Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 377 - 378 (sequence 4)
- Language
- German
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377 Victor Klemperer: Arthur Schnitzler. 37S tragischen Ton werden die Jungge.sellenerlebnis.se des „jungen Mannes" berichtet, wobei der Vertraute manch feines Sprüchlein einflicht. Dem „Reigen", der den allzumenschlichen Kern der Anatolszenen in engerem Kreis umschreibt, vermag ich weniger Geschmack abzugewinnen. Im Clrunde ist hier Witz und Technik doch etwas würdelos an die reine Zote vergeudet. Sicher wie im Dialog bewegt sich Schnitzler auch in der Novelle. Hier ist er nicht einmal so ganz eng an sein einziges Thema gebunden, hier ist ihm manches psychologische Kabinettstück gelungen. Das beste scheint mir das Porträt „Leutnant Gustls" zu sein. "Wie trefflich geht hier mit der Charakterisierung eines liebenswürdigen dummen- Jungen, der aber schon in Amt und Würden ist und auf Ehre halten muss und, wenn es not tut, für seine Ehre zu sterben weiss — wie trefflich geht damit die glänzende Persiflage eines bornierten, äusserlichen Ehrbegriffes Hand in Hand. Die kleine Geschichte ist mir übrigens auch deshalb lieb, weil sich hier der epikuräisch-weiche Philosoph einmal als braver freisinniger Streiter in einer sozialen Frage der Gegenwart zeigt. In Summa aber möchte ich meine Meinung doch dahin zusammenfassen: Per „österreichische Maupassant" hat mir manche amüsante Stunde bereitet; aber für den Dichter der Beatrice hege ich ehrerbietige Liebe. DIE JUDEN. Von Mark Twain. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Frau Clara Sachs, Breslau.) Nachdruck verboten. Vor einigen-Monaten veröffentlichte ich ein Feuilleton, das eine bemerkenswerte Szene im Kaiserl. Wiener Parlament beschrieb. Seitdem habe ich von Juden in Amerika mehrere Anfrage- Briefe erhalten. Sie waren wegen der unklaren Fassung schwer zu beantworten. Aber schliesslich erhielt ich einen Brief mit ganz bestimmtem Inhalt, der von einem Anwalt herrührte. An sein Schriftstück anknüpfend, will ich mein möglichstes tun, diesem Korrespondenten, wie auch den andern, öffentlich zu antworten, mich gleichzeitig entschuldigend, dass ich es nicht privatim tue. Des Anwalts Brief lautet folgendermassen: „Ich habe Stirring Times in Austria gelesen. Ein Punkt darin ist von Lebenswichtigkeit für viele Tausende, auch für mich, da ich oft wünschte, einen Unparteiischen darüber zu befragen. Das Erscheinen der Militärmacht im österreichischen Parlament, das die Empörung herbeiführte, war nicht durch Juden veranlasst. Kein Jude war Mitglied dieser Körperschaft. Keine jüdische Frage war in dem Ausgleich oder der Sprachen-Vorlage mit enthalten. Kein Jude beleidigte irgend einen. Kurz, kein Jude tat irgendwie schlimmes. In der Tat, die Juden waren die einzigen unter 19 verschiedenen österreichischen Rassen, welche keine Partei bildeten — sie waren absolut parteilos. Dennoch sagen Sie in Ihrem Artikel, dass in dem Aufruhr, welcher folgte, alle Volksklassen nur in dem einen Punkt einmütig waren — gegen die Juden. Wollen Sie mir nun gütigst sagen, warum nach Ihrem Urteil die Juden die Zielscheibe grundloser, furchtbarer Feindseligkeiten immer gewesen sind und es sogar jetzt in diesen Tagen vermeintlicher Intelligenz noch sind? Ich meine, dass es seit Jahrhunderten keinen ruhigeren, weniger störenden und gesitteteren Bürger im ganzen gibt, als gerade den Juden. Mir scheint, Ignoranz und Fanatismus allein kann nicht die Ursache dieser schrecklichen und ungerechten Verfolgungen sein. Sagen Sie mir daher von Ihrer kühlen Warte aus, was nach Ihrer Meinung der Grund hierfür ist. Können die amerikanischen Juden irgend etwas zur Verbesserung tun, sei es in Amerika oder draussen? Wird es jemals enden? Wird ein Jude ehrsam, anständig und friedlich wie die andern leben können? Was ist aus der „goldenen Regel" geworden?" Zu Beginn betone ich, dass, wenn ich voreingenommen wider die Juden wäre, ich es am richtigsten fände, das Thema jemand zu überlassen, der in dieser Beziehung nicht beschränkt ist. Aber ich glaube kein Vorurteil zu besitzen. Vor einigen Jahren bemerkte ein Jude, dass in meinen Büchern keine unziemende Anspielung gegen sein Volk wäreiund f ragte, Wiedas/ugirge. „Es ist also, weil de Disposition bei mir mangelt." Ich bin ganz sicher, keine Rassen-Vorurteile, noch Farben-, noch Kasten-, noch Glaubensvorurteile zu besitzen. Wirklich ich weiss es; ich kann mich mit jeder Gesellschaft vertragen. Alles was zu wissen nötig ist, dass ein Mann — Mensch ist, das ist mir genug; schlechter kann er nicht sein. — Ich habe keine Spezialachtung für Satan, aber ich habe wenigstens auch kein Vorurteil wider ihn. Es mag sogar sein, dass ich etwas für ihn habe, weil er sich nicht schöner zeigt, als er ist. Alle Religionen erlassen Bibeln gegen ihn und sagen die beleidigendsten Dinge von ihm, aber wir hören niemals — seine Seite. Es existieren nur belastende Zeugnisse und doch haben wir das Urteil über ihn gefällt. Das ist unenglisch, unamerikanisch; es ist französisch. — Ohne ihn konnte Dreyfus nicht verurteilt werden. Natürlich hat Satan auch etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen — mag es noch so armselig sein. Sobald ich die Tatsachen erfahren kann, will ich seine Rehabilitation unternehmen — wofern ich einen unpolitischen Veröffentlicher finde. Das sollten wir für jeden, der bedrückt ist, gern tun.