Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Cesare Lombroso
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 331 - 332 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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331 Dr. H. Hoppe, Königsberg i. Pr.: Cesare Lombroso. 332 drossen fort und verstand es mit der Zeit, ein in seiner Art einzig dastehendes psychiatrisches Museum zusammenzubringen. Im Jahre 1862 wurde er zum Professor der Psychiatrie in Pavia ernannt; darauf wurde er Direktor der Irrenanstalt Pesaro, und im Jahre 1870 wurde er als Professor der Psychiatrie und gerichtlichen Medizin an die Universität nach Turin berufen, an der er noch heute lehrt. Exakte naturwissenschaftliche Beobachtung und Untersuchung bildete, so sagte ich, die Grundlage für die neue Kichtung, die Lombroso in der psychiatrischen Forschung einschlug, und mit denselben wissenschaftlichen Methoden ging er auch an das Studium der Verbrecher, welches den Hauptinhalt seines Lebens bildet. Der Verbrecher, speziell der Gewohnheits Verbrecher, war bis dahin nur der Gegenstand der Furcht, der Verachtung und des Abscheus gewesen. Man stellte sich den Verbrecher als einen verworfenen Sünder vor, der bei dem freien Willen des Menschen, das Gute oder Böse zu wählen, sich für das Böse entschieden hat, ungefähr ähnlich, wie Richard III., der bei Shakespeare mit dem Vorsatz: ..Ich bin gewillt, ein Bösewicht zu werden", auf die Bühne tritt. Seine Lasterhaftigkeit und Ruchlosigkeit hatte die mitleidslose Bestrafung zur Folge, welche je nach der Art des Verbrechens schematisch nach den Paragraphen des Strafgesetzes vollzogen wurde. Es ist das unsterbliche Verdienst Lombrosos, dass er gegenüber den auch heut noch herrschenden metaphysisch-spekulativen Theorien der Theologen und Juristen über die Natur des Verbrechens, der Sünde und des Bösen, den individuellen Faktor des Verbrechens in den Vordergrund gerückt, die Beachtung von dem Verbrechen auf den Verbrecher gelenkt und diesen zu einem Gegenstand exakter naturwissenschaftlicher Beobachtung und Forschung" gemacht hat. Lombroso hat so eine völlige Revolution in der Betrachtung und teilweise auch schon in der Behandlung der Verbrecher hervorgerufen und ist der Begründer einer neuen Wissenschaft, der Kriminalanthropologie, geworden. Das Hauptwerk seines Lebens, in welchem er die Resultate seiner Forschungen zuerst veröffentlichte, der ..L'uoino delinquente", das im Jahre 1876 in Mailand erschien, zahlreiche Autlagen erlebte (5. Auflage 1890) und in alle lebenden Sprachen übersetzt wurde*), machte ihn mit einem Schlage zu einem berühmten Manne. Die Lehre von dem ,.geborenen Verbrecher", die er in diesem Werke verkündete, knüpfte wie so viele wissenschaftliche Entdeckungen an einen zufällig empfangenen lebhaften Eindruck an, der ihn nicht wieder losliess. Lombroso fand 1859 an dem Schädel eines Verbrechers Merkmale, die an Nagetierschädel erinnerten. Als eifriger Jünger der Darwinschen Theorie, welche gewisse Eigenschaften der Lebewesen als Atavismus, d. h. als liückschlagsbildungen erklärt, als scheinbar zweckloses *) Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und gerichtlicher Beziehung" in 3 Bänden 1887—90. resp. unzweckmässiges Ueberbleibsel oder Wiederaufleben von Formen längst vergangener oder niederer Arten, kam er sofort auf die Vermutung, dass es sich hier um eine, die Verbrechernatur bedingende Rückschlagsbildung ins Tierische handeln könne. Er wurde in dieser Anschauung noch bestärkt, als kurz darauf in einem Mordprozess Handlungen des Kannibalismus aufgedeckt wurden, in denen Lombroso ein Auftreten atavistischer Neigungen zu erkennen glaubte. Damit war das Interesse Lombrosos für das Studium der Verbrecher geweckt. Doch kam er erst durch seine Berufung nach Turin als Professor der gerichtlichen Medizin (1870) in die Lage, ausreichendes Material für seine Untersuchungen zu finden. Mit einem bewundernswerten Fleisse hat Lombroso eine ungeheure Fülle von Beobachtungen, Untersuchungen und Messungen an Verbrechern und Verbrecherschädeln zusammengetragen und in kühnen Kombinationen für seine Lehre verwendet. Diese Lehre lässt sich kurz folgendermassen zusammenfassen: Der Verbrecher stellt einen besonderen Typus des Menschen, eine anthropologische Varietät dar, die sich durch körperliche und geistige Degenerationszeichen charakterisiert. Er bildet einen Rückschlag in die ersten Zeiten des menschlichen Lebens und nähert, sich als Produkt des Atavismus dem Wilden, dem Träger einer niedrigen, längst hinter uns liegenden Kultur, sowie den höheren Tierklassen, er ähnelt aber auch dem Kinde, dessen Verstand und Moral noch unentwickelt sind. Sein Wesen und Charakter stimmt in dem Masse mit dem des „moral insane" (des moralisch Schwachsinnigen) überein, dass angeborenes Verbrechertum und moralischer Schwachsinn identische Begriffe sind. Auch mit dem Epileptiker ist der Verbrecher nahe verwandt. So von der Natur stiefmütterlich beanlagt, kann der ..geborene Verbrecher" kein anderes, als ein verbrecherisches Ijeben führen. Die durch die abnorme Gehirnorganisation begründete geringe oder einseitige Intelligenz, die gemütliche Stumpfheit, die sittliche Gefühllosigkeit, der krasse Egoismus, die Arbeitsscheu und die natürliche Bohheit drängen ihn zum Verbrechen. Er ist auch, weil er eben durch organische Anlage zum Verbrechen getrieben wird, unverbesserlich und muss deshalb — das ist die praktische Folgerung, zu der Lombroso kommt — dauernd unschädlich gemacht werden. Selten hat eine Lehre eine so schroff gegensätzliche Beurteilung erfahren, als die vom geborenen Verbrecher. Hier rauschender Beifall wegen der genialen und radikalen Lösung eines grossen Problems, dort vernichtende Verurteilung eines tollen Hirngespinstes. Lebhafte Aufnahme fand die neue Lehre besonders in ihrem Geburtslande Italien, bei Medizinern sowohl, als bei Juristen, und führte zur Gründung der „positiven Schule", die es sich zur Aufgabe machte, die Untersuchungen Lombrosos im Sinne ihres Meisters fortzuführen und zu ergänzen. Ein eigenes Archiv, welches Lombroso im Jahre 1879 geschaffen hat, (Archivio di psichiatria) bildet den Sammelpunkt für