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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 407 - 408

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Der große Befreiungs-Kampf in Russland
Date
1906-05-01
Page
Seite 407 - 408 (sequence 3)
Language
German
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407 Rechtsanwalt Shdanow: Der grosse Befreiungskampf in Russland. 40S Zweifellos werden wir noch mit den schweren Folgen des alten Regimes, mit der Demoralisation unserer verzweigten Verwaltung und mit der Stumpfheit der untersten Schichten der Bevölkerung zu rechnen haben. Doch diese unvermeidlichen Folgen einer vielhundertjährigen Bedrückung sind nicht unabänderlich. Sie werden wie nächtliche Schatten weichen, wenn die warmen Strahlen der politischen Freiheit sich über ganz Russland ergiessen und seine dunkelsten Winkel durchdringen werden. Dann wird im Lichte des Tags ein neuer, doch unblutiger Kampf zur Beseitigung der politischen und sozialen Ungerechtigkeiten beginnen, dann wird das grosse Werk des Aufbaues des sozialen Glücks derbreitenMassen seinen Anfang nehmen. Die Verwirklichung der hohen Ideale sozialer und politischer Gerechtigkeit ist das Ziel aller wahrhaft freiheitlichen Bestrebungen. Die Aufgabe der Befreiung der Persönlichkeit ist allen Völkern der Erde gestellt, deshalb erweist sich das russische Befreiungsproblem als ein Universalproblem. Aus diesem Grunde dürfen alle wahren Freunde der Interessen des Volks sich gegen den russischen Befreiungskampf nicht teilnahmslos verhalten. Sie müssen das russische Volk mit ihren Sympathien unterstützen. Dies erheischt das Ideal der Freiheit und des sozialen Fortschritts der ganzen Menschheit. BIALYSTOK — CHRISTLICHE NAECHSTENLIEBE? Von Dr. Julius Moses.*) Am vorigen Sonntag feierte die „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden zu Berlin" ihr Jahresfest, und Pastor Bieling hielt wiederum eine seiner von Jahr zu Jahr sich stets gleichbleibenden Missionspredigten, in denen er über die Tätigkeit seiner Gesellschaft mit grossem Pathos und noch grösserem Bedauern über die Erfolglosigkeit seiner Arbeit zu berichten pflegt: „Wir müssen dem jüdischen Volk, das im Finstern wandelt, noch weit mehr denn je die Wege seines Gottes deuten". — ,,Wir müssen überall und unter allen Umständen Christen sein, selbst dann, wenn unser natürlicher Mensch sich dagegen aufbäumt". — Und am Schluss seiner Rede: „Nur kein totes Gewohnheitschristentum! Schöne Worte und äussere Kirchlichkeit helfen uns nicht! Das gewinnt die Juden nicht! Das haben sie selbst genug 1 Ein Zeugnis muss unsere Predigt sein, das aus der Tiefe quillt, ein lebendiges Zeugnis von dem Heiland, der die Herzen erfüllt und selig macht 1" — Nun wohl! Ihr Herren: „Ein Zeugnis soll Eure Predigt sein, das aus der Tiefe quillt, ein lebendiges Zeugnis, das die Herzen erfüllt und selig macht." Wohlan! Ihr Henen Missionare! Zieht hinüber zu Euren christlichen Brüdern nach Russland und ihnen predigt das Christentum „das aus der Tiefe quillt, ein lebendiges Zeugnis von dem Heiland, das die Herzen erfüllt und selig macht." „Wir müssen Christen sein überall und unter allen Umständen, selbst dann, wenn unser natürlicher Mensch sich dagegen aulbäumt!" Ja! Seid doch erst Christen überall oder werdet doch erst *) Am Donnerstag, den 21. Juni, fand eine von der Zionistischen Vereinigung Berlin einberufene, von über 2000 Personen besuchte Protestversammlung statt, die sich zu einer imposanten Kundgebung gegen die russischen Judenmassakers gestaltete. Zu den Rednern des Abends gehörte neben Rabb. Dr. Weisse, Dr. Klee, Prof. Philippson, Dr. Paul Nathan, Rabb. Dr. Emil Levy und Schriftsteller Klausner auch Herr Dr. Julius Moses-Berlin, dessen Ausführungen an jenem Abend uns als ganz besonders charakteristisch für unsere Zustände erschienen und die wir daher für wertvoll genug erachteten, um sie an dieser Stelle nach unseren stenographischen Aufzeichnungen wiederzugeben. Nachdruck verboten. Christen unter allen Umständen, zeigt uns doch das christliche Zeugnis, das aus der Tiefe quillt, das lebendige Zeugnis von dem Heiland, das die Herzen erfüllt und selig macht! Und wenn ihr alljährlich, wie ihr es selbst in Euren Berichten zugesteht, Tausende und Abertausende nutzlos und mit so geringem Erfolg verschwendet, um den Juden das Christentum zu predigen, warum schickt Ihr nicht Eure Missionare und Apostel hinaus in die "Welt, hinüber in das russische Knutenreich, um erst Euren christlichen Brüdern dort drüben das wahre Christentum zu predigen? Euren christlichen Brüdern, die Euer Christentum schänden und in den Kot ziehen, da sie Kinder morden, wehrlose Greise abschlachten, Frauen schänden, plündern, stehlen und rauben. Wahrlich! Herr Pastor Bieling hätte am vergangenen Sonntag, zu derselben Zeit, als man dort drüben unsere Schwestern und Brüder abschlachtete, kein passenderes Bibelwort zu seiner Judenmissionspredigt wählen können, als unter Hinweis auf die zu gleicher Zeit von Christen an Juden verübten Greuel in Russland, das: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" Und nicht nur den wilden christlichen Horden drüben in Russland, nein, auch den christlichen Regierungen des westlichen Europas mag er das: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" predigen. Den christlichen Regierungen, die sich, wenn sie zu unchristlichen Massnahmen ihre Zuflucht nehmen, hinter die nationalen" Interessen ihres Staates verschanzen, die nationalen Interessen, die sich in einer angeblich so vorgeschrittenen Kulturepoche nun und nimmer mehr mit den höchsten Begriffen der jüdischen und damit der christlichen Ethik und Moral in Widerstreit hefinden dürfen! Ihr Herren Judenmissionare, vergeudet doch nicht nutzlos Eure Kraft und Eure Zeit und Euren Geist und Euer Geld an einem so störrischen Volk und gehet hin und hebt diese höchst ethischen und sittlichen Lehren des Judentums und damit auch des wahren Christentums aut Euer Panier und Ihr werdet den nationalen Interessen unseres deutschen Vaterlandes den grössten Dienst erweisen!

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