Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Die Juden
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 381 - 382 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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381 Mark Twain: Die Juden. 3S2 andern hineinlassen. Den Ruf für pfiffige Ausflüchte, welche ihm sicher und bequem gerade innerhalb des Gesetzesbuchstabens sind, während Gericht und Jury sehr wohl wissen, dass er den Geist desselben verletzt. Er ist ein häufiger, treuer und fähiger Beamter im Zivildienst, aber er hat eine unpatriotische Neigung bei der Flagge als Soldat zu stehen*) — wie der christliche Quäker. Wenn man nun diese entehrenden Züge mit den ehrenvollen abwägt, in folgendem Paragraph mit den Worten beginnend „diese Tatsachen sind alle auf der Kreditseite/' und eine Bilanz zieht, was muss das Resultat sein? Ich denke dies: Auf beiden Seiten abgemessen und reichlich gewogen, kann der Christ keine Superiorität über den Juden beanspruchen, was die gute Bürgerschaft betrifft. Doch wird seit dem Dämmern der Geschichte der Jude beharrlich, erbittert gehasst und häufig verfolgt. Punkt Nr. 2. Kann Fanatismus allein schuld daran sein? Vor Jahren glaubte ich, dass er für beinahe alles verantwortlich wäre, aber später kam ich zur Erkenntnis, dass es ein Irrtum sei. Wirklich ist es jetzt meine Ueberzeugung, dass er kaum dafür verantwortlich sei. Wir haben alle gedankenvoll — oder gedankenlos — die pathetische Geschichte von den fetten und den mageren Jahren in Aegypten gelesen und wie Joseph bei jener Gelegenheit ein gutes Geschäft an gebrochenen Herzen, dem Brot der Armen und der menschlichen Freiheit machte — einen Ring bildete, wohin er alles Geld der Nation tat — bis zum letzten Pfennig; einer Nation Lebensvorrat hinwegnahm bis zum letzten Klauen; einer Nation Land hinwegnahm bis zum letzten Acker, dann nahm er die Nation selbst für Brot, Mann an Mann, Weib an Weib, Kind an Kind, bis alle Sklaven waren — ein Ring, der alles aufnahm, nichts zurückliess; ein Ring, so erstaunlich, dass im Vergleich damit die riesigsten Ringe in nachfolgender Geschichte ein Kinderspiel waren, denn er enthielt hunderte Millionen Masse und der Verdienst wurde auf hunderte Millionen Dollars berechnet und es war ein so bedrückendes Unglück, dass die Wirkung bis heute nicht ganz aus Aegypten verschwunden ist — mehr als 3000 Jahre nach dem Ereignis. Ist zu vermuten, dass das Auge Aegyptens die ganze Zeit auf Joseph, dem Ausländer, ruhte? Ich halte es für wahrscheinlich. War es freundlich? Man muss es bezweifeln. Setzte Joseph einen Ruf für seine Rasse fest, der lange in Aegypten bestehen würde? Und würde sein Name später familiär gebraucht werden, um jenen Charakter auszudrücken — wie der Shylocks? Es ist kaum daran zu zweifeln. Erinnern wir uns, dass es Jahrhunderte vor der Kreuzigung war. •J Siehe „Postskriptum« auf Seite 189/190. Red. 1800 Jahre später verweise ich auf eine Bemerkung, die von einem lateinischen Historiker gemacht wurde. Ich las sie vor vielen Jahren, und sie kommt mir mit Gewalt in den Sinn. Sie spielt zu einer Zeit an, als das Volk noch lebt, welches den Heiland noch in Fleisch und Blut sah. Das Christentum war so neu, dass das römische Volk kaum davon gehört und nur verworrene Begriffe davon hatte. Der Inhalt der Bemerkung war: Einige Christen wurden in Rom irrtümlich verfolgt, sie »galten für Juden". Der Sinn scheint deutlich. Diese Heiden hatten nichts gegen Christen, waren aber gern bereit, die Juden zu verfolgen. Aus irgend welchem Grunde hassten sie einen Juden, sogar ehe sie wussten, was ein Christ war. Kann ich also nicht annehmen, dass die Judenverfolgung vor dem Christentum herdatiert und nicht daraus geboren wurde. Ich denke. Was war der Ursprung dieses Gefühls? Als ich Knabe war, wurde in den Steppen-Niederungen des Mississippi-Tales, wo eine simple Naivität herrschte, „der Yankee" (Bürger der neuenglischen Staaten) mit glänzender Energie gehasst. Aber Religion hatte nichts damit zu tun. Im Handel war der Yankee ungefähr fünfmal dem Wester über. Seine Durchtriebenheit, seine Einsicht, sein Urteil, Wissen, Unternehmungsgeist und seine furchtbare Klugheit diese Mächte anzuwenden, wurden offen bekannt und hinreichend verflucht. In den Baumwollenstaaten machten nach dem Kriege die einfachen und unwissenden Neger die Ernten für die weissen Pflanzer auf Anteile. Der Jude Hess sich in grosser Menge dort nieder, machte auf den Plantagen Läden auf, lieferte alle Negerbedürfnisse auf Kredit und war am Ende der Saison Besitzer von des Negers Anteil an der gegenwärtigen und zum Teil an der nächsten Ernte. Es dauerte nicht lange, bis die Weissen den Juden verabscheuten, und es ist zu bezweifeln, ob der Neger ihn liebte. Der Jude wird aus Russland gesetzmässig vertrieben. Der Grund sei nicht verhehlt. Die Bewegung wurde angeordnet, weil der christliche Bauer und Dörfler seinen kaufmännischen Fähigkeiten nicht gewachsen war. Der Jude war immer bereit, Geld auf eine Ernte zu leihen, Wutki und andere Lebensbedürfnisse auf Kredit zu verkaufen, während die Ernte wuchs. Kam der Zahltag, besass er die Ernte und nächstes Jahr oder ein Jahr später besass er die Farm wie Joseph. In dem trägen, dummen England von Johns Zeiten geriet jedermann den Juden gegenüber in Schulden. Er häufte alle einträglichen Geschäfte in seine Hände, war König des Handels, er war bereit, auf allen einträglichen Wegen hilfreich zu sein; er finanzierte sogar Kreuzzüge zur Rettung des heiligen Grabes. Seine Rechnung mit der Nation auszugleichen, musste er aus dem Reiche verbannt werden. Aus denselben Gründen verbannte ihn