Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Adolf von Sonnenthal
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583949-2593496--06144-2593596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
319 Adolt von Sonnenthal. 320 Sonnenthal als „Nero". Theaterfeierlichkeit so ganz und gar nichts Theatralisches. Dein Theaterfürsten wurde auf eiue echt menschliche, erhebende Weise gehuldigt. Nichts Nachgemachtes war daran. Ebenso wie die Geschenke, die ihm die Mächtigen dieser Welt in reicher Fülle darbrachten, aus lauterem Edelmetall geformt waren, so war auch die stürmische Begeisterung, die ihm die Menge entgegenbrachte, lauter und aus vollem Herzen quellend. Es war eine Feier, die mehr einem Führer, ja einem Priester zu gelten schien als einem Mimen. Am Abend seines Jubiläums trat Sonnenthal in der Rolle Nathan des Weisen auf. Es war weise und geschmackvoll, dass er gerade diese Rolle für diesen Abend wählte. Wer ihn einmal als Nathan gesehen hat, der vergisst ihn und den Nathan niemals. Sonnenthal hat der unsterblichen Schöpfung Lessings die Seele eingehaucht, die sie allein beleben und ihr zu ewigem Leben verhelfen kann. Sein Nathan ist vor allem die Verkörperung der unendlichen Güte. Aber es ist nicht jene der Weichheit und der geheimen Schwäche entspringende Güte, die man im Leben häutig für bares Gold zu nehmen geneigt ist. Sondern es ist eine eherne Güte, dem Bewusstsein der eignen Kraft und Ueberlegenheit entspringend, gepaart mit einer unendlichen Nachsicht für die Schwäche und Unzulänglichkeit der andern Menschen. Es ist die Güte grosser, gönnender Charaktere, die überzeugt sind, die Fülle der Kraft, die ihnen eigen ist, sei ihnen dazu gegeben, um die Mängel der andern, minder Begnadeten auszugleichen. Diese Güte ist individualisierend. Sie schätzt gleichsam instinktiv das einzelne Individuum ab, weiss, wie weit seine Kräfte reichen und was mau von ihm fordern kann und was man von ihm nicht fordern kann. Und sie weiss noch mehr: nämlich, wessen der einzelne Mensch bedarf — und das, dessen er bedarf, bietet sie ihm mit vollen Händen, Sonnenthal als „Nathan der Weise" Sonnenthal als „Wilhelm Teil". nein: mit vollem Herzen. Und weil diese Güte weiss, wie schwach und unzulänglich die Menschen, wie wenig sie dem Leben gewachsen sind, darum ist sie begleitet von einer feinen und zarten Nuance der Menschenverachtuug, einer unbe wussten Menschenverachtung voll wohlwollender Ueberlegenheit und nachsichtigem Humor. Das klingt paradox: Güte und Menschenverachtuug. Aber alle die Menschenverehrer, die Menschenidealisierer, die damit angefangen haben, an den Menschen das Mass des Übermenschlichen anzulegen und übermenschliche Forderungen an ihn zu stellen, haben als grausame Menschenfeinde geendigt, die ihre Nächsten auf die Folterbank spannten, sie zu Tausenden hinschlachten uud verbrennen Hessen, weil sie die „idealen" Forderungen ihrer vermeintlichen Wohltäter zu verwirklichen nicht imstande waren. Nur der Menschenverächter, der die Grenzen der Menschheit mit seinem Blick gestreift hat, kann von echter