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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 397 - 398

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Die Vorgeschichte des Bialystoker Pogrom
Date
1906-05-01
Page
Seite 397 - 398 (sequence 2)
Language
German
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397 Die Vorgeschichte des Bialystoker Pogrom.. 398 Wasiljew, der auch die Drohung gehört hatte, äusserte zu Eaigrodsky, er brauche darüber nicht an den Gouverneur zu telegraphieren, sondern tonne sich auf eine Veröffentlichung in der Presse beschränken; Scheremetjew sei in einer nervösen Aufregung, weil bei der Polizei die Ueberzeugung herrsche, dass man nicht Derkatschew, sondern Scheremetjew habe ermorden wollen, und die Anarchisten bei der Ueberführung der Leiche Derkatschews aus dem Krankenhaus die wiederum für Scheremetjew bereit gehaltene Bombe nur aus Mitleid mit dem Publikum nicht geschleudert hätten. * * * b. Die Audienz beim Gouverneur. Als die führenden Kreise der Juden von Vorerzähltem unterrichtet wurden, beschloss man eine Deputation zum Gouverneur zu schicken. Bereits nach 3 Stunden waren drei Herren (Dr. Isserson, Bankier Goldberg und Dr. Eaigrodsky) in Grodno. Dort gesellte sich zu ihnen der Grodnoer Babbiner Halpern: Um 9!/4 Uhr abends am 12. Juni (30. Mai) wurde die Deputation vom Gouverneur Kister sehr kühl empfangen. Kurz vorher hatte die Deputation eine Depesche aus Bialystok erhalten, dass in der Stadt sehr glaubwürdige Gerüchte über einen für Donnerstag, den 14. Juni, geplanten Pogrom umgingen und dass der Gouverneur um Schutz gebeten werden möge. Der Gouverneur erklärte, hinsichtlich des Kranzes nichts tun zu können; er sei ausserstande, die Gefühle seiner Untergebenen zu vergewaltigen. Der Hass der Bialystoker Polizei gegen die jüdische Gesellschaft sei ihm durchaus verständlich; man schiesse auf die Behörde wie auf Auerhähne; bereits wolle niemand die Polizeifunktionen in Bialystok übernehmen; es vergehe keine Woche, in welcher nicht ein Schutzmann, ein Polizeiaufseher usw. ermordet würde. Das machten die Juden; darum könnten keine besseren Beziehungen zu den Juden obwalten. Auf die Einwendung, es könne doch unmöglich die ganze jüdische Bevölkerung für die Taten einiger nicht entdeckter Verbrecher verantwortlich gemacht werden, um so weniger als auch die jüdische Bevölkerung selbst andauernd von den Anarchisten terrorisiert würde, erwiderte er: die Mörder sind unzweifelhaft Juden und sind als solche Mitglieder der jüdischen Gesellschaft. Die Juden selbst müssten der Polizei zu Hilfe kommen, die Anarchisten nennen und ausliefern; sie müssten den Anarchisten, der auf einen Polizisten schiesse, auf der Stelle töten; sie müssten sich zum Kampf mit den Anarchisten und der Kampforganisation des „Bundes" organisieren .... „Sie verlangen von der Polizei alles und geben ihr selbst nichts, ich kann also bezüglich des Kranzes nichts tun: der Protest geht nicht nur von Scheremetjew aus, sondern von der ganzen Polizei, nur sind die einen kühn und offenherzig wie Scheremetjew, die anderen nicht, genieren sich vor Ihnen, denken aber dasselbe", Die Deputation entgegnete: „Es sei begreiflich, dass in Bialystok die meisten politischen Verbrecher Juden sind, da sie hier 80% der ganzen Bevölkerung ausmachen; in Moskau, Simferopol, Saratow seien es die orthodoxen Eussen, in Polen — die Polen, in den Ostseeprovinzen — die Letten und Litauer. Von den Anarchisten seien nach einer Erklärung des Polizeimeisters Fedossow selbst, H/4 der Polizei bekannt und sie könne sie jeden Augenblick verhaften lassen. Ja, erwiderte der Gouverneur, aber was werden die liberalen Zeitungen dazu sagen; sie lärmen schon immerzu, dass die Gelängnisse überfüllt sind; und unsere Eeichsduma! wenn diese doch nur in Bialystok zu sprechen und zu handeln versuchen würde!" Hinsichtlich des befürchteten Pogroms erklärte der Gouverneur fast wörtlich: „Meiner Pflicht un d meinem Eide gehorchend, werde ich alle Massnahmen ergreifen, um den Pogrom in Bialystok zu verhindern, und, sollte er ausbrechen, ihn sofort unterdrücken. Ich werde veranlassen, dass genügend zahlreiche Truppen in die Stadt einrücken, um den Uebeltätern Einhalt zu gebieten. Sollte man jedoch bei Ihnen mit der Ermordung von Polizeibeamten nicht aufhören, so garantiere ich nicht für die Zukunft!1' Die Deputierten versetzten, der Pogrom sei doch nicht nur am nächsten Donnerstag, sondern jederzeit möglich; dürfe denn die jüdische Bevölkerung nicht auch für die Zukunft auf den Schutz des Gouverneurs rechnen? „Nein", antwortete der Gouverneur, „da die Juden auch auf die Soldaten schiessen und die Wut unter dem Militär wächst, so kann eine Zeit kommen, in der man mit dieser Wut nicht fertig wird. Ich werde allerdings auch dann meine Massregeln ergreifen. .. Sollte am Donnerstag etwas los sein, so lassen Sie mich durch den Polizeimeister telephonisch benachrichtigen. Ich werde das nötige tun, natürlich, wenn das Telephon unbeschädigt bleibt." Der Gouverneur bemerkte weiter, dass gegen die Verbrechen der Eevolutionäre ein energisches Vorgehen des Militärs immer noch das wirksamste Mittel sei. „Am 30. Juli vorigen Jahres hat man einige Leute erschossen, und wir hatten darauf ein halbes Jahr lang Buhe. Wenn ich der Beerdigung Derkatschews beiwohnen würde und einen Schuss hörte, würde ich selbst das Militär zu energischem Vorgehen auffordern." „Und wenn es der Schuss eines Provokateurs wäre?" wendete ein Deputierter ein. „Ja, dann gibt es keine Verwundeten!" bemerkte der Gouverneur und gab somit die Möglichkeit einer Provokation zu. Er schloss die Audienz mit der Erklärung: „Ihre Klage gegen Scheremetjew weise ich zurück; für Donnerstag garantiere ich, und Sie können die jüdische Bevölkerung beruhigen; für die Zukunft übernehme ich keine Verantwortung. Ich glaube die Eegierung wird über Bialystok den Kriegszustand verhängen müssen, vorläufig muss Scheremetjew in Bialystok bleiben, weil ein so kühner und tätiger Beamter für die jetzige gefahrvolle Zeit am besten geeignet ist." * * c. Die Audienz bei dem Divisions= Kommandanten. Die Deputation kehrte nach Bialystok zurück und wendete sich noch an den Divisionskomman-

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