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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 329 - 330

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Cesare Lombroso
Date
1906-05-01
Page
Seite 329 - 330 (sequence 1)
Language
German
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329 330 CESARE LOMBROSO. Von Dr. H. Hoppe, Nervenarzt in Königsberg i. Pr. Nachdruck verboten. Es ist eine viel verbreitete Meinung, die besonders in der letzten Zeit durch die Chamberlainsche Theorie von der Ueberwertigkeit der germanischen und der Unterwertigkeit der jüdischen Rasse genährt worden ist, dass die Juden wohl zahlreiche Talente, aber keine Genies hervorbringen, oder wie ein angesehener Baseler Professor behauptet, dass den Juden die grossen epochemachenden, neue Wege in Wissenschaft, Kunst und Leben anbahnenden Gedanken abgehen, dass sie nichts Produktives leisten, sondern nur in der Reproduktion gross sind. Um zu zeigen, wie falsch und ungerecht diese Behauptungen sind, brauchte man ja nur auf das jüdische Altertum zu verweisen, auf den Gesetzgeber Moses, auf den königlichen Dichter David, auf die gewaltigen Propheten J er e m i a s, 3 esaias und auf — Jesus. Wenn aber die Verfechter der jüdischen Minderwertigkeit ihre Theorie auf die Juden nach der Zerstreuung beschränken, so können auch da, obgleich die Zerstreuung eines Volkes über die ganze Erde, der Mangel an Bodenständigkeit in Verbindung mit den fürchterlichen Unterdrückungen und Verfolgungen, denen die Juden bis in die neueste Zeit ausgesetzt waren, wenig geeignet ist, die Entwicklung von Genies zu begünstigen, doch zahlreiche Geister ersten Hanges auch in der Diaspora genannt werden. Ich erinnere nur an Baruch Spinoza, an Heinrich Heine, an den Staatsmann Disraeli und an Marx und Lassalle, die Begründer des Sozialismus. Und ihnen schliesst sich würdig an als Pfadfinder auf soziologisch - anthropologischem reap. biologischem Gebiete Cesare Lombroso, dessen 70jährigen Geburtstag die wissenschaftliche Welt in diesem Jahre feiert. Cesare Lombroso ist als Sohn einer angesehenen jüdischen Familie am 18 November 1836 in Verona geboren. Unter dem Einfluss seiner Mutter, einer hochgebildeten, geist- und gemütvollen Frau, entwickelte er sich geistig sehr früh. Er bekundete schon als Kind vielseitige Interessen und zeichnete sich durch eine hervorragende Cesare Lombroso. Darstellungsgabe aus. Als 12 jähriger Knabe veröffentlichte er zwei kleine Abhandlungen archäologischen Inhalts. Bald darauf zeigte sich bei ihm ein impulsiver Trieb allerhand Sprachen zu lernen, und er war, als er zur Universität kam, bereits ein vollkommener Polyglott, Seine ursprüngliche Absicht Sprachen zu studieren gab er auf Rat seines Lehrers Marzolo auf und so entschloss er sich zum Stadium der Medizin. Er studierte an den Universitäten Pavia und Wien. Von vornherein wandte er sein Hauptinteresse der Anthropologie und der vergleichenden Psychologie zu und kam so schliesslich zur Psychiatrie. Im Beginn seiner Studien fesselten ihn besonders die Probleme der Entwickelungstheorie, deren Hauptresultate er selbständig entwickelte und 1859 ungefähr gleichzeitig mit Darwins Hauptwerk in einem wenig bekannt gewordenen Buche veröffentlichte. Er wurde späterhin der erste Verkünder und Förderer der Darwinschen Lehre in Italien, die auch seiner späteren wissenschaftlichen Tätigkeit die Richtung gegeben hat. Im Jahre 1856 promovierte er. Eine erste Frucht der Kombination anthropologischer und psychiatrischer Studien waren seine „Untersuchungen über den Kretinismus in der Lombardei" (1858), welche, durch die Forschungen V i r c h o w s über diesen Gegenstand angeregt, das Interesse des grossen Pathologen für den jungen 22 jährigen Forscher erweckten. Seine Studien erlitten im Jahre 1859 eine kurze Unterbrechung durch den italienischen Freiheitskampf gegen Oesterreich, den er in den Reihen der Piemontesen mitmachte. Nach dem Kriege war er noch eine Zeit lang Militärarzt, dann habilitierte er sich 1860, also im Alter von 24 Jahren, an der Universität Pavia als Dozent der Psychiatrie. Seine neuen auf exakte naturwissenschaftliche Beobachtung und Untersuchung gerichteten Methoden erregten den Spott der alten Schule, die sich in metaphysischen Spekulationen verlor, und es hiess Lombroso studiere die Irren mit der Schnellwage. Lombroso liess sich aber nicht beirren, sondern setzte seine Untersuchungen unver-

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