Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Cesare Lombroso
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 335 - 336 (sequence 4)
- Language
- German
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335 Dr. H. Hoppe, Königsberg i. Pr.: Cesare Lombroso. 336 die er 1890 zusammen mit dem Advokaten Lachi veröffentlicht hat (in deutscher Uebersetzimg von Kurella unter dem Titel: „Der politische Verbrecher und die Revolutionen in anthropologischer, juristischer und staatswissenschaftlicher Beziehung" 1892 in zwei Bänden erschienen), ferner Verbrechen und Prostitution beim weiblichen Geschlecht in einem mit Ferrero zusammen herausgegebenen 2 bändigen Werke „La donna delinquente" (übersetzt von Kurella unter dem Titel: „Die Frau als Verbrecherin und Prostituierte"), worin er die Prostitution beim weiblichen Geschlecht als Aequivalent des Verbrechens beim Manne erklärt. Schliesslich hat er noch einmal die Resultate aller seiner Forschungen zusammengefasst in einem Werke, das in deutscher Uebersetzimg 1902 unter dem Titel „Ursachen und Bekämpfung des Verbrechens" erschienen ist. Ein so umfassender Geist wie Lombroso beschränkte sich natürlich nicht auf das eine Gebiet der Verbrecher- Studien, sondern er ist auch auf einer Reihe von anderen Gebieten erfolgreich und zum Teil bahnbrechend gewesen. Ausser seinen Studien über den Kretinismus in der Lombardei, von denen ich schon gesprochen habe, veröffentlichte er 1865 klinische Studien über die Geisteskrankheiten, 1868 Studien zur medizinischen Geographie Italiens und 1872 klinische und experimentelle Studien über die Pellagra, worin er zuerst den Nachweis führte, dass diese schwere in der Lombardei, in Spanien und in einzelnen Gegenden Oesterreichs endemische mit nervösen und psychischen Störungen verbundene Hautkrankheit mit dem Genuss von verdorbenem Mais zusammenhängt. Ein grosses Aufsehen erregte sein Buch: L'uomo di genio (Turin 1869, 6. Aufl. 1894), dass in deutscher Uebersetzimg unter dem Titel „Genie und Irrsinn" in der Recklamschen Bibliothek erschienen ist, worin er die allerdings sehr anfechtbare und sehr angefochtene Theorie aufstellte, dass das Genie mit dem Wahnsinn sehr nahe verwandt sei. Jedenfalls hat Lombroso auch hier wieder Anregungen in Hülle und Fülle gegeben und das wissenschaftliche Studium des Genies begründet, sodass auch Nücke wieder zugestehen muss: „Mit Recht führt Löwenfeld das neuerliche Studium des Genies auf Lombroso zurück". Wie jeder wahrhaft grosse Sohn des jüdischen Volkes hat auch Lombroso, trotz steigenden Ruhmes, seine treue Anhänglichkeit an sein Volk bewahrt und alle Zeit kund gegeben. In einer Streitschrift: „Der Antisemitismus und die Juden" (Leipzig 1894) ist er als. warmer Verteidiger seines Volkes aufgetreten, um mit dem Rüstzeug der modernen Wissenschaft die Judenfeinde zu bekämpfen. Und als kurz darauf mit dem Auftreten Herzls die nationaljüdische Bewegung einsetzte, da verhielt er sich zwar zunächst ablehnend, weil er in einem Lande lebend, „wo die Juden vollkommen alle bürgerlichen und politischen Rechte gemessen und keinen Antipathien begegnen", die Motive der Bewegung nicht begriff, aber schon nach wenigen Jahren sah er die ganze Grösse seines Irrtums ein, wie er in einem Artikel der „Welt" im Jahre 1898 offen erklärte. „Haben jene westeuropäischen Juden, weil es ihnen gut geht und weil sie ein Vaterland gefunden haben, das Recht zu vergessen, dass sie Brüder besitzen, denen es schlecht geht, die kein Vaterland haben? Haben jene das Recht zu vergessen, wie viele Tausende, Millionen von Menschen dem Spott und Verfolgungen ausgesetzt sind, bloss wegen des höchst edlen Umstandes, das sie einen Glauben besitzen? Darf vergessen werden, dass der Zionismus für diese Vaterlandslosen eine Wiege, für alle eine Hoffnung und eine sichere Antwort für die werden kann, die den Juden beschuldigen, dass er zu nichts taugt, als mittels Ränke und Wucher Geld zusammenscharren? Diese Worte offenbaren so recht das warmblütige Herz des grossen Mannes, das in heisser Liebe für sein unglückliches Volk schlägt. Und an einer anderen Stelle sagt er: Ich bin Zionist weil ich Jude bin, und ich weiss nicht, wie man als Jude kein Zionist sein kann". (L' Echo Zioniste Dez. 1901). Und so kann denn das jüdische Volk in jeder Beziehung stolz sein auf diesen seinen Sohn, der trotz aller Anfeindungen, die seine Lehre erfahren hat, von gewisser Seite zum Teil deswegen erfahren hat, weil sie von einem Juden stammt, seinen Namen berühmt gemacht hat in allen Ländern der Erde und zu einem der populärsten, den auch der einfache Mann aus dem Volke kennt. Wir aber wünschen dem genialen Forscher zu seinem 70. Geburtstage, den er in jugendlicher Frische und rüstiger Schaffenskraft erlebt, dass ihm noch recht viele Jahre gesegneter Tätigkeit beschieden sein mögen, zum Nutzen der Wissenschaft und zur Ehre seines Volkes.