Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 373 - 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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373 Victor Klemperer: Arthur Schnitzler. 374 Paracelsus seine Rache. Ei' versetzt Frau .Justinen in »Schlaf und gibt ihr ein, sie habe den verliebten •Junker Anselm, den sie soeben abgewiesen, endlich erhört. Nun ereignet sich »Seltsames. Justina spielt die ihr suggerierte "Holle der schaniglühenden Ehebrecherin mit so echter Verzweiflung", dass Paracelsus selber stutzigwird und Spiel und Wahrheit nicht mehr von einander zu trennen ^weiss. Um Klarheit zu schaffen, weckt er die Schläferiii auf, zwingt sie aber, für den liest des 'Pages nur lauterste Wahrheit zu sprechen. Da ergibt sich denn: Der Tat nach ist .lustina rein geblieben. Aber nach Wunsch und Gedanken . . . Wer weiss, wieviel Junker Anselm in der nächsten Stunde erreicht hätte; und in jener Xacht, als Paracelsus Basel verlies», stand ihm ein Fenster offen ... So ist .l ustina rein und dennoch unrein, ihrLeben umfasst mehr als nur die greifbaren Tatsächlichkeiten; Traum und Wachen fiiessen lebenbildend ineinander; sie hat mit sich soviel gespielt, wie mit ihrer Umgebung; der Meister ist ein Tor, wenn er auf sicherem Grund zu stehen glaubt. „Wir spielen immer, wer es weiss, ist klug." Paracelsus weiss es; und Paracelsus ist gleichsam die Gestalt des Dichters selber. Des seelenkundigen Arztes, der den Elementen des Lebensspieles nachforscht, der so gern in das Gebiet der rätselhaften Träume hinabsteigt, der mit ewig dürstender Liebe an der unbeschreiblichen Pülle und Buntheit des Lebens hängt, und dessen Denken nie ganz frei ist vom Schauer vor dem Tod, den ihm tausend Geheimnisse verschönen, und dessen Schrecken ihm kein kindlicher Gottesglaube zu lindern vermag. Und .lustina ist das Weib Schnitzlers schlechthin. Man verstehe mich recht. Es fehlt den Werken des Dichters nicht an den verschiedensten Frauencharakteren; aber allen ist doch dies beides gemeinsam und hauptsächlich: einmal das Ineinanderweben von Träumen und Wachen, von Sinnen und Tun — was übrigens auch von Schnitzlers meist recht femininen Mannesgestalten gilt; und zum zweiten die dominierende Stellung, die die Liebe, die sehnsüchtig sinnliche Liebe zum Mann bei ihnen allen einnimmt, wie auch immer ihr Alter, ihr Temperament, ihre soziale Stellung sei. Schnitzler charakterisiert das Weib immer und einzig in seinein Verlangen nach dem Geliebten, niemals als Schwester oder Mutter. Wohl hat er einige Male in schöne 'Worte gekleidet, dass die sinnliche Liebe des Weibes nur dann hoch und rein ist, Arthur Schnitzler. wenn es im Hansell des künftigen Kindes gedenkt. Abeies ist bei Worten geblieben; er hat keine Mutter gezeichnet. Dieser Mangel ist doppelt fühlbar bei einem Dichter, dessen ausschliessliches Gebiet das Verhältnis der Geschlechter zu einander ist. Ein anderes Feld kennt Schnitzle]- nicht. Soziale Konflikte reizen ihn nicht, den Fanatismus des 'Ruhmbegierigen, des Künstlers, des Forsehers, das 'Ringen religiöser Naturen schildert er nie — das Sehnen von Mann zu Weib, von Weib zu Mann ist sein einziges Objekt, in dieses Sehnen ist das ganze Lebensverlangen aller seiner Helden zusammengepresst. Wie nahe hätte es gerade für den Arzt Schnitzler gelegen, im Paracelsus den grossen Vorläufer und (wenn er es so fassen wollte) Märtyrer einer späteren Xaturerkenntnis und Heilkunde zu zeichnen. Das Thema reizt ihn nicht — Paracelsus verschwendet all" seine Kunst daran, das Spiel, einer Frauenseele zu ergründen. Kinmal begegnen wir einer genial hingeworfenen historischen Skizze; die Groteske „Der grüne Kakadu" bietet ein grandioses Bild der beginnenden französischen Revolution. Da ist es für mich fast erbitternd, ich empfinde es gleichsam als Profanation, dass das ungeheure Ereignis zur blossen Schale erniedrigt wird — und den gemeinen Kern bildet ein Mord um einer Dirne willen, die ein schwärmender Bajazzo zu seinem Weibe machte, ohne sie ihrem Handwerke entfremden zu können. Aber wo Schnitzler sein Werk, einzig auf jenem Verlangen aufbaut und es in all seinen Formen und Bewusstseins-Abstufungen ergründet, da ist er ein Meister seiner Kunst.!Und das Herrlichste hat er geleistet, wo er seinen Stoff der engenden Gegenwart entrückte und in romantisch festlicher Ferne die Freiheit fand, alles Hoffen und Träumen zu voller Tat werden zu lassen. Schnitzlers beste Schöpfung ist für mich „Der Schleier der Beatrice". Die Menschen leben in der Märchenzeit der Renaissance. Die unbändige Freiheit der Charaktere wird ins G renzenlose gesteigert durch den entzügelnden Gedanken, dass man sein letztes Heute erlebe. Der Feind steht vor Bolognas Toren — geniesset und lebt, denn morgen seid ihr tot! (Der nahe sichere Tod als Fessellöser ist ein mehrfach wiederkehrendes Motiv Schnitzlers. Nicht immer hat er es glücklich gebraucht. In seinem letzten Stück, dem „Ruf des Lebens" sogar überaus unglücklich. Nur ein bleierner Schlummer Homers erklärt diesen Fehlgriff.) Aus der Fülle der Gestalten, die die Szene beleben,