Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Die Vorgeschichte des Bialystoker Pogrom
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 395 - 396 (sequence 1)
- Language
- German
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395 396 DIE VORGESCHICHTE DE (Spezialbericht des Abgesandten a. Die Drohung des Polizeirats Scheremet jew. Am 11. Juni (29. Mai) beschlossen Vertreter der Bialystoker Juden als Zeichen ihres Protestes gegen die Ermordung des Polizeimeisters Derkatschew und als Beweis ihrer Sympathie für die Familie des Ermordeten einen Kranz an seinem Sarge niederzulegen mit der Inschrift „Derkatschew von der jüdischen Gesellschaft gewidmet". Man beschloss ausserdem, sich offiziell an der Beerdigung zu beteiligen. Da die für die offizielle Vertretung Auserwählten zu bedenken hatten, dass man für jede Mordtat, deren Urheber nicht entdeckt sind, die Juden verantwortlich zu machen pflegt, so entschloss sich Dr. Kaigrodsky auf die Polizei zu gehen, um sich über die Stimmung daselbst zu informieren. Er traf zuerst den Polizeisekretär Kutschinsky, der ihm erklärte, dass kaum irgend jemand gegen das Vorhaben der Juden etwas haben würde. Am folgenden Tage forderten Babbiner Mohilewer und Herr Walk, Dr. Baigrodsky auf, zu ermitteln, ob es wahr sei, dass Scheremetjew, der stellvertretende Polizeimpistergehilfe, erklärt hätte, den Kranz von den Juden nicht annehmen zu wollen. Dr. Baigrodsky ging zu dem Stellvertreter des Polizeimeisters Fedossow, der ihm erklärte: Ich persönlich habe gegen den Kranz nichts einzuwenden, aber einige Polizeibeamten sind damit nicht einverstanden, ebensowenig, wie es scheint, die Witwe des Verstorbenen. Gleich darauf erhielt Fedossow von Herrn Jaroschenko, den der Gouverneur mit seiner Vertretung bei der Bestattung beauftragt hatte, die telephonische Mitteilung, dass den Juden — als Kompromiss — gestattet werde, ihren Kranz vor der Ueberführung der Leiche nach Wilna auf den Bahnhof zu bringen. Darauf äusserte Baigrodsky, dass die Juden es unter ihrer Würde hielten, in heimlicher Weise und gegen den Willen der Witwe den Kranz niederzulegen Nun trat der Isprawnik Badecky hinzu. Fedossow belehrte ihn über die Sachlage, Badecky meinte, soviel er wisse, hatte Derkatschew, und auch seine Frau, so viele Freunde unter den Juden, dass er die Zurückweisung des Kranzes seitens der Witwe für völlig ausgeschlossen halte; er fragte Fedossow, ob er die Witwe persönlich gesprochen habe. Das war zwar nicht der Fall, aber andere Polizeibeamten, die gegen den Kranz waren, hatten sie am vergangenen Tage besucht. „Dann ist es eine Intrige Scheremetjews", rief Badecky aus und empfahl Fedossow, selbst mit der Witwe zu sprechen. Fedossow bat Dr. Raigrodsky, ihn nach zwei Stunden wieder aufzusuchen; er werde sofort telephonisch den Gouverneur um Bat bitten. Inzwischen versammelten sich die jüdischen Vertreter und beschlossen prinzipiell, sowohl auf den Kranz wie auf eine offizielle Abordnung zu verzichten. Um Klarheit zu schaffen, wollte man jedoch den S BIALYSTOKER POGROM. der Alliance Israelite Universelle). Nachdruck erwünscht. Bescheid Fedossows einholen. Auf der Polizei traf Baigrodsky den Untersuchungsrichter Wischnewsky und den Gendarmerieoberst Gribojedow, denen er die Sache vortrug. Beide zeigten sich empört über die Haltung Scheremetjews und wollten es gar nicht glauben. Gribojedow riet, auf Fedossow zu warten; Wischnewsky schlug vor, ohne Bücksicht auf Scheremetjew den Kranz zu überbringen. Baigrodsky erklärte, dass es für die Juden sehr geiährlich wäre, gegen den ausgesprochenen Willen des letzteren zu handeln, da nach der Bestattung derselbe militärische Pogrom ausbrechen könne, der in Hornel unter ähnlichen Umständen entstand. Wischnewsky bemerkte, class er von einem solchen Vorhaben nichts gehört hätte, aber für den 14. Juni sei eine Gefahr nicht ausgeschlossen; an diesem Tage wären Zusammenstösse und ein Pogrom möglich, da die Geistlichen vom Altare predigen würden. .. Das war das erste Mal, dass Herr Baigrodsky von behördlicher Seite über die Möglichkeit eines Pogroms am 14. Juni sprechen hörte. Er äusserte sogleich seine Besorgnis gegenüber dem Gendarmerieoberst Gribojedow. Dieser aber versicherte, dass ein Pogrom nicht zu erwarten sei; sollte er beginnen, so würde eine Eskadron Dragoner genügen, um ihn im Keime zu ersticken. Nunmehr erschien im Auftrage der Witwe Derkatschews Herr Zabludowsky und teilte mit, dass sie absolut nichts gegen den Kranz hätte, vielmehr für die Nieder legung des Kranzes nur Dankbarkeit haben würde. In diesem Augenblicke trat Scheremetjew herein, und als er die Worte Zabludowskys hörte, schrie er erregt: „Wie, ein Kranz von den Juden? Niemals! Wir Polizeibeamten alle protestieren dagegen!" Sich an die Brust schlagend, fuhr er fort: „Wir sind Christen, keine blutdürstigen Juden; sie vergiessen Blut und bringen nachher ihre Kränze! Das soll nicht geschehen, ich werde es nicht zulassen!" Der Gendarmerieoberst Gribojedow, der dies mit anhörte, ging zu der Witwe hinauf und teilte nach einigen Minuten mit, sie wüusche den Kranz. Da geriet Scheremetjew in noch grössere Erregung und schrie, dem Baigrodsky mit der Faust drohend: „Mag es auch die Witwe wünschen, wir Polizeibeamte protestieren dagegen und werden weder Kranz noch Deputation zulassen.1' Auf die wiederholte Frage, was er eigentlich mit dem Worte „protestieren" meine, antwortete Scheremetjew nach einigen ausweichenden Bedewendungen: „Der Kranz wird nicht der Familie, sondern Derkatschew als Polizeimeister gewidmet, wir, seine Amtsgenossen, protestieren dagegen. Sollten die Juden aber trotzdem darauf bestehen, so wird das nach zwei Tagen die ganze jüdische Bevölkeruug bedauern." Diese Drohung wurde sofort in Gegenwart des Scheremetjew dem Gendarmerieoberst Gribojedow, der sich im Nebenzimmer befand, mitgeteilt. Ein ehemaliger Bedakteur des „Bialystoker Boten",