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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 315 - 316

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Lagbeomer
Date
1906-05-01
Page
Seite 315 - 316 (sequence 5)
Language
German
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315 Arthur Biram: Lagbeomer. 316 Gesegnet ist er von des Höchsten Mund, Heilig ist er von seiner Geburt Stund' Die Leuchte des oberen Galiläa Unser Herr Bar Jochaj. Dann fällt wiederum der Alte, im Takte sein Schwert schwingend, ein: Verborgen hatte er sich in einer Höhle, Vor der Verfolgung Pein, Dort lernte er der Thora verborgenste Geheim- Unser Herr Bar Jochaj. [nisse Aus einem Haufen von Chassidim mit langen Peauss, die sich eng umschlingen, hört man eine Stimme: Stark ist der Herr von Zion Aufbauen wird er Galiläa droben. Sofort fällt die Schaar ein: Aufbauen wird er Galiläa droben, Erbarmen gibt er seinen Armen. Durch ßabbi Schimons Verdienst Schimon bar Jochaj. Der grosse Moment aber der ganzen Feier, dem sich alle Augen zuwenden, ist das Anzünden all der auf dem Grabe des grossen Lehrers dargebrachten Gaben von Oel und ölgetränkten Tüchern und GeAvändern. Einer von den grossen Chassidim von Safed. als Vertreter des grossen Wunderrabbi von Sadigora, tritt feierlich heran und, Gebete murmelnd, wirft er voll heiliger Begeisterung die brennende Fackel in das Oel. Das Grab flammt in züngelndem Feuer auf, und neue Begeisterung erregt die Menge zu neuen Liedern, zu neuem gewaltsamen Ausbruch der Leidenschaften. In gewaltiger Erregung der Freude tobt und drängt alles durcheinander, Loblieder auf E. Schimon b. Jochaj mischen sich mit den Tönen von Gebeten und Syuagosenliedern. Immer aufs neue wird Oel in die Flammen gegossen, immer höher lodert die Glut auf Doch auch R. Akibas und seiner Schüler wird hier bei diesem Feste R.Simon ben Jochajs gedacht: Hinüber will ich gehen, will schauen Tiberias heiliges Land, Worin herrlich, zu wohnen, das schön zu sehn, DasGenezaretmeer ist seine Mauer, dort ist es gebaut, Ein hoher Berg ist dort oben errichtet, Ein Grabstein ziert des Berges Gipfel; Das Grab B. Akibas, und mit ihm seiner 24 000 Schüler. Die ganze Nacht hört die Feier nicht auf. Am Morgen erst, wenn die Sonne schon hoch am Himmel steht, beginnt der Lärm sich abzudämmen. Dann rindet im Lehrhause R. Simon b. Jochajs eine andere Ceremonie statt. In grosser Zahl werden 3jährige Kinder herbeigebracht, denen in feierlicher Weise die Haarlocken, die noch nie abgeschnitten, heruntergenommen werden. Dabei werden jedem Vater als Segenssprnch für sein Kind die Worte mitgegeben: „Gott möge dir beistehen und dein Kind möge ein guter Jude werden, der Gott dient.* Darauf antwortet wohl der Vater: „Was verlange ich denn von meinem Sohn, als dass er Tephillim lege und ja nicht — Gott soll hüten — den Sabbat entweihe." Die so geweihton Kinder werden dann voll stolzer Freude hinaus in die lärmende Menge getragen, die sie jauchzend umtanzt. Oben auf den Estraden und Balkons sind die Mütter und Schwestern der Kinder, die sie mit Zuckerwerk bewerfen. So geht das Fest bis in den Mittag hinein, dann beginnen sich die Massen langsam zu zerstreuen, immer leiser und leiser wird der Festeslärm, doch immer und immer wieder hört man es aus dem Gesang heraus, den Weggehenden weithin noch vernehmbar. „Bar Jochaj, heil dir, gesalbt bist du," und dann vernimmt der noch von all dem Lärm betäubte Wanderer von fern noch einmal die grellen Stimmen jemenitischer Juden: „Alles dieses für den Gerechten, alles dieses für Simon b. Jochaj". Die Feier von Meron aber wirft ihren Abglanz auf ganz Palästina. In Jerusalem werden am Vorabend des Lagbeomer schon alle Synagogen und Häuser erleuchtet, während am Tage selbst Männer und Frauen, soweit sie nicht nach Merom aufgebrochen sind, das eine halbe Stunde von Jerusalem entfernte Grabmal Simon des Gerechten aufsuchen und dort um die Erlösung beten. Dort werden auch die dreijährigen Knaben hingeführt, deren Kopfhaar, mit Belassung der Peauss, dort geschoren wird. Wie weit diese Feier aber einwirkt, zeigt uns ein Bericht der Allgemeinen Zeitung des Judentums (1875, Nr. 43) aus Bona in Algier. Aber auch in den ctiassidischen Gemeinden Galiziens wird der Lagbeomer zum Ehrentag R. Simon b. Jochajs gemacht. Schon tagelang vorher eehen die Kinder durch die Häuser und sammeln Lichtkerzen. Mit denen wird dann am Vorabend des Lagbeomer die ganze Klaus rrhellt, grosse Lichterreihen, ziehen sich an den Wänden herum, der Oraun hakaudesch ist von blendendem Lichterglanz erhellt und grosse Lichttransparente mit Bibelversen und Liedern zur Verherrlichung R. Simon b. Jochajs schmücken die Schule. Ein Transparent enthält das bekannte Lied von Simon b. Jochaj, und der beste Chassan der Stadt trägt es vor. Für die Kinder aber ist der Lagbeomer vor allem bestimmt. Da ziehen sie mit ihrem Rebbe hinaus ins Freie, dort wird gespielt, wohl auch Armbrust geschossen, vor allem wohl aber getrunken und gegessen. Wir westeuropäischen Juden natürlich, deren ganzes jüdisches Leben so abgeblasst ist, dürfen von jüdischen Volksfesten nichts wissen. Wir haben ja unsern ,. orthographischen" Gottesdienst mit Schammesdisziplin und Gebetsregulieruug. Durchbräche nicht das Simschas-Thora-Fest einmal wenigstens diese abgestorbene Ruhe, wir wüssten von Leben und Freuden im jüdisch-religiösen Leben überhaupt nichts. In unserem Kalender steht der Tag als „Schülerfest", und wer auf ..Seelsorge" noch Anspruch erhebt, darf in der ganzen Zeit zwischen Pesach und Schewuot nur an diesem Tage heiraten. So kommt die Lagbeomerfreude auch in unser totes Synagogenleben hinein.

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