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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 325 - 326

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Adolf von Sonnenthal
Date
1906-05-01
Page
Seite 325 - 326 (sequence 5)
Language
German
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325 Adolf von Sonnenthal. 326 Jude auf, war stolz auf seine Abstammung und verherrlichte sein Volk, durch sein Talent sowohl, als durch die Treue, mit der er an demselben hängt. In seiner Lebensführung manifestierte sich das Jüdische zuförderst in seinem zärtlichen Familiensinn, in der Wärme und Lauterkeit seines häuslichen Lebens. Seine Gattin ward ihm in der Jugendblüte der Jahre durch den Tod entrissen. An seinem Ehrentage umgab ihn eine Schar von Kindern, unter denen seine Tochter Herrn ine, die edelste, feintse und vornehmste seiner Kreationen, sein treuer Sekretär und zuverlässigster künstlerischer Berater ist — und eine noch zahlreichere Schar von Kindeskindern. — Ein Kind des Glücks feierte sein Wiegenfest, an dem sich Gäste aller Art einfanden — nur einer fehlte: der scheelsüchtige Neid. ZUM ARTIKEL UEBER FRITZ MAUTHNER. n,« va^n Zu unserem Artikel über Fritz Mauthuer in der vorigen Nummer von „Ost und West" erhielten wir von sehr geschätzter Seite eine Einsendung, in der unter der Voraussetzung, dass Fritz Mauthner getauft sei, uns die Verwunderung darüber ausgesprochen wird, dass wir ihm einen Artikel gewidmet haben. Der Einsender fürte darin aus, man müsste doch getauften Juden gegenüber sich die weiteste Distanz wahren, man dürfte aus der Verachtung kein Hehl machen, die man gegenüber einer solchen Biegsamkeit der Gesinnung empfindet, und es berühre peinlich, in einem dem nationalen Judentum gewidmeten Organ Persönlichkeiten hervorgehoben zu sehen, „bei denen ein Glaubensumtausch möglich war, der von jedem Gesinnungsfesten verurteilt, wird und für uns Juden beschämend ist". Unser Artikel war in der Annahme veröffentlicht worden, dass Herr Mauthner sich nicht von der jüdischen Gemeinschaft losgesagt habe, jedenfalls nicht in der Form des Uebertritts zum Christentum. Diesen Schritt konnten wir bei einem Manne, der auf dem Gebiete des Geistes und Geschmackes tätig ist, nur für ausgeschlossen halten, da er — religiöse Motive kommen ja dabei nicht in Betracht — allem Geist und Geschmack aufs schärfste widerspricht. Wir machten daher Herrn Mauthner von der Einsendung Mitteilung, worauf uns dieser in einem Schreiben, dessen Veröffentlichung er uns anheimstellt, unter anderem folgendes darlegt: „Hätte ich gewusst, dass Ihre Zeitschrift ausgesprochen jüdischen Charakter hat, so hätte ich ganz naiv angenommen, der Verfasser Avoile mich — ethnographisch ganz mit Recht — trotz meiner Konfessionslosigkeit für die jüdische Rasse in Anspruch nehmen. Da ich aus meiner atheistischen Ueberzeugung — namentlich in der „Kritik der Sprache" — niemals ein Hehl gemacht habe, konnte mir nicht im Traum einfallen, ein Blatt, das mich durch einen besonderen Aufsatz ehrt, könnte nach seiner Tendenz glaubensfanatisch sein. Ist die Redaktion Ihrer Zeitschrift derart jüdisch-fanatisch, dann müssen Sie allerdings erklären: wir wüssten von F. M. absolut nichts als dass er ein Jude war, haben ihn deshalb gelobt und ziehen das Lob jetzt zurück, weil wir erfahren, er sei aus dem Judentum ausgetreten. Ist die Redaktion aber freidenkend, vertritt sie nicht die jüdische Religion, sondern nur die Rechte der jüdischen Rasse, so scheint mir die Antwort auf die Unverschämtheit des Briefschreibers, dessen Namen Sie nicht nennen, sehr einfach zu sein. Er ist so schlimm wie nur irgend ein legendärer Jesuit, wenn er sein „Ansehen'' in Ihren Kreisen dazu benutzt, Eimiuss auf die Redaktion eines freien Blattes nehmen zu wollen. Er ist ein Lügner, da er behauptet, ich wäre znm Christentum übergetreten; und da er Avissen muss, dass ich als ausgesprochener Gottloser diesen Schritt ohne Ueberzeugung, also als ein Heuchler getan hätte, so ist er mit dieser Behauptung auch ein Verleumder. Der Herr ist endlich ein Esel — ich finde kein anderes Wort —, da er sagt, ich „befleissige mich („nach dem Uebertritt", der nicht stattgefunden hat) einer antisemitischen Gesinnung". Vielleicht haben Sie Zeit und Lust, meinen Roman ..der neue Ahasver" daraufhin zu lesen; ich habe dort meine Stellung zum Antisemitismus deutlich und klar genommen". Wir haben Herrn Mauthner nicht ins Wort fallen wollen, obgleich er es bequemer gehabt hätte, einfach zu sagen, dass er wohl als Freiwilliger aus dem Judentum ausgetreten, aber nicht zum Christentum übergetreten sei. Wir haben nicht einmal die unfreundliche und falsche Unterstellung gestrichen, als ob unsere Zeitschrift ihn gelobt hätte, weil wir ihn für einen Juden gehalten und als wollten wir das Lob zurückziehen, weil wir erfahren, er sei aus dem Judentum ausgetreten. Herr Mauthner ist hier von dem gewohnten Geschmack und von der gewohnten kritischen Schärfe in bedauerlichem Masse verlassen, wobei allerdings der Umstand mildernd zu berücksichtigen ist, dass er pro domo spricht.

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