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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 403 - 404

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Der große Befreiungs-Kampf in Russland
Date
1906-05-01
Page
Seite 403 - 404 (sequence 1)
Language
German
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403 404- DER GROSSE BEFREI UNGS-KAMPF IN RUSSLAND. Von Rechtsanwalt Shdanow. (Mitglied des Zentralbureaus der Kadetten-Partei in Moskau). Nachdruck Die Ereignisse von Bialystok sind keine vereinzelten Erscheinungen im stürmischen Verlauf der Begebenheiten der letzten Monate in Russland. Das Hinschlachten unschuldiger Menschen, die bestialische Folterung schutzloser Frauen und Kinder, Brandstiftungen, Plünderungen und Gewalttätigkeiten, all diese Schrecken der Judenhetzen hat das russische Volk, im Kampfe um seine Menschen- und Bürgerrechte, im Kampfe um die Grundlagen seiner -bürgerlichen Existenz, mehr als einmal ertragen müssen. Auch die letzten Geschehnisse in Bialystok nahmen in der Reihe all dieser Vorgänge keine Sonderstellung ein. Man würde sehr fehlgreifen, wenn man die Judenhetze in Bialystok auf den Antisemitismus der russischen Bevölkerung zurückführen wollte. Diese schwere Beschuldigung des russischen Volkes muss zurückgewiesen werden. Blutgierige Neigungen liegen dem russischen Volke fern. Sie haben das Unglück von Bialystok nicht heraufbeschworen. Dunkle reaktionäre Gewalten haben es künstlich geschaffen. Es stellt eine Teilerscheinung jener wüsten Gegenrevolution dar, die in Russland von den erbitterten und verbrecherischen Handlangern der Reaktion in die Wege geleitet worden ist. Sie wissen, dass das russische Volk bis zu den denkwürdigen Oktobertagen zwar mit scharfen, doch den Forderungen der Kultur entsprechenden Waffen um seine Freiheit gekämpft hat, es fanden zwar vereinzelte Attentate Verzweifelter, abrr keine Aufstände ganzer Städte statt. Als durch die Tragödie im feinen Osten die ganze Erbärmlichkeit des bureaukratischen Polizeiregimes, das Russland in Schmach und Schande gestürzt hatte, vor aller Welt offenbar geworden war, flutete die mächtige Welle der Freiheitsbewegung mit unwiderstehlicher Gewalt durchs ganze Land und brachte die Grundpfeiler des russischen Staatslebens, die für unerschütterlich gegolten hatten, ins Wanken. Bei uns gab es zwischen den einzelnen Klassen und Ständen keine Unterschiede, durch die die sozialen Kräfte verringert und Zwist und Missstimmung gesät worden wären. Bei uns vereinigten sich alle Schichten der Bevölkerung, der Adel und die Bauern, die städtische Intelligenz und.die Arbeiter auf dem Boden der Forderung einer Volksvertretung. Die gesamte Gesellschaft erhob unermüdlich, in allen ihren zahllosen Organisationen, Zusammenkünften und Versammlungen, mit erstaunlicher Einmütigkeit, stets dieselben freiheitlichen Forderungen. Die Bewegung schwoll rasch an. Sie zog im Volke immer weitere Kreise. Sie ergriff die Bevölkerung in immer höherem Grade. Sie rief immer neue politische Vereinigungen und professionelle Verbände ins Leben. Sie schloss alle produktiven Kräfte des Landes zu einer Einheit zusammen und führte alsbald zum grossartigsten Ereignis der Geschichte des sozialen Lebens in Russland zum Eintreten und heldenhaften Hervortreten der russischen Arbeitermassen im Kulturkampfe. Mit verboten erstaunlicher Einmütigkeit, mit erstaunlicher Selbstverleugnung vereinigten sich die nach Millionen zählenden Massen der russischen Arbeiter und entschlossen sich, ohne vor Verfolgungen und schweren materiellen Schädigungen zurückzuschrecken, im grossen Befreiungskampfe des russischen Volkes zu einem neuen, dem Standpunkt unserer Kultur entsprechenden, doch unsagbar wirksamen Kampfmittel — dem allgemeinen Streik — zu greifen. Und sie haben ihn zur Tatsache werden lassen. Indem sie ihre Fahne, auf der die Forderung einer Befriedigung der Bedürfnisse des Volkes geschrieben stand, erhoben, setzten sie die mächtigste Triebfeder des sozialen Lebens der Gegenwart — die Arbeit — ausser Tätigkeit. Wie auf einen Wink mit dem Zauberstabe, stockte das Leben in den beiden Hauptstädten und in vielen anderen Städten des uneimesslichen, russischen Reiches. Die Eisenbahnen, die Beleuchtung, die Wasserleitungen, die Fabriken, die Kaufläden, die Universitäten und Gymnasien, ja selbst die Gerichte und geistlichen Konsistorien verharrten in Untätigkeit. Alles erstarrte in drohender Spannung. Gegen einen solchen mächtigen Druck der sozialen Kräfte konnte der alte Bau nicht standhalten. Die Regierung musste der so machtvoll geäusserten allgemeinen Forderung einer Volksvertretung Genüge leisten. Mit ihrem Oktobermanifest hat sie diese Konzession feierlich dokumentiert. Das ganze Land atmete erleichteit auf. Wie durch einen Zauberschlag erschienen Licht und Wasser, setzten sich die Eisenbahnen in Bewegung, nahmen die Fabriken die Arbeit wieder auf, begann das Leben zu erwachen und zu blühen. Bald aber wurden die Freudenrufe der Bevölkerung, die die Erlangung des grössten politischen Heiles, der politischen Freiheit feierte, vom Stöhnen unschuldiger Opfer und dem Schrei des Entsetzens übertönt. . . . Es geschahen schreckliche Dinge. Die erbitterte Reaktion, die sich mit dem Zusammenbruch des alten Regimes, das ihr auf Kosten von Leiden und Entbehrungen des Volkes, Wohlleben und Vorteil verschafft hatte, nicht aussöhnen konnte, entfaltete eine furchtbare, verbrecherische Tätigkeit: im ganzen unermesslichen Russland, im Kaukasus und an den Ufern des Eismeeres, in Polen und Sibirien, in den verschiedensten Städten und Ortschaften tauchte die organisierte Masse der Hefe der Gesellschaft auf und übte ungehindert, unter Beihilfe von Spionen und provozierenden Persönlichkeiten, ihr blutiges Gericht an denen, die ihr als Träger der freiheitlichen Bewegung bezeichnet worden waren. Hierbei hatten unsere jüdischen Mitbürger natürlich am meisten zu leiden. Unsere Bureaukratie hatte sie durch schwere Bedrückung und Verfolgung zur Opposition gedrängt und rächte sich nun für diese oppositionelle Stimmung. Doch waren die Hetzen im Oktober nicht nur gegen die Juden gerichtet, sie galten allen Trägern der

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