Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 297 - 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Volkswohlfahrt und Volkserziehung
Date
1906-05-01
Page
Seite 297 - 298 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583949-2593483--06111-2593585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

297 Volkswohliahrt und Volkserziehung. 298 Brüdern im fernen Osten kommend, getrennt marschieren, im Namen verschiedener, vielleicht sogar mit einander rivalisierender Organ isationen auftreten. Wir stiften dadurch nur Verwirrung, erregen Misstrauen und verurteilen unsere Wirksamkeit zur Unfruchtbarkeit. Es ist bekannt, wie wenig die christlichen Missionen in fernen Ländern ausrichten, wenn die Vertreter verschiedener Kirchen nebeneinander wirken und sich gegenseitig die Schäflein streitig machen. Die „Schäflein" wissen am Ende nicht, wer es am besten mit ihnen meint, und ziehen es vor, ganz draussen zu bleiben. Mit besonderem Nachdruck muss aber hier nochmals auf die eminente Gefahr hingewiesen, die unseren Oesamtbestrebungen zur Hebung der Juden i m Orient von seiten jener jüdischen Organisationen, droht, die keinen universellen, internationalen jüdischen Charakter tragen, sondern als Vereinigungen der Juden eines bestimmten Landes, einer bestimmten Nation auftreten. Wem die Ruhe und die natürliche Entwicklung unserer Brüder speziell im Orient aufrichtig am Herzen liegt, der muss es strengstens vermeiden, sie im Namen dieses oder jenes europäischen Staates „in Schutzzu nehmen". Dadurch müssen sie notwendig, wider ihren Willen und ohne ihr Wissen, in die ewigen politischen Händel und Intriguen der rivalisierenden europäischen Mächte verstrickt werden, und besonders in aufgeregten Zeiten von der einheimischen Bevölkerung als Feinde ihres Vaterlandes, gleichsam als eine fremde Besatzung, die fremde Interessen verficht, betrachtet werden. Es ist ein falsch verstandener und übel angebrachter Patriotismus, wenn man die politischen und wirtschaftlichen Interessen des Va- Sanitätsrat Dr. Salomon Neumann, (Nach einer'Originalradierung von Hermann Struck). terlandes mit allgemein jüdischen Fragen verquickt, zumal mit solchen, die die Juden im fernen Orient betreffen. Warum versuchten denn unsere christlichen Mitbürger, die politischen und wirtschaftlichen Interessen und die ihrer Kirchen streng auseinander zu halten? Täten wir nicht besser, von ihnen in di eser Beziehung zu lernen? Im übrigen darf man nicht ausser acht lassen, dass wer die Judenfrage wo immer ihrer Lösung näher bringen hilft, nicht nur den Juden, sondern der ganzen Welt und somit auch seinem eigenen Vaterlande einen guten Dienst leistet. Die Alliance Israelite Universelle, deren Stern nie verblasse, hat eine schöne Devise auf ihre Fahne geschrieben, nämlich das alte Wort: „Alle Israeliten bürgen für einander". Das ist ein Wort, das sich in guten wie in schlimmen Zeiten als historische Wahrheit bewährt hat, aber auch eine hohe, sittliche Pflicht enthält, die nie aus unserm Bewusstsein verschwinden möge!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.