Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Volkswohlfahrt und Volkserziehung
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 293 - 294 (sequence 3)
- Language
- German
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293 Volkswohlfahrt und Volkserziehung. 294 Tod werden durch eine Art Nebenreligion regiert, geschöpft aus abergläubischen Vorstellungen, aus alten Erzählungen und aus Fabeln, woran die Einbildungskraft mehr Teil hat, als die Wahrheit und die Vernunft. Nichts im Glauben und in den Legenden des Volkes ist ganz unbedeutend, die unvernünftigsten Vorurteile und die seltsamsten Handlungen verdienen vom Philosophen oder Geschichtsschreiber studiert zu werden, sei es, weil sie einen gewissen Einfluss ausgeübt haben, sei es, weil sie die Reste eines verlorenen alten Glaubens sind, den wiederzufinden interessant ist. Die Greise und die eingeborenen Lehrer sind imstande, Ihnen eine Menge dieser abergläubischen Vorstellungen und der sonderbaren Glaubensmeinungen mitzuteilen . . fürchten Sie sich nicht, die lächerlichsten und sogar unglaublichsten Gebräuche und Ansichten anzugeben; je sonderbarer sie sind, desto mehr verdienen sie erwähnt, aufbewahrt und erklärt zu werden. . ." Also eine Arbeit, die jede nach europäischen Grundsätzen geleitete Organisation an die Spitze ihrer Tätigkeit gestellt hätte, wird hier mit einer vierzigjährigen Verspätung unternommen. Vier Jahrzehnte lang konnte die Alliance die Juden im Orient zivilisieren und reformieren, ohne sich die Mühe zu nehmen, sich über ihre Vorurteile, abergläubischen Anschauungen, Legenden, Gebräuche, kurz, über die ganze „Nebenreligion", von der bei ihnen Leben und Tod beherrscht werden, zu informieren. Von dem rein wirtschaftlichen Interesse schon ganz zu schweigen, das hochgebildete Menschen an allen diesen Dingen hätten nehmen müssen, war ja deren Erforschung in erster Reihe für die Wirksamkeit der Alliance von allergrösster Tragweite. Es steht freilich nicht zu befürchten, dass der Fortschritt der Schulen die Legenden, den Volksglauben und alles, was damit zusammenhängt, so schnell vertilgen könnte, dass nur die Erinnerung daran zurückbliebe. Der Kundige weiss, dass z. B. in Deutschland, wo doch der Fortschritt der Schulen ziemlich beträchtlich war, das nicht geschehen ist. Aber um wieviel fruchtbarer und erfolgreicher hätte sich die Arbeit der Alliance gestaltet, um wieviel tiefer wäre sie eingedrungen, um wieviel weitere Kreise hätte sie gezogen, wenn die Leitung mit der Erforschung dieses dunklen Gebiets des Volkslebens begonnen und ihr Vorgehen danach eingerichtet hätte. Wieviel unnütze Kraftvergeudung hätte sie vermieden, und um wieviel rascher und kräftiger hätte sie in der Judenheit des Orients Wurzel gefasst! Hier erwartet die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle die dankenswerte Aufgabe, die Nachholung des Versäumten anzuregen und energisch durchzuführen. Die Revue des Ecoles ist freilich ausgezeichnet redigiert, bringt eine Reihe vorzüglicher Artikel, aber sie befasst sich nicht systematisch genug mit der Aufhellung des zu erforschenden Gebiets und ist überdies, weil französich geschrieben, wenig verbreitet. Ausserdem behandelt sie das soziale, ökonomische und politische Leben fast gar nicht. Aufgabe der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle wird es sein, gründliche, auf wissenschaftlicher Basis beruhende, von geschulten und erfahrenen Fachmännern durchzuführende Untersuchungen in den oben angedeuteten Richtungen zu organisieren. Hierdurch wird nicht allein der Wissenschaft ein guter Dienst geleistet, sondern auch einer fruchtbaren Kulturarbeit erst der Boden geebnet werden. Schliesslich wird die europäische Judenheit dahin gelangen, über die Lage ihrer Brüder im Orient ein wohlbegründetes und auf sicheren Daten ruhendes Urteil zu gewinnen. Es war vorhin von diplomatischen Schritten die Rede, die die Alliance Israelite Universelle zugunsten der Juden in Rumänien unternommen hat. Diese diplomatischen Aktionen bilden ein besonderes und nicht das am wenigsten umfangreiche Kapitel in der Geschichte der Alliance. Sie wurden natürlich nicht allein zugunsten der rumänischen, sondern bald der marokkanischen, bald der persischen Juden, bald derjuden in anderen halbbarbarischen Ländern unternommen. In der Frühlingszeit des Liberalismus war unter den Juden der Glaube an den absoluten Gerechtigkeitssinn der hohen Regierungen Europas allgemein. Es ist eine psychologisch merkwürdige Tatsache, dass dieser Glaube von den „Maskilim" in Russland und von den jüdischen Politikern und Staatsmännern in Frankreich in beinahe gleichem Masse gehegt wurde. Manche Enunziationen des Präsidiums der Alliance haben die nämliche Klangfarbe, wie die bekannten Gedichte Gordons aus der Aufklärungsperiode, in denen die edle russische Regierung als Hort allen Fortschrittes, als gesegnete Förderin jeglicher Kulturbestrebungen gepriesen wird, die nichts anderes tut, als dass sie sehnlichst auf den Moment wartet, da die Juden sich „zivilisiert" haben, um über sie eine Fülle von