Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Noah in der bildenden Kunst
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 343 - 344 (sequence 3)
- Language
- German
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343 0. Kutna: Noah in der bildenden Kunst. 344 RAFAEL. VATIKAN. Der Bau der Arche. scheint denn Noah mit der Arche unter den statuarischen Gestalten der Kirchen, auf Glasmalereien und Werken der KleinkunFt, in derselben Art, wie sie nach dem Malerbuch vom Berge Athos auch in der byzantischen Kunst Brauch war. Aus dieser rein symbolischen Auffassung erklärt es sich, wenn er auf einem Fenster der Kirche von Brou die Arche auf dem Kopfe trägt — so auch im Triumphzug des Glaubens Titians — oder wenn auf dem Altar von Verdun die Arche als eine mehrschiffige Basilika erscheint. Für die willkürliche Erweiterung der typologischen Verbildlichung in der späteren Zeit gibt das Glasfenster des Klosters zu Wettingen in der Schweiz, auf denen vaterländischer Geist die Sintflut mit der Schlacht am Morgarten und den Noahbund mit der Aufnahme Berns in das Reich in Parallele gesetzt hat, ein bezeichnendes Beispiel. In der Ausmalung der einzelnen Szenen wird der Bau der Arche wegen der wichtigen symbolischen Bedeutung als tabernaculum Dei häufig behandelt, allerdings mit geringem künstlerischen Gewinn. Die Szene ist zu indifferent und gibt dem Gebaren der Gestalten kein rechtes Motivzentrum; man ging daher in der neueren Kunst sittenbildlich in die Breite oder zeigte nackte Menschen bei der Arbeit. In beiden Fällen fehlt aber die überzeugende Kunstform, die unmittelbare Zustimmung erweckt; und wenn die artistischen Qualitäten auch zahlreich sind, den edlen Zwang üben sie nicht aus, in dem Schönheit und Wahrheit uns wie eine neue Einheit anmuten. Durchaus ateliermässig, mit starker Überwucherung des Formelements ist die Gestaltung bei den Schülern Rafaels in der „Bibel Rafaels" in den Loggien des Vatikans. Der standbildliche Noah ist drapiert, arrangiert, willkürlich und nichtssagend in der Gestik; die Söhne zu absichtlich in den Aktionsmotiven, zu prononciert in der Nacktheit und übertrieben in der Betonung der Musculatur. Schulmeisterlich nüchtern, in der Formgebung erborgt und gedanklich höchst platt ist die Illustration des Baues in Schnorrs Bibel. Gott kommt an Noah heran, als wolle er ihm noch etwas sagen, was er vorhin vergessen; Noah, mit dem Messstab in der Hand, hört ungeduldig zu, die Söhne sind bei der Arbeit und achten garnicht darauf. Sie markieren RAFAEL. VATIKAN. Auszug aus der Arche. Arbeit und zeigen ihre korrekt gezeichneten Glieder. Die Frauen sind klassizistisch, brav und jung, wie sich's gebührt. Die eine reicht dem Manne eine Schale mit Trinkwasser, die zweite sitzt wehmütig am Boden neben Mutter Noah, die mahnend ins Tal hinabweist, wo die bösen Menschen ihre Orgien feiern. Die dritte — nun die dritte trägt einen Korb auf dem Kopfe und geht dem Hintergrund zu; das tut sie, und dabei hat sie Gelegenheit, nahezu kopietreu so auszusehen wie die berühmte „Wasserträgerin" auf Rafaels Burgbrund im Vatikan. Lebendiger ist die Gegenüberstellung der Noahfamilie und des sündigen Geschlechts in der naturalistischen Ausmalung der Genesisillustrationen Joh. Sadelers. Der Einzug in die Arche (wie der Auszug) gibt ungezwungen Gelegenheit zur Darstellung von Tieren, weshalb der Gegenstand die mittelalterliche wie die neuzeitliche Malerei anzog. Ein charakteristisches Beispiel gibt „Der Zug der Tiere nach der Arche" von G. B. Castiglione (Dresden) mit der vielgestaltigen Ausführung von Tiergruppen und Stilleben; mehr bilderbuchartig ist ein Blatt von Peter van der Borcht. In der Darstellung der Flut bietet die Kunst nur wenig Werke von grossem Stil und ergreifender Wirkung. Die Intensität des Eindrucks wird durch die Fülle der Ereignisse abgeschwächt, die einheitliche Bildwirkung leidet durch vage Allgemeinheit oder durch hervorstechende Einzelzüge. Es wird darin weniger das elementare Phänomen und das Schicksal der Erdenmenschheit sichtbar als ein malerisches Szenarium in compositioneller Gruppeneinheit. In der primitiven Kunst macht sich dies viel weniger als Mangel fühlbar wie in der reifen Kunst. So wenig das Element und seine Macht in der Wiener Genesis überzeugend wirkt, so ergreifend sind die seelischen Regungen, Not und Hilflosigkeit ausgedrückt. Ein Paar hält sich verzweifelt umschlungen, ein Jüngling hebt flehend die Hände gen Himmel. Mehr didaktisch-episch ist der Ashburnham Pentateuch (7. Jahrh.); neben Menschen und Tieren schwimmen zwei Riesen im Wasser. In den Homilien des Gregor von Nazianz (9. Jahrh.) wird die Rede vom Frieden durch die Flut illustriert, die symbolische Gestalt