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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 349 - 350

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Über das Wesen des Judentums
Date
1906-05-01
Page
Seite 349 - 350 (sequence 2)
Language
German
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349 Moritz Goldstein: Ueber das Wesen des Judentums. 350 ..Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: Ich glaub' ihn? Wer empfinden Und sieh untrrwindeu Zu sagen: ieh glaub' ihn nicht? Der Alluinfasscr, Der Allerhalter, Fasst und erhält er nicht Dich. mich, sich selbst? Wölbt sich der Himmel nicht dadroben? Liegt die Erde nicht hiermiten fest? lTnd steigen freundlich blickend Kwige Sterne nicht herauf? Schau' ich nicht Aug' in Auge Mir. Und drängt nicht alles Xach Haupt und Herzen Dir. Und welit in ewigem Geheimnis Unsichtbar sichtbar neben Dir? Erfüll' davon Dein Herz, so gross es ist, Und wenn Du ganz in dem Gefühle, selig bist, Nenn' es dann wie Du willst Nonns Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Xamen Die Religion aber hat einen Namen dafür, nämlich Gott! Wenn uns Goethe Autorität ist, so liegt in jener Namengebung bereits eine Beschränkung. Der, der jene Verse spricht, empfindet sicher mehr, als der im landläufigen Sinne Keligiöse bei dem Namen Gott. Die Keligion gibt einen Namen einem Unendlichen, das unaussprechbar ist; wem der Name genügt, weiss offenbar nur wenig von jenem Unendlichen. Religiös im metaphysischen Sinne werden wir den nennen, der imstande ist, das Unendliche unmittelbar anzuschauen. Vollkommen ist dies natürlich keinem Sterblichen gegeben; aber doch Bevorzugten in einem gewissen Grade. Ich rechne Goethe zu diesen Bevorzugten und halte den grossen Heiden für einen der religiösesten Menschen überhaupt. Eben darum aber war ihm die Religion, die ihm geboten wurde, zu enge, und er nannte sich einen dezidierten Nichtchristen. Denn die Religion hat gerade die Aufgabe, das, wofür Goethe- Faust keinen Namen findet, was den fünf Sinnen nicht erreichbar, daher auch nicht vorstellbar ist, dennoch für die menschliche Vorstellung herzurichten. Die Religion, jede Religion sucht und findet für das Unendliche ein Symbol, ein Zeichen, eine Formel, darunter es begriffen werden kann, als wäre es etwas Endliches. Die Religionen sind also für diejenigen Menschen gemacht — und es sind die meisten — denen es nicht gegeben ist, das Unendliche unmittelbar anzuschauen. Religionen sind gerade für die im eigentlichen Sinne Unreligiösen. Je frappanter, fasslicher, ästhetisch reizvoller dieses Symbol ist, desto grösser die werbende Kraft einer Religion.*) So hatte das Griechentum seine Göttergeschlechter und ihre Riesenkämpfe, es hatte die Schauer des Tartarus und die strahlende Schönheit des Olymp. So zog bei den Germanen Wodan mit dem wilden Heere durch die Wolken, — Baidur, der Götterliebling, musste den Tod erleiden; Walhall erwartete den Helden, den die Walküren vom Schlachtfeld aufhoben; von Ferne aber warf die Götterdämmerung ihre Schatten voraus und drohte alles Seiende zu vernichten. So haben die Perser ihren Ormuzd, den Gott des Lichtes und des Guten, und Ariman, den Gott der Nacht und des Bösen, samt dem Kampfe der beiden, der einst mit dem Siege des Guten enden wird. So hat das Christentum die Trinität Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den heiligen Geist; es hat die Passions¬ und die Erlösungsgeschichte. Mit diesen flüchtigen Erinnerungen wird sich jeder deutlich machen können, worauf es hier ankommt: dass nämlich eine Religion nichts ist als ein Symbol, eine Formel oder ein Zeichen für eine unbekaonte Grösse. Was von alledem nun — um zu unserm Thema zu kommen — hat das Judentum? Welches Symbol, welche Formel, welches Zeichen hat das Judentum gefunden, um das Unendliche den endlichen Sinnen näher zu bringen? Hat das Judentum eine Mythologie? Gibt es im eigentlichen Judentum Himmel oder Hölle oder Unsterblichkeit? „Ich bin der Herr Dein Gott ..." Wer ist das? Was ist er? Wodurch unterscheidet er sich von den Göttern anderer Religionen? Wie sieht er aus? Wo hat er seinen Sitz? Wo ist sein Ursprung? Nichts von alledem! Das Judentum hat nur den gänzlich unbestimmten Gottesbegriff, es hat allenfalls einen Namen dafür — und damit ist die jüdische Religion zu Ende. Aber haben wir nicht die Schöpfungsgeschichte, den Sündenfall, die Sintflut und überhaupt die ganze Bibel? Und haben wir nicht die jüdische Sittenlehre? Gewiss! Aber die Bibel, was ist sie anderes, als Geschichte, die, wie natürlich, aus der Sage ihren Anfang nimmt? Und was Geschichte für die Juden bedeutet, werden wir alsbald sehen. Wo sie aber nicht Geschichte ist, da ist sie ein Gesetzbuch und hat mehr staatsrechtliche als religiöse Geltung. Und was die jüdische Sittenlehre betrifft, so ist es die allgemein menschliche, die allen Religionen zugrunde liegt. Gerade aber, wo -') Auch das gute Geschäft spielt eine Rolle: die Leichtigkeit und Gewisslicit nämlich, mit der man gegen einige Jahre irdischer Tugendhaftigkeit eine ewige Glückseligkeit einzutauschen hofft.

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