte, Rechsanwälte, Schriftsteller und Journalisten. Diese Politik unseres so überaus konstitutionellen Ministeriums führte zu den eingreifenden Ereignissen der Dezembertage. Was für unerhört grausame Waffen unsere Regierung bei dieser Gelegenheit in Anwendung brachte, ist Ihnen bekannt. Die ganze Welt hat von der barbarischen Bezähmung der Freiheitskämpfer und von den Strafexpeditionen voll unbeschreiblicher Gräueltaten gehört. Doch nicht nur die Revolutionäre wurden von diesen furchtbaren Massnahmen betroffen. Eine ungeheure Anzahl völlig schuldloser Leute hat durch Säbel, Kugeln und Kanonenschüsse Schaden genommen. An den Kreuzungspunkten der Strassen Moskaus waren Kanonen und Gewehre aufgestellt; vom frühen Morgen bis zum späten Abend ertönten Schüsse und Salven. Kugeln und Granaten durchschlugen die Fenster und Mauern der Häuser und brachten Tod und Verheerung; einige Häuser wurden bis auf das Fundament zerstört, dem Erdboden gleichgemacht. . . . Wie viele Menschen durch jene Mordwaffen ums Leben gekommen sind, wissen wir nicht. Die menschlichen Leichen wurden von der Strasse auf die Polizeiwachen gebracht und dort lagen sie in ganzen Reihen, diese furchtbar entstellten und verstümmelten Leichen nicht nur von Kämpfern, sondern auch von Greisen, Frauen und Kindern. . . . Ich darf mir wohl die eingehende Schilderung aller dieser Gräuel ersparen. . . . Wer sie gesehen, wird sie im Leben nicht vergessen. Doch diese unbekannten nicht rekognoszierten Leichen, die nunmehr Massengräber füllen, diese Ströme heissen Menschenblutes, die heissen bitteren Tränen der Hinterbliebenen Witwen und Waisen, legen uns die Pflicht auf, diese Gräultaten nicht zu verschweigen. Unermüdlich müssen wir die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sie lenken und die ganze Kulturwelt muss sie erbarmungslos richten und brandmarken! Der Sturz des Kabinetts Witte hat in die allgemeine Politik der Regierung wenig Veränderungen gebracht. Das neue Kabinett ist aus denselben Vertretern der Bureaukratie zusammengesetzt und befolgt den Trägern der Befreiung gegenüber dieselbe Methode der Bekämpfung. Es verfolgt die besten Vertreter der russischen Gesellschaft und begünstigt die reaktionäre Organisation der schwarzen Hundert. Es belässt die alte, lokale Administration, die sich während der Novembeihetzen hervorgetan hat, im Amte. .. Das Resultat dieser Politik sind neue Judenhetzen, neue Hetzen gegen die gesamte Intelligenz. In Bialystok hat sich das wiederholt, was im November geschehen ist. Auch hier sehen wir, dass die Judenhetze vorbereitet worden ist, auch hier ist die verbrecherische Schar der schwarzen Hundert in Aktion getreten, auch hier hat die lokale Verwaltung an der Hetze teilgenommen. Die Geschehnisse in Bialystok bedeuten zweifellos nicht ein Aufflammen antisemitischer Gefühle der russischen Bevölkerung. Die Judenhetze ist künstlich herbeigeführt worden. Sie ist das Werk der allgemeinen, russischen Gegenrevolution, das von den Gegnern der russischen Befreiung ersonnen und verwirklicht worden ist. Unsere schwergeprüften Mitbürger von Bialystok sind Opfer des Befreiungskampfes, Opfer der blinden Rache der dunklen Gewalten der Reaktion Die öffentliche Meinung Europas muss unvermeidlich auf diese Ereignisse reagieren. Sie muss nicht nur den unschuldigen Opfern ihr Mitgefühl bezeugen, sondern die Anstifter und Förderer solcher entsetzlicher Begebenheiten aufs schärfste verurteilen! Die Zeit ist nicht fern, da derartige Ereignisse von den Seiten der russischen Geschichte verschwinden werden. Die wahre Stimmung des ganzen russischen Volkes und seine Stellungnahme zur reaktionären Politik der Regierung sind in den Ergebnissen der ersten russischen politischen Wahlen mit grösster Deutlichkeit zum Ausdruck gelangt. Die gesamten Millionen der russischen Wähler haben im ganzen unermesslichen Reiche die Anhänger der Reaktion, wie ein Mann, mit Entrüstung zurückgewiesen. Nicht sie, sondern die Führer des Befreiungskampfes, die von der Reaktion verfolgten ,,Rebellen" haben sie als Volksvertreter in das erste Parlament geschickt. Diese Träger des Freiheitsgedankens hat das Volk zu Hütern seiner Interessen bestellt und den grossen parlamentarischen Kampf für das Recht und die Freiheit des Volkes in ihre Hände gelegt. Die scharf oppositionelle und tief demokratische Stimmung der ersten russischen Volksvertretung — der Reichsduma — ist Ihnen natürlich längt bekannt. Was für Meinungsverschiedenheiten in der Volksvertretung späterhin zutage treten mögen — zurzeit ist sie der Reaktion der Regierung gegenüber durchweg oppositionell und demokratisch gesinnt. Auf dem Boden dieser demokratischen Gesinnung der russischen Volksvertretung, auf dem Boden der Einmütigkeit aller Schichten der Bevölkerung Russlands, die die erste Etappe der russischen Freihetisbewegung kennzeichnet, ist letztere unbesiegbar und wird Russland bald der ersehnten politischen Freiheit zuführen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.