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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 313 - 314

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Lagbeomer
Date
1906-05-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 4)
Language
German
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Arthur Biram: Lagbeomer. 314 besonderer Feier — am 33. Tage des Omer, oder man begann sie, um sie fester zu datieren, nicht mit dem zweiten, sondern mit dem ersten Ijjar. Dann hatte man aber hier 34 Trauertage, ein Tag musste also entlernt und zum Freudentage gemacht werden. Warum wählte man nun als solchen den 33. Tag des Omer, den 18. dieser Trauerzeit? Unter dem Einfluss des anderen Ritus kann es nicht geschehen sein; denn wir sahen schon früher die umgekehrte Einwirkung statthaben. Vielmehr wirkte, wie die Tosaphot schon richtig empfunden haben, die Zahl 33 hier weiter, wozu dann vielleicht auch der Umstand kam, auf den Derenbourg ja hingewiesen hat, dass dieser Tag gerade die Mitte der Trauerzeit bildete. Solche Einwirkung anzunehmen, hat nichts Gezwungenes an sich. So hat man z. B. — das zeigt, wie viel weiter solche Einwirkung noch gehen kann — dem Moses Isseries, dem schon oben erwähnten Glossator des Schulchan aruch, gegen das ausdrückliche Zeugnis der Geschichte 33 Lebensjahre und 33 Werke zugedichtet nur aus dem Grunde, weil er am Lagbeomer, dem 33. Omertag, gestorben ist. Doch, warum sollten wir denn überhaupt eine solche mühsame Lösung der Lagbeomerfrage suchen? Wir haben ja eine sehr einfache Antwort auf die Frage noch immer ganz übersehen. Die Kabbalisten nämlich, die Träger der jüdischen Geheimlehre, wissen ganz genau, was sich an diesem Tage ereignet hat und warum der Lagbeomer ein Festtag sei. Nach ihnen ist es der Hochzeitstag des R. Simon b. Jochaj, des alten Tanaiten, der wegen seiner freimütigen Aeusserung über die römische Herrschaft flüchten und sich mit seinem Sohne 3 Jahre lang bis zum Tode des Kaisers Verus 169 in einer Höhle bergen musste. Schon in der alten Sage werden von ihm Wunderdinge erzählt. Durch ein Wunder soll er in der Höhle gespeist worden sein, durch keinen geringeren als den Propheten Elia soll ihm die Rettung gebracht worden sein, durch ein Wunder soll er Tiberias für rein erklärt haben. Das liess ihn den späteren Kabbalisten ganz besonders geeignet erscheinen, ihn zum Begründer des Kabbala zu machen. In der Höhle, in der er solange gelebt hat, soll er das Grundbuch der Kabbala, den Sohar, der in Wirklichkeit dem 13. Jahrhundert und Spanien entstammt, verfasst haben. Hillulo de Rabbi Schimon b Jochaj, der Hochzeitstag R. Simon b. Jochaj s ist nun der grosse Sinn der Lagbeomerfreude. Ob schon der Sohar von dieser Deutung Kenntnis hat, ist nicht sicher, gefeiert wurde der Tag in diesem Sinne erst im lß. Jahrh., als die Kabbala durch Isaak Luria in Palästina neue Wurzeln schlug und man in der Höhle von Safed das Grab R. Simon b. Jochajs gefunden zu haben glaubte. Und in dem bekannten kleinen Sammelwerk über die hauptsächlichsten, noch gültigen Ritualien, dem Chajj odom heisst es geradezu schon: Am Lagbeomer erlaube man darum zu heiraten, weil es der Hochzeitstag R Simon b. Jochajs ist. Wie verbreitet schon im 17. Jahrhundert diese Anschauung ist, ergibt sich auch aus der seit dem Anfang dieses Jahrhunderts oft kolportierten Geschichte: Ein Gelehrter habe auch am Lagbeomer, wie er es alle Tage zu tun pflegte, die Bitte um die Tröstung Jerusalems in die Tephilla eingeschaltet, da habe ihm R. Simon b. Jochaj durch Isaak Luria verkünden lassen: weil er am Tage, da er R. Simon b. Jochaj in Freude ehren sollte, wie an einem Trauertage um Tröstung gebeten habe, werde er sie bald nötig haben. Bald darauf starb in der Tat des Gelehrten Sohn. Und diese Auffassung des Lagbeomer ist auch aus dem Volksleben nie geschwunden. Noch heute ist überall da, wo kabbalistische Gedankenkreise noch Ein- oder Nachwirkung üben, der Lagbeomer der Ehrentag R. Simon b. Jochajs. In Palästina aber ist diese Deutung die Veranlassung zu einem seltsamen, lauten, stürmischen Volksfest geworden. Im Luach des Acbiassaf vom Jahre 5661; (S. 381 —4031 hat J. Goldfarb in einer farbenprächtigen, lebendigen Skizze dieses Fest geschildert. Da die ausgezeichnet geschriebene Skizze den meisten Lesern wohl unzugänglich ist, will ich einiges aus ihr hier mitteilen. Am Lagbeomer strömt von Safed und von Tiberias, aber auch von grösserer Entfernung, von Jerusalem, von Jaffa, von Damaskus und von Aleppo alles Volk, Gross und Klein, Sephardim und Aschkenazim, jemenitische und bucharische Juden nach dem Safed benachbarten Merom. Alle Wege sind voll, mühsam nur können sich Fussgänger und Reiter fortbewegen, Merom ist ja der heilige Ort. wo R. Simon b. Jochaj und sein Sohn Elieser, R Jizchak Nappacha und R. Jochanan ha-Sandelar, die Anhänger Hillels und Schammajs, begraben liegen. }n einem offenen Hofe, in dem sich nur von einer Oellampe beleuchtet, das Grab R Simon b. Jochajs befindet, drängen sich Tausende und Abertausende von Männern und Frauen, von Greisen und Kindern, die zum Feste des grossen Tanna herbeigeeilt sind. Alle sind sie voll heiliger Begeisterung, sie schwingen ihre Hände, stampfen mit aller Kraft mit den Füssen. Sie tanzen und springen, in Haufen zusammengedrängt und in kranzförmige Ketten aufgelöst. Da singt ein Haufe, in dem sich die sonst so feindlichen sephardischen und polnischen Juden durch einander drängen—, auch bucharische, persische und grusinische Juden aus dem Kaukasus mischen sich darunter, — allesamt singen, untergefasst im Halbkreis tanzend, das bekannte Lied von R. Simon b. Jochaj, das an jedem Feiertag an seinem Grabe gesungen wird: Bar Jochaj, Bar Jochaj, Gesalbt bist du, — heil dir — Mit wonnevollem Oel, vor deinen Genossan, Bar Jochaj, mit heiligem Salböl Bist du gesalbt durch heiliges Tun. Da singt und tanzt ein Haufe von Jungen um einen Alten, der zum Klang einer Musikkapelle, im Wechselgesang mit seiner Schaar tanzend, ein blankes Schwert schwingt. Die AVände dröhnen von ihrem Wechselgesang:

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