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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 353 - 354

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Über das Wesen des Judentums
Date
1906-05-01
Page
Seite 353 - 354 (sequence 4)
Language
German
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353 Moritz Goldstern: Ueber das Wesen des Judentums. 354 statt eine Staatsreligion einzuführen, wird es von Staatswegen verboten, eine Eeligion zu haben. Es wird verboten, das Unendliche in eine Formel, in ein Symbol oder Zeichen herabzuziehen; es wird verboten, das Unendliche im Sinnlichen zu beschränken. Eeligionslosigkeit ist im jüdischen Staate Gesetz, Keligion zu haben ist das schwerste Keligions- und Staatsverbrechen zugleich. Wir fragen erstaunt: was war das für eine Staatsweisheit oder Volkspsyche, die imstande war, einer Versuchung zu entgehen, der bis auf den heutigen Tag alle Staaten, Völker und Keligionen unterlegen sind? War es die überlegene Einsicht eines einzelnen Gesetzgebers, die das wirkte? War es die erschreckende Frühreife eines ganzen Volkes? Oder war es vielleicht nur die Folge eines geistigen Mangels? Eine Folge nämlich der gänzlichen Unfähigkeit, Gedachtes oder Geschautes sinnlich zu gestalten? Man hat so oft behauptet, dem jüdischen Volke fehle die Begabung zur bildenden Kunst. Haben wir hier eine Bestätigung dieser Behauptung und hat das Judentum nur aus der Not eine Tugend gemacht, wenn es für ein Verbrechen erklärte, wozu es gar nicht imstande war? In der Tat wird man in einer Eigenschaft des Volkscharakters den Grund für die jüdische Religion oder Religionslosigkeit suchen müssen, einer Eigenschaft, die unbewusst zu einem Ziele führte, zu dem sonst nur die höchste Weisheit zu leiten vermag, und auch dann nur hie und da einen einzelnen, nie und nimmer aber ein ganzes Volk. Diese Eigenschaft des jüdischen Volkscharakters scheint mir nicht ein — keineswegs bewiesener — Mangel künstlerischer Fähigkeiten zu sein, sondern eine positive Begabung, nämlich seine hervorragend kritische Anlage. Dieser kritische Geist, der rücksichtslos alles ergriff, was immer seiner Beobachtung sich darbot, nirgends aber leidenschaftlicher zufasste, als wo es sich um das Höchste selbst handelte, dieser kritische Geist musste unfehlbar die Schwächen jedes Symboles auf der Stelle herausfühlen, sobald nur irgendwo der Versuch auftauchte, durch dergleichen das Göttliche in Schranken zu fassen. Dieser kritische Geist musste an jeder poetischen Fabel, die ersonnen wurde, um das Unendliche zu versinnbildlichen, sofort das Endliche, das Menschliche und Allzumenschliche schmerzlich oder höhnisch empfinden. Vor diesem Intellekt hielt keine schöne Form nur um seines ästhetischen Wertes willen stand. Der jüdischen Seele fehlt jene Art von Romantik, die den germanischen Völkern eigen ist und sie geneigt macht, in einer intellektuell trüben Sphäre sich lediglich mit dem Gefühl zureclit zu tasten. Der jüdischen Seele kann nichts genügen, was nicht auch dem Verstände genügt. In seinem kritischen Vermögen hatte der Jude einen unbestechlichen Richter, der sich nicht herabliess, die Wahrheit zugunsten der Schönheit um eines Haares Breite zu beugen. Und so gab es auch kein Symbol, keine Formel, kein Zeichen, das dem Juden das Unendliche selbst hätte ersetzen oder näher bringen können. Jeder Versuch in dieser Richtung verfiel von selbst unweigerlich der Lächerlichkeit. Es blieb nichts anderes übrig, als das Unendliche auf sich beruhen zu lassen, und indem man auf das vergebliche Bemühen, es zu sjonbolisieren. ein für allemal verzichtete, es auch gleichzeitig zu verbieten. So begreifen wir das Judentum als Religion aus dem jüdischen Volkscharakter. Das aber setzt voraus und beweist zugleich, dass die Juden zunächst und vor allem ein Volk sind, ein Volk von so scharfer Eigenart, dass es sich zugleich einen eigenen Religionstyp und einen Staat geschaffen hat, welche beide schlechterdings für kein anderes Volk passen und daher mit dem Volkstum identisch zu sein scheinen. Will ich endlich, um den Schluss an den Anfang zu knüpfen, die dort aufgeworfene Frage beantworten, ob die Juden, wenn sie ihre nationale Selbständigkeit einmal wiedergewonnen haben sollten, denn nun eine andere Staatsreligion annehmen könnten, so hat, nach dem Vorstehenden, der Bescheid zu lauten: als Staat im juristischen Sinne, ja, als Volk in der Wirklichkeit, nein. IBSEN UND DAS JUDENTUM. Von Mathias Ach er (Wien). Vor einem Jahrzehnt hielt ich im Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur einen Vortrag über das gleiche Thema, an welchen sich eine Diskussion anschloss. In dieser machte sich einer der schlagfertigsten und witzigsten Redner des Berliner jüdischen Versammlungslebens in recht wirksamer Weise über die Wahl des Themas lustig. Was denn Ibsen mit den Juden zu schaffen habe, wo es in Ibsens Dichtungen eine Stelle gebe, die sich auf Juden und Judentum Nachdruck verboten. beziehe? In meiner Antwort wies ich, wenn ich mich recht erinnere, darauf hin, dass Juden und Judentum in Ibsens Werken nicht vorzukommen brauchen, und doch tiefe, seelische Beziehungen zwischen Judentum und Ibsen vorhanden sein können. Und versuchte dann noch einmal das Vorhandensein dieser Beziehungen darzutun. Ich weiss nicht, ob mit Erfolg. Jedenfalls hätte, ich einen leichteren Stand gehabt, wenn mir damals bekannt gewesen wäre, dass und wie sich Ibsen

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