Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Volkswohlfahrt und Volkserziehung
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 291 - 292 (sequence 2)
- Language
- German
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291 Volkswolilfahrt und Volkserziehung. 292 Doch hierbei lässt die Tätigkeit der Alliance so manches an Planmässigkeit und Energie zu wünschen übrig, und das soll jetzt hervorgehoben werden. Der Schwerpunkt eines solchen Werkes, wie es die langsame und stetige Erziehung eines Volkes zur höheren Kultur und zur Wohlfahrt ist, muss naturgemäss auf der inneren Arbeit ruhen. Es gilt, durch ansprechende, zielbewusste Wirksamkeit die Gesinnungen und die Denkweise umzuformen und in die gewünschten Bahnen zu leiten. Zu einer solchen Arbeit gehört aber vorerst eine ganz genaue Kenntnis des Terrains, auf dem man zu wirken sich vorgenommen hat. Es gilt, die politische, ökonomische und soziale Lage der Juden in den fernen Ländern eingehend zu studieren, in ihrem Werdegang und in ihrer historischen Entwicklung, damit man die allgemeinen Ursachen des konstanten Elends und die speziellen Veranlassungen der von Zeit zu Zeit ausbrechenden Verfolgungen und Notstände genau verstehe und demgemäss eine auf sicherer Basis ruhende, energische und weitausschauende Politik einleite, nötigenfalls vorbeugende Massregeln treffen könne, nicht aber auf Irrwegen wandle und sich von den Ereignissen überrumpeln lasse. Andererseits gilt es, die geistige Beschaffenheit, die Denk- und Gefühlsweise der Juden selber mit all ihren Eigenheiten, sogar mit ihren Vorurteilen und ihrem Aberglauben — ja diese erst recht — wie sie im Verlaufe der Jahrhunderte unter der Einwirkung absonderlicher Umstände sich gestaltet haben, aufs genaueste kennen zu lernen. Denn nur in der Anpassung an die geistige Beschaffenheit, an die Eigenart, an die Gefühls- und Denkweise der jüdischen Bevölkerung, unter weitgehender Berücksichtigung ihrer überlieferten Gewohnheiten, sogar unter Schonung ihrer Vorurteile und ihres Aberglaubens, darf man hoffen, dauernd auf ihre Gesinnungen einzuwirken und sie geistig emporzubilden. Solange wir nicht in der Lage sind auf ihre Eigenheiten einzugehen, ihre von der unsrigen in mehr als einem Punkte verschiedene Empfindungsweise zu verstehen und mit ihr zu rechnen, wird der Erfolg aller unserer noch so wohlgemeinten Bemühungen oberflächlich bleiben und keine dauernden Früchte tragen. Nun hat aber die Arbeit der Alliance gerade in dieser Beziehung manches zu wünschen übrig gelassen. Nehmen wir die europäischen Schmerzenskinder der Alliance: die Juden von Rumänien. Seit Menschengedenken macht die Alliance alle nur erdenklichen Anstrengungen, die politische Lage der rumänischen Juden zu heben, ihnen wenigstens den Schein einer bürgerlichen Gleichberechtigung zu erkämpfen. Sie veranlasste alle möglichen diplomatischen Schritte, machte Vorstellungen, überreichte Memoranden. Am Ende brachen alle paar Jahre von neuem Verfolgungen aus, und alle paar Jahre werden von neuem Geldsammlungen in aller Welt veranstaltet, um die plötzliche Not zu lindern. Was wir in diesem gesegneten Lande erst vor wenigen Jahren erlebten, stand dem, was in Russland Sitte und Brauch ist, gar nicht nach. Alle Bemühungen waren also vergeblich, ebenso wie die Schul- und Wohlfahrtseinrichtungen der Alliance. Und wir in Europa stehen wie vor einem Rätsel und haben keine Kunde davon, ob die dortige Lage der Juden, die so traurig ist, in den politischen, in den ökonomischen, oder in den kulturellen Verhältnissen ihren Grund hat, und wir fragen uns vergebens, ob Aussicht vorhanden ist, dass die Verhältnisse sich dort einmal bessern". Die Gründung von Schulen und Volksküchen, die diplomatischen Schritte, die Geldsammlungen sind es offenbar nicht, die zum Ziele führen, — und nach näherer Auskunft suchen wir vergebens in den Berichten der Alliance. Wir finden dort nur Klagen, — die aber draussen ungehört verhallen. Und wie steht es mit der Kenntnis des jüdischen Volkes selber, namentlich in der Levante? Vor etwa sechs oder sieben Jahren wurde die Revue des Ecoles ins Leben gerufen, eine Vierteljahrsschrift, in welcher die Lehrer und Lehrerinnen an den Alliance-Schulen ausser pädagogischen und Berufsfragen auch das behandeln, was man die Volkskunde der orientalischen Juden nennen könnte. Mit einer beinahe rührenden Naivität wurde den Mitarbeitern Gegenstand und Zweck dieser Arbeiten auseinandergesetzt: „Es wäre von grossem Interesse für die Geschichte der religiösen Ideen, wenn man die Legenden, die abergläubischen Vorstellungen und die Vorurteile, die unter den Juden des Orients und Afrikas heimisch sind, sammeln könnte. Wer weiss, ob in einigen Jahren unter dem Einfluss des Fortschrittes der Schulen man nicht bis auf die Erinnerung diesen Volksglauben verloren haben wird, der manchmal so originell, so wunderlich, und oft reizend und poetisch in gewissen Gegenden ist. Das ganze Leben, ja selbst der