Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Die Juden
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 383 - 384 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3S3 Mark Twain: Die Juden. 3S4 Spanien vor 400 Jahren und Oesterreich ungefähr ein paar Jahrhunderte später. Zu allen Zeiten ist der christliche Europäer genötigt gewesen, seine Fähigkeiten zu hemmen. Trat er in ein Handwerksgewerbe, musste der Christ sich davon zurückziehen. Liess er sich als Arzt nieder, war er der beste und machte Geschäfte. Wenn er Ackerbau trieb, mussten die andern Farmer etwas anderes beginnen. Da sie nirgends erfolgreich mit ihm in Wettbewerb treten konnten, musste das Gesetz einschreiten, um die Christen vor dem Armenhaus zu retten. Durch das Gesetz wurde den Juden Handwerk nach Handwerk entzogen, bis tatsächlich nichts mehr übrig blieb. Ackerbau treiben, wurde ihm untersagt, Gesetzausüben verboten, ärztliche Praxis — ausser unter Juden — verboten, das Handwerk entzogen. Sogar die Hoch- und wissenschaftlichen Schulen waren diesem fürchterlichen Gegner verschlossen. Doch, fast aller Aemter beraubt, fand er Wege, Geld zu erwerben, sogar reich zu werden. Auch Wege seinen Besitz gut anzulegen, denn Wucher war ihm nicht verweigert. In den ebenerwähnten harten Lebensbedingungen konnte der Jude — ohne Gehirn — nicht am Leben bleiben und der Jude — mit Gehirn — musste es in gutem Zustand und geschärft erhalten oder verhungern. Ganze Zeitalter des Beschränktseins auf das eine Werkzeug, welches das Gesetz nicht fähig war, ihm zu nehmen, haben jenes Werkzeug — sein Gehirn — besonders kompetent gemacht. Zeitalter der gezwungenen Untätigkeit seiner Hände haben sie abgezehrt, und er gebraucht sie jetzt nie. Diese Gesr.hichte hat ein sehr geschäftsmässiges Aussehen, ein sehr schmutziges, praktisch kaufmännisches Aussehen, das Geschäftsaussehen einer chinesischen Arbeitskonkurrenz. Religiöse Vorurteile können nur an einem Teil schuld sein, nicht aber an den neun anderen. Protestanten haben Katholiken verfolgt, aber sie nahmen ihnen nicht ihren Unterhalt fort. Katholiken haben Protestanten mit blutiger und schrecklicher Bitterkeit verfolgt, aber sie verschlossen ihnen weder Landwirtschalt noch Handwerk. Warum geschah das? Es hat das aufrichtige Aussehen der echten religiösen Verfolgung — nicht eines vereinigten Handels-Boykotts in religiöser Verkleidung. Die Juden werden in Oesterreich und Deutschland, in letzter Zeit auch in Frankreich gequält und gehemmt, nur England und Amerika gibt ihnen ein offenes Feld und dennoch bestehen sie dabei. Schottland bietet ihnen auch ein unbeschränktes Feld an, aber da sind nicht viel Abnehmer. Es sind wenig Juden in Glasgow und keiner in Aberdeen, aber das ist der Fall, weil sie nicht genug verdienen können. Die Schotten gestehen das ein; es ist authentisch. Ich bin überzeugt, dass die Kreuzigung mit der Welthaltung gegen die Juden nicht viel zu tun hat; dass die Gründe dafür älter sind als jenes Ereignis, wie aus der ägyptischen Erfahrung zu ersehen ist und aus Roms Bedauern, etwas Unbekanntes, genannt ein Christ, verfolgt zu haben, unter dem irrtümlichen Eindruck, dass sie blos einen Juden verfolgten. Bloss ein Jude — ein gehäuteter Aal, der wahrscheinlich gewöhnt ist, geschunden zu werden, ich bin überzeugt, dass in Russland, Deutschland und Oesterreich °/10 der Feindseligkeiten wider die Juden von der durchschnittlichen christlichen Unfähigkeit herkommen, mit dem Durchschnitts-Juden im Geschäft zu konkurrieren — sei es im ehrlichen oder zweifelhaften Geschäft. In Berlin las ich vor einigen Jahren eine Rede, welche die Austreibung der Juden aus Deutschland offen vorschlug und des Agitators Grund war so offenherzig, wie sein Vorschlag. Es war, dass 85 Prozent der erfolgreichen Berliner Anwälte Juden waren und dass ungefähr derselbe Prozentsatz der grossen und lukrativen Geschäfte aller Arten in Deutschland in den Händen der jüdischen Rasse wären. Ist das nicht ein erstaunliches Bekenntnis? Es war nur ein anderer Weg auszudrücken, dass in einer Bevölkerung von 48,000 000, von denen nur 500,000 als Juden eingetragen sind, 85 Proz. Gehirn und Ehrlichkeit bei den Juden wohnt. Ich muss die Ehrlichkeit hervorheben, — sie ist ein Wesentliches des erfolgreichen Geschäfts. Natürlich schliesst es die Schurken nicht ganz aus — sogar unter Christen — aber es ist dennoch eine gute Arbeitsregel. Des Redners Ziffern mögen ungenau sein, aber das Motiv ist klar wie der Tag. Der Mann behauptete, dass in Berlin die Banken, Zeitungen, Theater, Grosshandel, Schiffe, Minen, Fabriken, städtische Lieferungen, Tramways und ziemlich viel aller andern Besitze von hohem Wert und auch die kleinen Geschäfte in den Händen der Juden wären. Er sagte, der Jude drücke auf der ganzen Linie den Christen an die Wand, der nur mit grösster Mühe einen Lebensunterhalt zusammensparen könne, dass der Jude verbannt werden müsste — und bald — es gäbe keinen andern Weg, den Christen zu retten. Hier in Wien sagte letzten Herbst ein Agitator, dass all diese unglückseligen Details auch in Oesterreich- Ungarn wahr wären, und mit wütender Sprache verlangte er die Austreibung der Juden. Wenn ein Politiker sich ohne Erröten herausstellt und so offen — ungerügt — die Gesetzesvorlage liest, ist das ein sehr gutes Zeichen, dass hinterrücks jemand zu Markt getragen wird und dass man weiss, wo die Stimmen dazu aufgetrieben werden. Man merke den Kreuzpunkt der erwähnten Agitation: dass der Christ nicht mit dem Juden wetteifern kann und dass fortan sogar sein Brot in Gefahr ist. Den Menschen ist das viel mehr hasseinflössend, als irgend eine mit Religion zusammenhängende Einzelheit. Bei den meisten hat notwendigerweise Brot und Fleisch den ersten Rang, Religion den zweiten.