Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Die Vorgeschichte des Bialystoker Pogrom
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 399 - 400 (sequence 3)
- Language
- German
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399 Die Vorgeschichte des Bialystoker Pogrom. 400 (lauten, General von Bader, derselbe der nach dem Pogrom zum Generalgouverneur ernannt wurde. General von Bader machte gleich dem Gouverneur alle Juden für die Bombenwürfe verantwortlich; die Deputation möge für ein zurückhaltendes und ruhiges Verhalten der Juden während der Prozessionen Sorge tragen; man solle es unterlassen, von den Balkons oder aus den Fenstern zu schiessen und Bomben zu werfen. Die Deputation fragte: durch welche Mittel sollen wir den Schüssen oder den Bombenwürfen von Provokateuren vorbeugen? „Es gibt keine Provokateure" antwortete der Herr von Bader und entliess die Deputation. Das war Mittwoch abend, nun kam der Donnerstag mit all seinen Schrecken. DAS BLUTBAD VON BIALYSTOK. Von Dr. med. Julius Brutzkus, Petersburg. Ich komme soeben aus Bialystok, wo ich drei schwere Tage verlebte, indem ich als Arzt die entstellten Leichen auf dem jüdischen Friedhofe besichtigte, die Wehrufe der gequälten Menschen im Krankenhause anhörte, die eingeschüchterten und niedergeschlagenen Augenzeugen der unerhörten Oräuel zu vernehmen hatte. In der Dumakommission, die extra von Petersburg nach Bialystok abgesandt war, hörte ich die haarsträubensten Aussagen mit an. Ich begleitete als ortskundiger Zeuge den Staatsanwalt und Untersuchungsrichter auf ihrer Fahrt nach den Spuren der Verbrechen, sie konnten sich kaum des Schluchzens erwehren. Ich will ihre Nerven mit der Schilderung der schrecklichen Bilder, welche der jüdische Friedhof den Zuschauern bot, nicht allzu sehr quälen. Die Einbildungskraft eines modernen Europäers ist zu sehr verwöhnt, um diese Bilder in sich aufnehmen zu können. Das Leben hier ringsum ist zu human, um sich plötzlich in die Umgebung vertierter Menschen betes humaine hineinversetzen zu können. Als vor 3 Jahren nach dem Kischinewer Blutbade die schrecklichen Nachrichten von den dortigen Grausamkeiten zu unsgelangten, schwankte ich selbst — der ich in Russland geboren bin und dort mein ganzes Leben verbracht habe — ich sage, ich selbst wankte lange, ob ich all den Gerüchten vollen Glauben schenken durfte. Jetzt sah ich mit eigenen Augen die Nägel, die in die Köpfe geschlagen waren, die ausgeschnittenen Augen, die abgehauenen Glieder. Ich sah die kleinen Kinder, die mit Bajonetten erstochen, mit den Händen erwürgt worden sind. Im Laufe von ganzen drei Tagen feierten bezahlte Mörder, betrunkene Soldaten, sogar Offiziere und Polizisten eine blutige Orgie, verwandelten sich in wilde Bestien, ergötzten sich an dem langsamen Hinmartern und Tode ihrer hilflosen Opfer. Das alles geschah mit Zustimmung vieler zwar nicht Nachdruck verboten. aller Offiziere, Generale, Polizeichefs, um den grausamen Befehl zu erfüllen, der aus Petersburg nicht etwa von der legitimen Regierung, sondern von dem allmächtigen Anstifter der Bartholomäustage Trepow war. Das Bialystoker Blutbad ist augenblicklich die letzte und schrecklichste Seite der blutigen Chronik, die anhebt mit der reaktionären Regierung Alexander III und Pobjedonoszews seit dem Jahre 1881. Drei Hauptziele hat sich die Regierung in bezug auf die jüdische Bevölkerung gestellt: den wirtschaftlichen Ruin, die Niederdrückung des kulturellen Niveaus und die vollständige soziale Desorganisation der Juden. Das erste Ziel hat die Regierung in den letzten 25 Jahren vollkommen erreicht. Die jüdische Masse ist durch ein Netz von Einschränkungen und allerlei Unterdrückungen auf den Weg des Hungertodes gebracht worden. Ich werde mir erlauben, hier den bekannten Professor Besobrasow, einen orthodoxen Christen, zu zitieren: „Ihre Wohnungen sehen aus wie verlassene und vernachlässigte Stallungen, ihr ganzer Besitz besteht aus einem Haufen von Trödel. Die Mütter haben keine Milch, die Väter kein Geld. In der Vergangenheit gab es für sie nichts als Hunger und nichts anderes kann ihnen auch die Zukunft bringen. Um so zu leben, muss man eine unglaubliche Geduld besitzen. Wie kann man unter solchen Umständen noch ruhig bleiben, woran soll man denn noch glauben, aber diese unglücklichen Juden, die so sehr durch das ungerechte Schicksal bedrängt sind, sie ertragen ihre Leiden und glauben fest an ihren Gott. Sie stehlen nicht, sie morden nicht, sie suchen nur Arbeit, sie sind nicht nur ehrliche Leute, sondern geradezu selbstlose willensstarke Märtyrer. Im Gefängnis erhält jeder Sträfling seine Pritsche, sein tägliches Mittagbrot. Im schlimmsten Gefängnis ist das Leben angenehmer, als in einer jüdischen Vorstadt."