Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Adolf von Sonnenthal
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 4)
- Language
- German
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323 Adolf von Sonnenthal. 324 wandels — das sind Erbstücke aus seinem Vaterhause. Und sein grandioses Talent?... Spiritus flat ubi vult!... Die dreisten Schwätzer haben gut sagen, dass wir Juden der feinsten Blüte der europäischen Kultur innerlich fremd gegenüberstellen, sie weder begreifen, noch an ihr mitschaffen können. Und da kommt ein Jude und wird der grösste Interpret ihrer grössten Dichter, lehrt sie, deren tiefste Gestalten begreifen.... Schon früh regte sich in dem Knaben der Drang zum Schauspielen, doch musste er ihn gleichmanchem viel kleineren Schicksalsgenossen , unterdrücken. Dagegen musste er einen ehrsamen Beruf erlernen. "Wenige Jahre nachdem er Bar-Mizwah geworden und nach alter Sitte in der Synagoge zur Thora aufgerufen wurde und daheim in wohlgesetzter Rede beim Festmahl seinen Eltern Worte des Dankes gespendet — musste er zu einem Schneider in die Lehre. Er erlernte aber sein Handwerk gründlich und kam als etwa 17 jähriger Knabe nach Wien, um Brot und Arbeit zu suchen. Das Handwerk ernährte ihn nur karg und der seltsame Schneidergeselle erteilte mittlerweile — Unterricht im Französischen und nahm Unterricht in der Schauspielkunst bei dem berühmten Davidsohn. Endlich sagte er dem Handwerk endgültig Yalet und widmete sich ganz der Schauspieler kunst. Vor 56 Jahren betrat er zum erstenmal die Bühne des Burgtheaters, aber er durfte dort vorläufig nur „stumme" Hollen Sonnenthal als ..Wallenstein" Sonnenthal als „König Lear". spielen. Sechs J ahre lang spielte er dann auf kleineren und grösseren Provinzbühnen, seine Wanderungen führten ihn durch Oesterreich-Ungarn und Deutschland bis Königsberg. Mittlerweile reifte und entwickelte sich sein Talent. Heinrich Laube war es, der ihn für das Burgtheater engagierte und behielt, obgleich sein erstes Auttreten ein Misserfolg war, und ein weitschauencler Kritiker ihm den Rat gab, das Burgtheater zu verlassen und sich nach Znaim zu wenden. Seine Sonne ging bald auf. Er stieg auf der Stufenleiter des Ruhmes immer höher; er wurde die Stütze und der Stolz des Burgtheaters, dessen Ruhm er auf Gastspielen bis nach Russland und Amerika trug. Es ward der Liebling des Hofes und der kunstsinnigen Aristokratie, der Kaiser verlieh ihm den erblichen Adelsstand, Fürsten und Fürstinnen hätschelten ihn. Er aber fuhr fort, an seiner Vervollkommnung zu arbeiten. Und so wie er auf der Höhe des Ruhmes ein schlichter, herzlicher, gütiger Mensch und ein treuer dankbarer Sohn seiner bescheidenen Eltern verblieb, so verblieb er auch ein treuer Sohn des Judentums, das ihn mit Stolz zu seinen besten Söhnen zählen darf. Als die AVogen des Antisemitismus hoch gingen und in Wien unzählige aus allen Schichten der Gesellschaft in einem besseren „Jenseits des Judentums" ihr Heil suchten, blieb er aufrecht und wankte nicht. Er nahm an allen jüdischen Kunst- und Kulturbestrebungen regsten Anteil, trat stets ostentativ als Sonnenthal als „Kean"