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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 333 - 334

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Cesare Lombroso
Date
1906-05-01
Page
Seite 333 - 334 (sequence 3)
Language
German
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333 Dr. H. Hoppe, Königsberg i. Pr.: Cesare Lombroso. 334 die Arbeiten der Lombrososchen Schule. Die Literatur ist bereits zu einem kaum zu übersehenden Umfange angewachsen. Die Gründung der internationalen kriminalanthropologischen Kongresse, von denen der erste im Jahre 1883 in Rom abgehalten wurde, während der letzte erst vor kurzem in Turin getagt und Lombroso begeisterte Huldigungen zu seinem Jubiläum dargebracht hat, zeigt am deutlichsten den Erfolg und die Wirkung der Lombrososchen Lehren. Die deutschen Aerzte waren im allgemeinen der neuen Lehre kühl und abwartend entgegengetreten. Es wurden besonders die offenbaren Fehler der Lombrososchen Beweisführung, vor allem der Mangel an Kritik, mit dem Lombroso ein massenhaftes, aber ungleichartiges Material ohne gründliche Prüfung und Sichtung für seineAxiome verwendet, gegen seineLehren ins Feld geführt und gaben zu heftigen, zum Teil recht hämischen und verletzenden, Angriffen Anlass. Durch eine geradezu boshafte und gehässige Polemik hat sich besonders Näcke (Oberarzt an der sächsischen Irrenanstalt Hubertusburg) ausgezeichnet, welcher jede Gelegenheit benutzt, um Lombroso persönlich anzugreifen „in einer "Weise, die mit der Würde wissenschaftlicher Arbeit kaum vereinbar erscheint" (Gaupp) und Lombroso kürzlich zu der Bemerkung veranlasste, dass in Deutschland die Kritik seiner Arbeiten in den Händen eines von einem zwingenden Vorurteil gegen ihn erfüllten Unglücklichen rube. Entblödet sich doch Näcke selbst nicht, zu antisemitischen Angriffs weisen zu greifen. In einem Referat über ein neueres Werk über das Verbrechen, äussert sich Näcke (Arch. f. Kriminalanthropologie 1903 Bd. 13 S. 278) wörtlich wie folgt: „Trotz dieser erneuten Abweisung wird Lombroso ruhig weiter seine Ladenhüter anbieten. Er ist unbelehrbar, und darin sehe ich einen semitischen Zug. Wrie der Handelsjude mit seinen Waren zehnmal zur Tür hinausgeworfen, das elfte Mal wieder hereinkommt,so auch Lombroso mit seinen Theorien". Und trotzdem muss auch Näcke zugestehen: „Lombroso s Verdienste kann niemand verdüstern wollen. Alle wissen, dass er es ist, welcher systematisch die Untersuchung des Verbrechers einleitete und dass er der geistige Autor einer ungeheuren fruchtbaren Literatur geworden ist und manche (!) geniale Ideen in die Welt gesetzt hat". Und an einer andern Stelle (Arch. f. Kriminalanthropol. 1902 Bd. 10 S. 112) sagt er: „Mit Recht wird Lombroso hingestellt als der Vater der bisher erlangten neuen Fortschritte (auf dem Gebiete der Kriminal an thropologie)". Dass Lombrosos Werke zahlreiche Angriifspunkte bieten, muss allerdings zugegeben werden. Auch Kurella, der eifrigste und geistreichste Verfechter der Lombrososchen Lehre in Deutschland, beklagt an Lombroso den Mangel kühler Quellenkritik, kritischer Sonderung, gründlicher Verarbeitung und übersichtlicher Darstellung, aber diese Fehler werden nach Kurella durch die universelle Bildung, durch die ungeheure Belesenheit, durch die glänzende Intuition und die Gabe kühner Kombination aufgewogen. Und ein anderer Forscher Ladame, der an Lombrosos Lehren ernste Kritik übt, meint: „Man vergisst ihm gern seine Fehler wegen des jugendlichen Enthusiasmus und der mächtigen Anregung, die er dem Studium auf dem Gebiete der Kriminalanthropologie gegeben hat." (Arch. d'anthropol. 1904.) Auch Kur ella kann Lombroso in seinen Spekulationen über den Atavismus und über die Identifizierung des Verbrechers mit dem Epileptiker nicht folgen. Es sind dies ohne Frage die schwächsten und angreifbarsten Punkte der Lombroso sehen Lehre. Damit fällt aber noch lange nicht die ganze Lehre. Sie kann auch ohne jene Theorien bestehen, da sie auf der Feststellung einer Reihe anatomischer, biologischer und psychischer Eigenschaften gegründet ist, welche eben für den Verbrecher typisch sind. Sicher ist jedenfalls, dass bei den Verbrechern die Zeichen körperlicher und geistiger Entartung zahlreicher sind und häufiger vorkommen, als bei der normalen Bevölkerung, und dass sie in dieser Beziehung den Geisteskranken, Idioten und Epileptikern nahe stehen. Diese wie jene sind eben als die Zweige eines siechen Stammes zu betrachten, es sind Degenerierte verschiedener Art. Auch die bedeutendsten Gegner Lombrosos, vor allen die Gefängnisärzte Baer und Kirn geben zu, dass die Gewohnheitsverbrecher zur Klasse der Degenerierten gehören, dass sie sich aus minderwertigem Menschenmaterial zusammensetzen und im Durchschnitt „unter dem mittleren geistigen Niveau der Menschheit im allgemeinen stehen." Baer bestreitet aber, dass sie durch ihre abnorme Veranlagung notwendig zum Verbrechen geführt werden. Jedenfalls hat man sich auch in Deutschland allmählich zu einer gerechteren Würdigung des Kerns der Lombrososchen Lehre verstanden. Als dieser Kern wird ziemlich allgemein anerkannt, dass das Verbrechen, welches als soziales Phänomen aufzufassen ist, ausser den sozialen Faktoren zu seinem Zustandekommen der individuellen Veranlagung bedarf. „Der verbrecherische Mensch wird als solcher geboren, er bringt seine böse Anlage schon von Natur mit sich; Kultur kann bessern, Milieu maskieren, aber seine Anlage behält er", wie Gross den Kern der Lombrososchen Lehre kurz skizziert. Nach Abschluss seines Hauptwerkes hat Lombroso an dem Studium des Verbrechers dauernd weiter gearbeitet und seine Lehre durch weitere eingehende Forschungen zu stützen und auszubauen gesucht. So hat er gewisse Seiten der Verbrecherpsychologie ausführlich in einem Werke behandelt, das in deutscher Uebersetzung von Kur eil a in einem starken Bande unter dem Titel: „Kerker-Palinrpseste, Wandinschriften und Selbstbekenntnisse gefangener Verbreeher" (Hamburg 1899) erschienen ist. Lombroso hat ferner seine Darstellung des Verbrechertypus durch Studien über einzelne Verbrecherarten erweitert. So behandelt er den politischen Verbrecher in einer umfangreichen Studie,

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