Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Adolf von Sonnenthal
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 321 - 322 (sequence 3)
- Language
- German
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321 Adolf von Sonnenthal. 322 Barmherzigkeit und mitleidvoller Güte durchseelt sein. Doch wird diese leise humorvolle Menschen Verachtung bei Sonnenthal-Nathan von einer grossen Herzenswärme ausgeglichen, und sein Bedürfnis zu verehren, sich am Schönen und Hohen zu erfreuen — ein Bedürfnis, das jeder vornehmen Seele innewohnt — lässt ihn ob jeder Aeusserung menschlichen Edelmuts aufjauchzen. Darum steht dieser gütige Menschenverächter vor uns in seelischer Harmonie, voll verzeihender Menschenkenntnis, ein Symbol tiefer, kraftvoller Barmherzigkeit. So hat Sonnenthal Lessings Nathan geschaut und mit unvergleichlicher Meisterschaft zur Darstellung gebracht. Der Schauspieler zeigte sich hier als feiner Psychologe von tiefer Menschenkenntnis und höherer Lebenserfahrung, ja mehr noch: als Denker und Philosoph. Und Sonnenthal ist wohl in seiner Zeit der grösste, wo es gilt, die Gebilde, die das innere Auge schaut, in lebendigen Gestalten darzustellen. Es gibt Schauspieler genug, die dank ihrer glänzenden äusseren Mittel, z. B. klangvolle modulationsreiche Stimme, schöne persönliche Erscheinung, Geschmeidigkeit und Vornehmheit der Bewegungen, ausdrucksvoller Blick und dergl. in hohem Grade die Gabe besitzen, dem Zuschauer dichterische Gestalten lebenswahr vorzutäuschen. Aber nur sehr, sehr wenige besitzen gleich Sonnenthal die Kraft, lebendige Gestalten zu schaffen, die in der poetischen Kreation schlummernde Seele zu höherem Leben zu erwecken. Nathan der Weise bildet nur einen, freilich einen der höchsten Gipfel in dem Höhenkamm von Sonnenthals Ruhm. Doch als Mass für sein Können dürfte man diese Kreation nicht ansehen. Denn im Nathan hatte er den Juden, den Menschen voller Güte und — den Vater, also eigentlich sieh selbst zu spielen, sein eignes Seelenleben künstlerisch zu gestalten. Will man die Höhe seiner Kraft ermessen, so muss man sich an seinen König Lear erinnern, oder an seinen Wallen stein, von seinem Hamlet zu geschweigen. Man kann sagen, es gibt keine grosse Figur in der Tragödie von Shakespeare bis Ibsen, die dieser merkwürdige Mensch nicht verkörpert, der er nicht eine neue eigenartige Gestaltung abzugewinnen gewusst hätte. Er drang als Sonnenthal als „Faust1'. Faust in die geheimnisvollen Tiefen des Lebens ein und rang als Uriel Acosta gegen ein übermächtiges, als Ueherliefemng über ihn verhängtes Schicksal. Muss man schon staunen, dass dieser Heldenspieler es vermocht hatte, einmal einen Musikus Miller (in Schillers „Kabale und Liebe") auf die Beine zu bringen, der die Zuschauer verblüffte, so wird man die grosse Mannigfaltigkeit und den Eeichtum seines Geistes erst recht bewundern, wenn man bedenkt, dass er ursprünglich als iugendlicher Liebhaber in modernen Konversationsstücken auftrat und in diesem Fach die ersten Etappen seines Weltruhms erklomm. Welch eine Kraft, welch ein eiserner Wille, welch eine Arbeitsfreudigkeit und welch eine unerschöpfliche Verwandlungsfähigkeit! Dieser Mensch trägt hunderte von Menschen in sich, leidet und freut sich, lacht und weint mit ihnen. Fürwahr, diesem Mimen wird auch die Nachwelt Kränze winden müssen! Vor der Hand aber ist die Mitwelt noch nicht fertig mit ihm. Es ist nicht an der Zeit, Sonnenthals Biographie oder auch nur eine Eückschau auf seine künstlerische Laufbahn zu schreiben. Denn er ist einer, der vom Felde der Ehre noch lange nicht heimgekehrt ist. Aber in grossen Zügen möge seine Lebensgeschichte hier skizziert werden. Sonnenthal stammt aus Budapest und ist ein Sohn „kleiner Leute", wie man zu sagen pflegt. Seine Eltern hatten einen bescheidenen Tuchwarenladen. Aber diese kleinen Leute schienen eine „gute Kasse" gewesen zu sein, um abermals einen landläufigen Ausdruck zu gebrauchen. Sie gaben ihren Kindern, deren zweitgeborener Adolf war, eine gute Erziehung. Adolf lernte in seiner Jugend Hebräisch und konnte ganze Partien der Bibel auswendig. Er besuchte, wie jedes gute, jüdische Kind, das Gotteshaus häufig, und war mit allen jüdischen Bräuchen vertraut. Hoffentlich erzählt er uns einmal selber, was er der hebräischen Bibel, was er der jüdischen Tradition als Mensch und Künstler verdankt. Eins aber ist sicher: die besten Eigenschaften, denen er seine ruhmreiche Laufbahn mit verdankt, seine Ausdauer, sein sonniges, ewig heiteres Naturell, seine Güte und sein neidloses Wohlwollen, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, sein Familiensinn, die Reinheit seines Lebens-