Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Volkswohlfahrt und Volkserziehung
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 295 - 296 (sequence 4)
- Language
- German
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295 Volkswohlfahrt und Volkserziehung. 296 Oleichberechtigung und allen anderen schönen Dingen auszugiessen. Es ist daher begreiflich, dass man ehemals es für nützlich erachtete, bei verschiedenen Regierungen im einzelnen, und insbesondere wenn die Vertreter dieser Regierungen aus irgend einem Anlass zu Konferenzen oder Kongressen zusammentraten, über die Bedrückung der Juden in fernen und nahen Ländern Klage zu führen, in der festen Zuversicht, dass von dieser Seite ehestens Abhilfe geschaffen werden würde. Doch die Art, wie z. B. Rumänien die Bestimmungen des Berliner Traktates souverän missachtet, hat schliesslich auch die Naivsten und Zuversichtlichsten belehrt, dass diplomatische Versicherungen, Zusagen, Beteuerungen und sogar Verträge, zumal dort, wo es sich um Juden handelt, keinen Schuss Pulver wert sind. Wie soll man nach den Vorgängen in wichtigen Kulturländern Europas erhoffen, dass die Regierungen sich fremder Juden im Ernste annehmen, ihren Einfluss zu deren Gunsten geltend machen? Freilich, wo es der Diplomatie des einen oder des andern Staates gerade in den Kram passt, wird sie nicht verfehlen, sich als Beschützerin der Juden irgend eines Landes aufzuspielen, und stünde das in noch so grellem Widerspruch mit der Behandlung der Juden im eigenen Lande. Es ist also eine sehr heikle Sache um diese diplomatischen Interventionen, und man muss der Alliance Israelite Universelle das ehrende Zeugnis ausstellen, dass sie, durch die Erfahrungen belehrt, hierbei in Frankreich wie in Deutschland stets mit der grössten Vorsicht und mit dem erlesensten Takt ans Werk ging. * * Die religiöse Seite des Erziehungssystems in den Alliance - Schulen des Orients war oftmals Gegenstand heftiger Angriffe von orthodoxer Seite, namentlich in Deutschland. Man trug die heimischen Begriffe und Schlagworte „hie Reform — hie Orthodoxie" in die jüdischen Gemeinden des Orients hinein und vergass, dass dort, wo das natürliche, hergebrachte religiöse Empfinden durch keinerlei destruktive Bestrebungen gereizt wurde, auch kein Raum für eine ausgeprägte und kämpfende Orthodoxie vorhanden ist. Das jüdische Volk in seiner grossen Masse, zumal im Orient, ist fromm, strenggläubig, sehr religiös, aber keineswegs orthodox. Und die Aufgabe der Alliance-Schulen ist auch nicht, ihre Schüler etwa zu Rabbinern zu erziehen, sondern zu schlichten, praktischen, ordentlichen Menschen. Darum hat die Alliance wohl daran getan, dass sie sich nie an den Uebereifer Unberufener gekehrt hat, sondern in ihren Schulen stets den natürlichen, einfachen jüdischen Geist, ohne jegliche Uebertreibung herrschen liess. Sie hat stets darauf geachtet, dass von seiten der Lehrerschaft das religiöse Empfinden der Bevölkerung aufs strengste respektiert werde; vermied es aber, durch Zwang oder Uebertreibung Zwietracht in das friedliche religiöse Leben der Gemeinden zu tragen. Das ist die gesündeste und weiseste Politik. Quieta non movere! Wenn übrigens die deutschen Orthodoxen das, was sich z. B. in Palästina „orthodox" nennt, etwas näher besehen wollten, so würden sie an dem Gedanken, mit diesen Elementen an einem Strange zu ziehen, keine Freude haben. Haben ja die Frommen von Jerusalem seinerseit sogar Dr. Israel Hildesheimer als einen Reformjuden, in den Bann getan! Es muss indessen betont werden, dass eine grössere und viel weiter gehende Berücksichtigung der hebräischen Sprache und des Bibelstudiums, als dies bis jetzt der Fall war, in den Alliance-Schulen eine dringende Notwendigkeit ist. Dass jeder erwachsene Jude, in welcher Lebensstellung er sich auch befinden mag, je nach Massgabe seiner Bildung imstande sei, sich über die Grundfragen seiner Religion aus deren Dokumenten ein selbständiges Urteil zu bilden, oder wenigstens über diese Fragen nachzudenken, ist nicht nur eine Forderung der religiösen Gesundheit und des seelischen Gleichgewichtes der Massen, sondern auch des kulturellen Fortschrittes. Und so fällt denn der Deutschen Konferenzgemeinschaft die grosse und wichtige, aber ebenso mannigfaltige Aufgabe innerhalb der Alliance Israelite Universelle zu, die hochverdiente und ruhmreiche Institution nach gewissen Richtungen zu regenerieren, ihren Wirkungskreis räumlich und sachlich zu erweitern und ihre Tätigkeit intensiver zu gestalten. Sichere Grundlagen, eine glänzende Tradition und eine reiche Erfahrung sind gegeben. Es gilt, auf dieser Basis weiter zu bauen. Dazu ist es aber nötig, dass alle deutschen Juden, die Sinn für diese höheren allgemeinen jüdischen Ziele besitzen, sich nun einmütig um das Banner der Alliance Israelite Universelle scharen, dass alle anderen bestehenden Organisationen mit ähnlichen Tendenzen sich ihr angliedern zu einem gemeinsamen Vorgehen, das die Kräfte nicht zersplittert, sondern in einem Brennpunkt sammelt. Es ist sehr vom Uebel, wenn wir Juden, zu unseren