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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 275 - 276

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Ein autographes Huldigungs-Schreiben an Sabbetai Sebi
Date
1906-04-01
Page
Seite 275 - 276 (sequence 5)
Language
German
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275 .Dr. M. Gaster: Ein autographes Huldigungs-Schreiben an Sabbetai Sebi. 276 tismus des herrschenden Calvinismus und Socinianismus. Zu gleicher Zeit war es die Periode politischer Umwälzungen, welche gewaltsam mit der Vergangenheit brachen und eine neue Orientierung im staatlichen und religiösen Leben der Völker vorbereitete und lehrte. Die materiellen Grundlagen des Lebens, der Handel und das Gewerbe blüheten auch unter den spanischen Juden. Ihre soziale Stellung war eine geachtete. Sie pflegten Kunst und Literatur. Sie teilten den Wohlstand der Massen im Allgemeinen, Welcher es erlesenen Geistern gestattete, sich mit abstrakten Fragen religiösmystischer Natur zu beschäftigen. Das Volk fand Wohlgefallen an diesen Spekulationen, die den geistigen Bedürfnissen der Zeit Befriedigung gewährten. Nicht aus tiefster Not und nicht in tiefstem Drangsal und nicht im Kampfe für das tägliche Brot, kann der Geist sich zu solchen Schwärmerein aufschwingen. Sie lähmen anstatt zu begeistern. Es ist die seelische Not, die zur inneren Befriedigung drängt, und daher tritt eine Periode von Quietismus und Mystik erst dann ein, wenn eine gewisse materielle und soziale Behaglichkeit den täglichen Kampf ums Dasein mildert oder aufhebt und tiefere Fragen geistiger Natur ungestüm auf eine Antwort drängen. So lagen die Verhältnisse in Holland und England und in der freien Hansestadt Hamburg. Ganz anders waren die Verhältnisse in Russland, wo von solchen Fragen nicht einmal die Rede sein konnte. Abgeschnitten von dem Reste der Welt, bewegte sich Alles in dem engsten Kreise des kleinstädtischen materiellen Lebens. Tiefe seelische Bedürfhisse waren den Kossaken fremd und der Schliachta würden solche Ansprüche mehr als sonderbar klingen, wenn sie überhaupt je etwas davon gehört haben. Das innere Leben des russischen Volkes, welches ähnlichen mystischen Strömungen in der Kirche zu der Zeit ausgesetzt war, berühre ich jetzt nicht, da die Juden mit ihnen in gar keinem engern Verkehr standen und zurückgezogen in ihre selbstgeschaffenen Ghetti sich um dieAussenwelt dort im Osten gar nicht kümmerten. Im Westen dagegen standen die spanischen Juden in direktem Verkehr mit der geistigen Bewegung der Aussen weit. Sie hatten sich ausserdem von dem mystischen Einflüsse der katholischen Kirche, in welche viele aufgezogen waren, nicht ganz befreit. Etwas von dem Halbdunkel dieser Kirche blieb in ihrer Seele zurück, und. mit dem Feuereifer des wiedergewonnenen Glaubens warfen?ie sich auf alles, welches ihren geistigen Bestrebungen Spielraum bot, entweder zur mystischen Vertiefung oder zur rationalistischen Kritik. So haben wir auf der einen Seite Männer wie Uriel Acosta und Spinoza, auf der. andern Seite Männer wie Orobio de Castro, Aboab, Menasseh ben Israel, und die Gelehrten der Akademie „Keter Torah", die den Huldigungsbrief an Sabbetai Sebi unterschrieben haben. Die Ideen, die zu der Zeit in der Luft herumsöhwirrten, die von den christlichen Pietisten verkündete Botschaft von dem baldigen Erscheinen des Messias, wurden: deshalb von diesen Juden, die inmitten dieser Atmosphäre lebten, gierig. aufgegriffen. Der materielle Wohlstand und die politische Freiheit, der sie sich in Hamburg und Holland erfreuten, gewährte eben jene materielle Grundlage, die notwendig ist, um eine Begeisterung für den Messias zu zeitigen und zu festigen. Für sie war der Messias nicht der Brodspender, nicht der Philanthrop, der arme Leute reich macht, sondern die Verkörperung der nationalen und religiösen Hoffnungen, der das jüdische Volk aus seiner politischen Gefaugenschaft, aus seiner sozialen Knechtung in die politische Freiheit und soziale Unabhängigkeit, in ein volles vergeistigtes nationales Leben im Lande der Väter zurückführt Individuell standen sie sich sehr wohl. Als Menschen waren sie reich, angesehen, gelehrt und erfreuten sich grosser materieller Erfolge, aber sie fühlten sich jetzt als Juden, und empfanden daher aufs Tiefste die untergeordnete Stellung der Juden, als Volk andern Völkern gegenüber. Daher das mystische Sehnen nach dem lang erwarteten Erlöser, daher ein steter Hinweis in all ihren Predigten und Schriften auf die zukünftige und doch nahe Erlösung. So erklärt sich auch, wie Menasseh ben Israel dazu kam, seinen Kommentar zu Daniel zu schreiben, in welchem er die nahe Ankunft des Messias erwartet, und noch viel mehr, sein Buch „Die Hoffnung Israels", in welchem er die fabelhafte Geschichte Montezinos aufnimmt, von der Abstammung der amerikanischen Ureinwohner von den zehn Stämmen, und, um Cromwell zu bewegen, den Juden freien Einlass in England zu gewähren, das Motiv anruft, dass nur so das Prophetenwort erfüllt werde, von der vollkommenen Zerstreuung des jüdischen Volkes, welche eintreten muss, bevor die Sammlung beginnt, denn der lang ersehnte Erlöser wird bald erscheinen. Es ist kein müssiger Zufall, dass diese Schrift von Menasseh ben Israel, „Die Hoffanng", welche 1650 erschienen ist, ganz kurz darauf, 1659, in Smyrna wieder abgedruckt wird; und ich stehe nicht an, einen innigen Zusammenhang zwischen dieser Schrift und der öffentlichen Auerkennuug des Sabbetai Sebi als Messias in Smyrna zn behaupten. Die „Hoffnung" des gelehrten Rabbiners von Amsterdam, dass er ein baldiges Erscheinen des Messias als sicher erwartet, musste ja einen tiefen Eindruck auf die wachsende Anzahl der Anhänger Sabbetai Sebis machen, und sie in ihrem Wahne bestärken. Es war ja eine mächtige unerwartete Hilfe, die hnen von berufenster Seite kam. Unbewusst hat somit Menasseh ben Israel dazu beigetragen, einen Messias zu schaffen. In jener Schrift spiegelten sich dieselben Gedanken wieder, die wir in diesem Huldigungsschreiben so prägnant ausgedrückt finden. Was er erhofft, haoen die erschaut; was für ihn eine Möglichkeit war, ist für sie eine vollbrachte Tat, und sie warten nur noch auf das Zeichen zum Aufbruch, um mit ihrem König nach Jerusalem zu ziehen. Für .uns, die wir die Vergangenheit zu enträthseln versuchen, ergibt sich daraus eine heilsame Lehre für die Zukunft. Ein Messias entsteht nicht unter dem Druck

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