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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 385 - 386

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Die Juden
Date
1906-05-01
Page
Seite 385 - 386 (sequence 5)
Language
German
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3S5 Mark Twain: Die Juden. 3S6 Ich bin überzeugt, dass religiöse Vorurteile nicht in hohem Grade an den Judenverfolgungen schuld sind. Nein, der Jude ist ein Gelderwerber; und indem er es erwirbt, ist er weniger fähigen Nachbarn, die auf derselben Suche sind, ein sehr ernstes Hindernis. Ich denke, das ist der Aerger. In der Abschätzung weltlicher Werte ist der Jude nicht oberflächlich. Mit vorsichtiger Weisheit fand er am Morgen der Zeit heraus, dass einige den Rang anbeten, die Helden, einige die Macht, einige Gott und dass sie über diese Ideale streiten und sich nicht einen können — aber dass sie alle das Geld anbeten; so machte er es zu erwerben zum Ziel und Zweck seines Lebens. Er war in Aegypten vor 36 Jahrhunderten dabei, er war in Rom dabei, als jener Christ irrtümlich für ihn gehalten, verfolgt wurde; er war seitdem immer dabei — der Preis ist ihm schwer geworden; sein Erfolg hat die ganze menschliche Rasse ihm zum Feinde gemacht, aber es hat sich gelohnt, denn es hat Ihm Neid eingebracht, und das ist das einzige, wofür der Mensch Leib und Seele verkauft. Vor langer Zeit fand er, dass ein Millionär Respekt einflösst, ein Doppelmillionär Huldigung, ein vielfacher Millionär die tiefste Tiefe der Anbetung. Wir alle kennen das Gefühl und haben es selbst äussern sehen. Wenn der Durchschnittsmann den Namen eines vielfachen Millionärs ausspricht, tut er es mit jenem Gemisch von heiliger Scheu, Ehrfurcht und Gelüste in seiner Stimme, das im Franzosenauge glüht, wenn der Blick auf eines andern Menschen Geld fällt. — Punkt No. 4. Die Juden haben keine Partei; sie sind parteilos. Vielleicht haben Sie das Geheimnis und sich verraten. Es gereicht der Rasse kaum zur Ehre, dass sie fähig ist, das zu sagen, oder Ihnen, mein Herr, dass Sie es als Entschuldigung für üble Behandlung, Ungerechtigkeit und Druck vorbringen. Wer gibt dem Juden das Recht, wer gibt irgend einer Rasse das Recht, in freiem Lande still zu sitzen und andere nach ihrer Sicherheit ausschauen zu lassen? Der bedrückte Jude war in früheren Zeiten unter brutalen Herrschern zu allem Mitleid berechtigt, denn schwach und freudlos, hatte er keinen Weg, sich zu helfen. Aber jetzt hat er Mittel, er hat sie seit einem Jahrhundert gehabt, aber ich sehe nicht, dass er versucht hat, ernsten Gebrauch davon zu machen. Als die Revolution ihn in Frankreich frei machte, es war ein Akt der Gnade — der Gnade anderer — erscheint er nicht dabei mithelfend. Ich wüsste nicht, dass er etwas dazu tat, als England ihn frei machte. Unter den zwölf Männern mit gesundem Verstand in Frankreich, welche mit dem grossen Zola an der Spitze vorgeschritten sind, zu fechten im Kampf für den schändlichst misshandelten Juden der modernen Zeiten, findet man da einen grossen oder reichen oder berühmten Juden mithelfend? In den Vereinigten Staaten wurde er zu Beginn frei gemacht — er brauchte natürlich nicht zu helfen. — In Oesterreich, Deutschland und Frankreich hatte er eine Stimme, aber benutzt er sie in bedeutender Weise? Er scheint nicht zu wissen, wie sie am besten anzuwenden sei. Mit all seinen glänzenden Fähigkeiten und seinem üppigen Reichtum ist er heut nicht in irgend einem Lande politisch wichtig. In Amerika bewies so um 1854 der unwissende irische Ziegelträger, der Selbstgefühl und auch die Art es zu zeigen hatte, allen, dass man mit ihm rechnen müsse — 15 Jahre vor dem wussten wir kaum wie ein Ire aussah. An intelligenter Kraft und numerisch ist er immer gering gewesen, aber er hat trotzdem das Land regieren helfen, weil er organisiert war. Das macht seine Stimme schätzbar^ in der Tat wichtig. Sie entgegnen, der Jude ist überall numerisch schwach. Das will dem lehrenden Beispiel der Iren gegenüber nichts bedeuten. Aber ich komme jetzt zu Ihrer numerischen Schwäche. In allen Parlamentländern könnte man ohne Zweifel Juden zu Gesetzgebern wählen und sogar ein Mitglied in solch einer Körperschaft ist manchmal eine Macht, die zählt. Wie tief haben Sie selbst sich in Oesterreieh, Frankreich, Deutschland darob bekümmert! Oder selbst in Amerika. Sie bemerken, dass die Juden wegen der Aufstände im Reichsrat hier nicht zu tadeln waren und fügen mit Befriedigung hinzu, dass in jener Körperschaft keiner war. Dem ist nicht genau so; wäre es — gesetzt den Fall — in Ordnung, dass Sie es anführen und versuchen ein Verdienst daraus zu machen? Aber ich denke, dass der Jude keineswegs in so grosser Macht vertreten war, wie es mit seinen Chancen sein sollte. Oesterreich gewährt ihm die Wahlstimme und ziemlich liberale Bedingungen und es muss sicher seine eigene Schuld sein, so sehr im politischen Hintergrund zu stehen. Zur numerischen Schwäche! Ich gab vorhin einige Ziffern: 500000 die jüdische Bevölkerung in Deutschland. Ich will noch hinzufügen 6000000 in Russland, 5 000000 in Oesterreich, 250000 in den Vereinigten Staaten. Ich schreibe das aus dem Gedächtnis, ich las es vor 10 oder 12 Jahren in der Encyklopädia Britannica. Noch weiss ich es sicher. Wenn jene Statistik richtig ist, ist mein Beweis, was Amerika betrifft, nicht so kräftig, wie er sein sollte, aber doch noch kräftig genug. Stark genug ist er, was Oesterreich betrifft: vor 10 Jahren 5000000, waren Q Prozent von des Reiches Bevölkerung. Die Iren würden den Himmel regieren, wenn sie gleiche Stärke hätten. Ich habe etwas Argwohn, ich bekam ihn aus zweiter Hand, aber er ist mir diese 10 oder 12 Jahre geblieben. Als ich in der E. B. las, dass die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten 250000 betrage, schrieb ich dem Herausgeber, und setzte ihm auseinander, dass ich persönlich in meinem Lande mehr Juden kenne und dass seine Angaben ohne Zweifel ein Druckfehler für 25 000 000 seien. Ich fügte also hinzu, dass ich

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