Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Die Juden
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 389 - 390 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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3S9 Mark Twain: Die Juden. 390 des Sultans vermutlich. Vergangenes Jahr waren bei der Konvention in Bern Delegierte von überall da, und der Vorschlag wurde mit entschiedenem Wohlgefall aufgenommen. Ich bin nicht der Sultan und bin nicht dagegen; aber wenn jene Vereinigung der schlauesten Hirne der Welt in einem freien Lande (ausser Schottland) zustande käme, wäre es politisch, das zu verhindern. Es wird nicht ratsam sein, jene Rasse ihre Kraft selbst fühlen zu lassen. Wenn die Pferde die ihrige kennten, würden wir nicht mehr reiten. Punkt Nr. 5. — Wird die Judenverfolgung jemals zu Ende kommen? Auf dem Schuldschein Religion ist sie, glaube ich, schon zu Ende gekommen. Auf dem Konto Rassenvorurteil und Handel wird sie meiner Ansicht nach fortdauern. Jenes ist der Fall in den Weltplätzen, wo eine barbarische Unwissenheit und eine Art tierischer Zivilisation überwiegt; aber ich denke, dass der Jude nirgends in der Gefahr stehen braucht, beraubt und geplündert zu werden. Unter der hohen Zivilisation scheint er in der Tat sehr hochgestellt zu sein und mehr zu besitzen, als seinen verhältnismässigen Anteil Wohlstand. In Wien hat es jenen Anschein. Ich vermute, das Rassenvorurteil kann nicht geändert werden, aber er kann es aushalten, es ist nicht von Bedeutung. Durch sein Tun und Lassen ist er wesentlich ein Ausländer, wo er auch sein mag und selbst die Engel verachten Ausländer. Ich brauche dieses Wort Ausländer im deutschen Sinn — Fremder. Fast alle von uns haben Antipathien gegen Fremde, sogar von unserer eigenen Nation." Wir tun alles mögliche, ihr Hereinkommen zu verhindern. Das deutsche Wörterbuch scheint keinen Unterschied zwischen „stranger" und »foreigner" zu machen. Nach seiner Ansicht ist ein Fremder ein Ausländer — ein richtiger Grundsatz, denke ich. Sie sind immer durch Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten wesentlich Fremde — Ausländer — wo Sie auch sind, und das wird wahrscheinlich das Rassenvorurteil gegen Sie lebendig erhalten. Aber Sie waren ursprünglich Günstlinge des Himmels und Ihr mannigfaches, unbilliges Gedeihen überzeugt mich, dass Sie sich jenen Platz wieder zurückerobert haben. Hier ist ein bezeichnender Zufall. Vergangene Woche verwüstete ein Hagelsturm den ungeheueren Zentralfriedhof in Wien. In dem christlichen Teil wurden, nach dem offiziellen Bericht, 621 Fensterscheiben zerbrochen; mehr als 900 Singvögel getötet, 5 grosse und viele Weine Bäume in Stücken herausgerissen und die Stücke weit geschleudert, die Zierpflanzungen und andere Dekorationen der Gräber ruiniert, mehr als 100 Grablaternen zerschmettert und des ganzen Friedhofs Stärke; 300 Arbeiter hatten länger als 3 Tage des Sturmes Ruinen wegzuräumen. In dem Bericht kommt diese Bemerkung vor ... „lediglich die israelitische Abteilung des Friedhofes vom Hagelwetter gänzlich verschont worden war." Nicht ein Hagelstein traf die jüdische Abteilung. Solcher Nepotismus macht mich nachdenklich. Punkt Nr. 6. Was ist aus der „Goldenen Regel" geworden? Sie existiert, fährt fort zu sprühen und wird wohl gepflegt. Sie ist in den Kirchenständen ausgestellt, wir zerren sie jeden Sonntag heraus und lüften sie. Aber der Versuch ist nicht gestattet, sie in die Diskussion zu schmuggeln, wo sie unpassend ist und sich nicht heimisch fühlt. Sie ist strikt religiöses Möbel — wie ein Kirchner oder ein Beitragsteller oder einige andere Dinge. Sie ist niemals ins Geschäft eingeführt worden und Judenverfolgung ist keine religiöse Passion sondern Geschäftsbrauch. Zum Schluss. Wenn die Statistiken richtig sind, bestehen die Juden nur aus 1 pCt. der menschlichen Rasse. Es erinnert an einen dunklen Nebelstreif auf der hellen Milchstrasse. Eigentlich sollte der Jude kaum genannt werden, aber man spricht doch von ihm und hat es immer getan. Er ist so hervorragend auf dem Planeten wie irgend ein anderes Volk, und seine kaufmännische Wichtigkeit ist ausserordentlich unproportioniert zur Kleinheit seiner Menge. Seine Beiträge zu den grossen Namen der Weltliste in Literatur, Kunst, Wissenschaft, Finanz, Medizin und Hochwissenschaften stehen gar nicht im Verhältnis zu seiner numerischen Schwäche. Er hat zu allen Zeiten in der Welt ein herrliches Gefecht bestanden und hat es mit gebundenen Händen getan. Er könnte stolz auf sich sein und dafür entschuldigt werden. Der Aegypter, Babylonier und Perser erstand, erfüllte den Planeten mit Lärm und Pracht, verging dann wie ein Traumgespinst und verschwand. Der Grieche und Römer folgte, machte viel Geschrei und verschwand; andere Völker sind emporgekommen und hielten ihre Fackel eine Zeit lang hoch, aber sie verbrannte und sie sitzen nun im Zwielicht oder sind verschwunden. Der Jude sah sie alle, schlug sie und ist jetzt, was er immer war, repräsentierend keine Dekadenz, keine Altersschwäche, keinen Abfall seiner Kräfte, kein Verlangsamen seiner Energie, kein Verdummen seines muntern Geistes. Alles ist sterblich, ausser dem Juden, alle Mächte vergehen — er bleibt. Was ist das Geheimnis seiner Unsterblichkeit? Postskriptum. — Der Jude als Soldat. Als ich den vorigen Artikel in der „Harper's Monthly" veröffentlichte, wusste ich — wie die übrige christliche Welt — nichts von der Tatsache, dass der Jude als Soldat seinen Mann stellt. Ich habe seitdem die öffentlichen Statistiken gelesen und finde, dass er der Revolution Soldaten und hohe Offiziere im Kriege 1812 und im Mexikanischen Kriege stellte. Im Zivilkrieg war er in Heer und Flotte, in Nord und Süd mit 10 Prozent seiner numerischen Stärke vertreten — derselbe Prozentsatz, der durch die christliche