Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 375 - 376 (sequence 3)
- Language
- German
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375 Victor Klemperer: Arthur Schnitzler. 376 ragen drei Charaktere hervor. Der Mann der Tat Herzog Bentivoglio, der Poet Filippo Loschi und das zauberschöne verträumte Kind, das Schleierwesen Beatrice. Yon den Taten, den geschehenen wie den kommenden, ist flüchtig die "Rede, von den Dichtungen Filippos spricht man nebenher. Das einzige Thema ist: die Liebe zu Beatrice und Beatrices unerklärlich schwankende Liebe. Sie ist seit wenigen Tagen die G eliebte des Dichters. Um seinetwillen hat sie den Verlobten verraten, um ihretwillen hat Filippo die Braut verlassen. Sie liebt Filippo allein und — träumt, sie habe in den Armen des Herzogs gelegen, den sie nur flüchtig gesehen. Filippo verstüsst die feige Ungetreue; denn Treubruch im Traum erscheint ihm als erbärmlichste, sonnenscheue Feigheit. Beatrice geht ihren getreuen Brackenburg zu heiraten; auf dem Weg zur Kirche trifft sie den Herzog und folgt ihm als Gemahlin ins Schloss; von der Hochzeitsfeier stiehlt sie sich fort zu Filippo Löseln. Der will mit ihr sterben; sie aber fürchtet den Tod, und als Filippo den Giftbecher leert und tot zusammenbricht, stürzt sie mit dem Angstschrei „Leben!" davon und sucht sich im Schlosse rein zu lügen. "Wenige Stunden später endet sie dann doch an Filippos Leiche, von ihrem Bruder nach eignem Wunsche erdolcht. Der Herzog zieht nach der wundersamen Xacht in den aussichtslosen Kampf, der ihm das grösste Abenteuer des Lebens bringen soll; Beatrice und Filippo sollen in der herzoglichen Gruft zur [Ruhe gebettet werden. In wunderbar rauschenden Versen, die reimlos klingend dahinwogen, zieht das seltsame Märchen von der wachen und träumenden, der rätselhaft umschl eierten Liebes Wirrnis vorüber. In all der Leidenschaft und Lebensfülle tauchen oftmals Worte tiefer Weisheit und Seelenkenntnis auf. — „Der Schleier der Beatrice" ist eines .jener Stücke, die nicht nur gesehen, sondern auch immer wieder gelesen werden wollen. Es wird mir stets ein Rätsel bleiben, wie diese Schöpfung so rasch und gründlich aus dem Spielplan des Deutschen Theaters verschwinden konnte. Dem „Schleier der Beatrice" und dem „Paracelsus" stelle ich nur noch „Die Frau mit dem Dolche" zur Seite. Auch hier fürstliche Verse, auch hier Renaissancezeit, wenigstens in der eigentlichen Traumhandlung, wie sie mit Kühnheit durch eine Art Autosuggestion in den flachen Gegenwartsrahmen gezaubert wird. Auch hier das Liebesirren, nur mit dein einzigen Zusatz, den Schnitzler allenfalls noch kennt: das Thema vom Künstler, dem die Kunst über Liebe und Ehre, über alles menschliche Empfinden geht, oder richtiger, dem nur die Kunst Massstab oder selbst Inbegriff alles Fühlens und Erlebens ist, dies persönliche Handwerksthema steht hier als Problem über der glühenden Liebesfabel. Doch nur selten, nur in seinen besten Stuunden hat Schnitzler zeitentrückte Versdramen geschaffen. Die Mehrzahl seiner Werke spielt in der Gegenwart, fast immer im heutigen Wien. Diese Gegenwartsdramen und -Geschichten überwiegen quantitativ so sein-, dass man den Dichter in der üblichen vergleichsweisen Abstempelung gern den „österreichischen Maupassant" nennt. Ich habe wohl schon durch die stoffliche Anordnung dieser kleinen Studie gezeigt, dass meine Bewertung Schnitzlers eine andere ist. Wie eng die Grenzen seines eigentlichen Gebietes sind, gab ich an. Man nehme hinzu, dass Schnitzler mit seiner ins Trauingebiet schweifenden, skeptisch spielenden Psychologie nicht guterdings einheitliche nnd eben in ihrer Einheitlichkeit hinreissende Liebes!eidenschaft zeichnen kann, wie es ein grösserer dramatischer Künder der Liebe allein, wie es Racine getan — so bleibt für den Tragiker Schnitzler nur eine Möglichkeit: er nmss ins Märchengebiet zeitentrückter Fernen gehen, avo er den Traum zur Tat gestalten kann. Wehe ihm, wenn er ähnliches in der Gegenwart zu zeichnen unternimmt! Dann entsteht ent weder eine Hintertreppengeschiente, wie „der Ruf des Lebens" wo man unwillkürlich an das von ihrem „Zeitvertreib" berichtende Schandlied der „Räuber" denkt. Oder, und dies ist schlimmer, ein so edles und tiefes Stück wie „der einsame Weg" das schliesslich doch zu einer reinen sittlichen Bewertung der Liebe führt, muss zu Trägem der Handlung so peinliche Gestalten haben wie die völlig hysterische Johanna und die aus Geist und Aesthetik (übrigens überaus viel Geist und Aesthetik!) zusammengesetzte Puppe, die sich Herr von Sala nennt. So bleibt für den Gegenwartsdichter nur das leichte Spiel. Allenfalls das tragikomische. - Aber hier wirkt das tragische Element schon recht befremdlich. Man prüfe einmal daraufhin die ,,Liebelei". Der „junge Mann" — Schnitzlers junge Männer haben fast alle Geld, Geist und Liebesbedürfnisse, mehr wird von ihnen selten bekannt — dieser junge Mann also erholt sich bei einem „süssen Wiener Mädel" von der „dämonischen" Gattin eines sehr sicheren Pistolenschützen. Leider hat der Gatte von der Untreue seiner Gemahlin Wind bekommen, und leider hängt das süsse Mädel mit mehr Hingabe als sonst üblich an ihrem Geliebten. Dieser fällt im Duell, und als Christine den Hergang erfährt, geht sie ins Wasser. Ich kann mir nicht helfen: der Tod des Mädchens wie des jungen Mannes lassen mich gleicherweise kalt. Beklagenswert ist nur die rührende Gestalt des alten Geigers, der in Christine sein ganzes Glück verliert. Aber das wirkt nicht anders als irgend ein brutaler Unglücksfall, den man in der Zeitung liest. Und so etwas stört im Genuss der wirklich prächtigen Szenen, in denen sich das Wesen des jungen Mannes und seines kühleren „Vertrauten" enthüllt, in denen man die reizende Christine und ihre erfahrenere Freundin kennen lernt, in denen Schnitzler eben mit graziösem überaus geistreichen Humor plaudert. Als geistvollen und, wenn man durchaus will, als Maupassantähnlichen Plauderer schätze ich den Gegenwartsdichter Schnitzler sehr hoch. Wie reizend und amüsant sind seine „Anatol" - Dialoge. In frivolem, gar nicht