Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Die Juden
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Mark Twain: Die Juden. 3S0 Man braucht Satan nicht Ehrfurcht zu bezeigen, denn das wäre unbedacht, aber man muss wenigstens seine Talente respektieren. Einer solchen Persönlichkeit muss der Besitz von Fähigkeiten höchster Art zugestanden werden. In seiner Gegenwart sinken die andern Päpste und Politiker zu Mücken für das Mikroskop zusammen. Ich möchte ihn sehen! Ich würde ihn lieber sehen und beim Schwanz schütteln, als irgend ein Mitglied des europäischen Konzerts. In folgendem erlaube ich mir das Wort »Jude« sowohl für die Rasse, als für die Religion zu gebrauchen. Es ist bequemer und ausserdem ist es, was alle Welt damit bezeichnet. Der bewusste Brief enthält diese Punkte: 1) Der Jude ist ein gesitteter Bürger. 2) Kann Ignoranz und Fanatismus allein an dieser ungerechten Behandlung schuld sein? 3) Können die Juden etwas tun, die Lage zu bessern? 4) Die Juden bilden keine Partei, sie sind parteilos. 5) Wird die Verfolgung jemals zu Ende sein? 6) Was ist aus der „Goldenen Regel" geworden? Punkt Nr. 1. Aus mehreren stichhaltigen Gründen muss man Satz Nr. 1 zugestehen. Der Jude ist kein Friedensstörer irgend eines Landes. Sogar seine Feinde werden das bestätigen. Er ist kein Bummler, kein Trinker, kein Zänker, kein Aufwiegler, kein Streitsüchtiger. In den Statistiken des Verbrechens ist seine Gegenwart in allen Ländern auffallend selten. Mit Mord und andern Gewaltsverbrechen hat er nur wenig zu tun; er ist dem Henker ein Fremder. In des Polizeigerichts täglich langer Liste „der Raufbolde, Trinker und Verkommenen" erscheint sein Name selten. — Dass des Juden Haus ein „home" im wahrhaften Sinne ist, wird niemand bestreiten. Die Familie ist durch die stärkste Neigung verbunden, ihre Mitglieder bezeigen einander den schuldigen Respekt. Der Jude wird nicht zur Bürde der Staats- oder Stadtwohltätigkeit. Diese könnten ihre Funktionnn einstellen, ohne ihn zu berühren. Wenn er gesund ist, arbeitet er, wenn er unfähig ist, trägt sein eigenes Volk Sorge für ihn. Und nicht in armseliger und knickriger Weise, sondern mit zarter, grossherziger Freigebigkeit. Seine Rasse ist berechtigt, die wohltätigste aller Menschenrassen genannt zu werden. Ein jüdischer Bettler ist vielleicht nicht unmöglich, er mag existieren, aber nur wenige können sagen, jenes Schauspiel gesehen zu haben. Der Jude ist in mancher unhöflichen Form bühnenfähig gemacht worden, aber so viel ich weiss, hat kein Dramatiker ihm die Ungerechtigkeit angetan, ihn als Bettler zur Schau zu stellen. Wenn je ein Jude wirklich nötig hat zu betteln, rettet ihn sein Volk vor der Notwendigkeit, es zu tun. Die wohltätigen Einrichtungen der Juden werden durch jüdisches Geld und reichlich unterhalten. Die Juden machen kein Geschrei davon, es wird ruhig getan, sie drängen und quetschen uns nicht um Beisteuer — sie lassen uns in Frieden und zeigen uns ein Beispiel — ein Beispiel, dem wir nicht imstande sind, zu folgen; denn von Natur sind wir nicht Freigeber und müssen beharrlich gedrängt werden im Interesse der Unglücklichen. Diese Tatsachen sind alle auf der Kreditseite des Vordersatzes, dass der Jude ein guter, ordentlicher Bürger ist. Zusammengerechnet bezeugen sie, dass er ruhig, friedlich, fleissig ist, abgeneigt den hohen Verbrechen und brutalen Anlagen, dass sein Familienleben empfehlenswert ist, dass er der öffentlichen Wohltätigkeit keine Bürde ist, dass er kein Bettler, dass seine Wohltätigkeit ausser aller Konkurrenz steht. Dies sind die Quintessenzen des guten Bürgers. Wenn man hinzufügen kann, dass er so ehrlich ist, wie der Durchschnitt seiner Nachbarn, aber ich denke, diese Frage ist durch die Tatsache bestimmt beantwortet, dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann ist. Die Basis des erfolgreichen Geschäfts ist Ehrlichkeit, ein Geschäft kann nicht gedeihen, wo die Parteien einander nicht trauen können. Was die Anzahl betrifft, zählen die Juden in der überwältigenden Bevölkerung New Yorks wenig, aber dass diese Ehrlichkeit viel zählt, wird durch die Tatsache bewiesen, dass die ungeheuren Geschäfte im Grossen von Broadway, von The Battery to Union Square hauptsächlich in ihren Händen sind. Ich denke, dass das sprechendste Exempel in der Geschichte von eines Socius Vertrauen dem andern gegenüber das ist, wo nicht ein Christ dem Christen, sondern ein Christ dem Juden traute. Jener hessische Herzog, der seine Untertanen an Georg III. zu verkaufen pflegte, um gegen Georg Washington zu fechten, wurde reich dadurch, und allmählich, als die Kriege, erzeugt durch die französische jRevolution seinen Thron zu heiss für ihn machten, war er gezwungen, zu fliehen. Es geschah in Eile und er musste seinen Erwerb — 9 000 000 — verlassen. Er musste das Geld jemandem ohne Sicherheitspapiere anvertrauen. Er wählte dazu nicht einen Christen — nur einen Juden — einen Juden von bescheidenen Mitteln, aber hohem Charakter — ein Charakter so hoch, dass er einzig ist — Rothschild von Frankfurt. Dreissig Jahre später, als Europa wieder ruhig und sicher geworden, kehrte der Herzog von „über See" zurück und der Jude erstattete das Darlehen mit Zinsen. Der Jude hat seine Kehrseite. Er hat einige unanständige Manieren, obgleich er nicht das Monopol darauf besitzt, weil er den ärgerlichen christlichen Mitbewerb nicht los werden kann. Wir haben gesehen, dass er selten die Gesetze der gewaltsamen Verbrechen übertritt. Sein Zutunhaben mit Gerichten ist fast nur auf Handelssachen beschränkt. Er hat den Ruf, verschiedene kleine Betrügereien und Wucher auszuüben, Brand anzulegen, um die Versicherungssumme zu erheben, und schlaue Kontrakte zu machen, welche ihm immer einen Ausweg hinaus- und einen