Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Über das Wesen des Judentums
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 351 - 352 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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351 Moritz Goldstein: Ueber das Wesen des Judentums. 352 die Aufgabe für die Religion begann, nämlich für das sittliche Prinzip eine sinnliche Form zu rinden, einen Mythus zu schaffen, der es symbolisiert — gerade da endet das Judentum. Ich kann daher jetzt sorglos die Behauptung aufstellen, die, wenn ich sie an den Anfang gesetzt hätte, für sinnlos und ketzerisch gegolten hätte dass nämlich das Judentum gar keine Keligion ist oder hat. Das Judentum hat den Schritt nicht getan, den alle anderen Religionen getan haben und die künftigen voraussichtlich alle tun werden: näm- Hch das Bewusstsein von einem Unendlichen, als es dem werdenden Yolksgeiste einmal aufgegangen war, durch sinnliche Form auszudrücken. Unstreitig gehören diese Versinnlichungen des Unendlichen, die andere Religionen vollzogen haben, zu den grössten Taten des Menschengeistes. Das Judentum hat nichts dergleichen hervorgebracht, es ist bei dem Begriff des Unendlichen stehen geblieben. Nur das freilich ist eine ganz andere Frage, ob diese Eigentümlichkeit des Judentums einen Mangel oder einen Vorzug bedeute. Unzweifelhaft zum grössten Teil einen Vorzug. Denn während jedes Symbol sich mit der Zeit abbraucht, Wert und Bedeutung verliert, während also jede Religion eines Tages veraltet und überwunden ist oder sein kann, ist dies beim Judentum, da es kein Symbol kennt, ausgeschlossen. Und während jedes Symbol, gemessen an dem, was dadurch bezeichnet werden soll, unvollkommen und beschränkt ist, während also eine Religion gerade für den wirklich Religiösen oft nicht genügt, ihn kleinlich, eng, unwahr anmutet, dürfte es keinerlei religiöse Empfindung geben, die nicht im Judentum Platz fände. Aber seine ewige Jugend und seine Weite hat das Judentum erkauft mit einem gänzlichen Mangel an propagierender Kraft. Es hat nie Proselyten gemacht und kann es auch nicht. Denn zum Judentum übertreten heisst nicht eine neue Religion annehmen, sondern Religion überhaupt aufgeben. Wer aber diesen Schritt innerlich zu vollziehen wagt, der pflegt nicht nötig zu haben, seinen Standpunkt auch äusserlich sich legitimieren zu lassen. So viele Anhänger nichtjüdischer Religionen auch immer sich von ihrer Religionsform innerlich frei machen und sich damit tatsächlich auf den Standpunkt des Judentums stellen: ich glaube dennoch nicht, dass viele von diesen den Uebertritt vollziehen würden, auch wenn sie sich nicht — wie es jetzt der Fall ist - dadurch einen sozialen Schaden zufügen müssten. Dagegen ist wieder nirgends der Abfall ein so dauerndes Uebel wie innerhalb des Judentums. Von den Uebertritten, die heutzutage um äusseren Vorteils willen erfolgen, können wir hier billig absehen. Führt doch schon die Bibel selbst einen ununterbrochenen Kampf gegen die Abgötterei. Kein Wunder; denn die reine Anschauung des Unendlichen ist der grossen Masse nicht vergönnt, auch der grossen Masse der Juden nicht. Der rohere Intellekt verlangt nach sinnlichen Formen, und so hilft er sich im Judentum mit einem Wust äusserer Zeremonien, symbolischer Handlungen und Gebräuche. Oder er fällt ab. Das heisst nicht, er fällt von einer Religion zu einer anderen ab, sondern er tällt überhaupt erst zur Religion ab. Religion also — darüber dürfte kein Zweifel mehr herrschen — ist das Judentum nicht. Was aber ist es? Ein Volk? Ich halte die Juden freilich für ein Volk. Gemeinsame Abstammung und Schicksale, in einem gewissen Masse auch noch gemeinsame Sprache machen sie dazu. Geschichte ist der Hauptinhalt der Bibel, biblische Geschichte ist das Wichtigste dessen, was wir im Religionsunterricht zu überliefern haben. Was aber durch gemeinsame Geschichte verbunden ist, heisst ein Volk. Jedoch alles dies ist noch nicht das Judentum, von dem hier die Rede ist. Denn ein Volk ist etwas natürlich Gewachsenes, ein lebendiger Organismus. Judentum aber in dem Sinne, in dem wir davon sprechen, ist etwas Gewolltes und Gemachtes, ist eine Verkündigung, ein Gesetz. Ein Volkstum kann nicht befohlen werden, das Judentum aber ist befohlen. Ein Volk also nicht, aber freilich ein Staat. Die mosaische Gesetzgebung ist eine Staatengründung. Gleich das erste Gebot: „Ich bin der Herr Dein Gott, der Dich aus dem Lande Aegypten geführt hat, aus dem Hause der Knechtschaft" fasst zu einer Einheit zusammen eine Gruppe von Menschen, die nach einem politischen Ereignis näher bestimmt sind. Das Gebot „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter" schafft die ersten und notwendigsten Bausteine jedes Staates: es konstituiert die Familie. Die Verbote des Mordens, Stehlens, Ehebrechens u. s. w. bezeichnen die ersten Einschränkungen des Individuums, die es sich gefallen lassen muss, wenn überhaupt eine staatliche Gemeinschaft möglich sein soll. Das Gebot der Heiligkeit des Eides unter Anrufung von Gott begründet die Rechtspflege. Die Festsetzung des Sabbats ist eine soziale Einrichtung, die ein Staatswesen voraussetzt, um durchgeführt werden zu können. Die einzige religiöse Bestimmung in den zehn Geboten ist negativ: „Du sollst keine fremden Götter haben, Du sollst Dir kein Bild machen". Das heisst: