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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 277 - 278

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Ein autographes Huldigungs-Schreiben an Sabbetai Sebi
Date
1906-04-01
Page
Seite 277 - 278 (sequence 6)
Language
German
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277 Dr. M. Gaster: Ein autographes Huldigungs-Schreiben an Sabbetai Sebi. 278 der Verhältnisse. Er ist nicht der Erlöser ans materieller Not. „Sie aber hörten nicht auf Mose, aus Kleinmut und weil sie so hart zu arbeiten hatten." (Exod. 6,9.) Die Nachwehen eines grossen Sturmes, einer grossen Drangsal sind es aber, die auf den Gemütern wie ein schwerer Alpdruck lasten und den Geist der Befriedigung und seelischen Euhe nicht aufkommen lassen, trotz materiellen Wohlbehagens und sozialer Ruhe. Wenn dann ein Mann auftritt, der dieser Stimmung Rechnung trägt und das nationale Streben mit dem religiösen Sehnen verbindet, so ist es nicht ausgeschlossen, dass auch er Anhänger finden wird und allmählich die Stellung des Messias im nationalen Bewusstsein usurpiert. Die Umstände machen einen Sabbetai Sebi, er schafft sie nicht. Und wer weiss, wie nahe wir dem Erscheinen eines neuen falschen Messias gestanden haben oder noch stehen? FRITZ MAUTHNER. Von Dr. Max Adler. Nachdruck verboten. Als Fritz Mauthner im vorigen Jahre sich vom literarischen Jahrmarkt zurückzog, konnte man allenthalben lange Nekrologe über seine schriftstellerische Laufbahn finden. Fritz Mauthner mag sie mit stillem Lächeln gelesen und bei sich gedacht haben: wer nicht mitschreit, hat darum noch nicht die Stimme verloren! Immerhin, lehrreich und interessant waren die Nachrufe doch und besonders in einer Beziehung äusserst charakteristisch: sie waren nicht in jenem Tone gehalten, mit dem man sonst tote Löwen zu loben pflegt, in jenem Wohlwollen, das vorne streichelt und hinten ausschlägt, das Süssigkeiten nur benutzt, um darin eine bittere Pille zu verpacken. Sie lobten ehrlich und aufrichtig, sie waren frei von jeglichem „aber" und zweifellos ging Eines aus ihnen hervor: Fritz Mauthner gehört zu den sympathischsten Persönlichkeiten der Literatur unserer Tage. Sehr begreiflich! Wirkt es doch fast wohltuend, wie sich die Erscheinung Mauthners ruhig und bestimmt von dem grellen Hintergrund unserer literarischen Tageskritik abhebt, war er doch einer der Wenigen, die Selbstbeherrschung genug besitzen, um die Vorzüge des modernen Kritikers nicht bis zu ihren Fehlern zu treiben! Er besass diesen alles durchdringenden analysierenden Blick, aber er hatte jenes gefährliche Stadium bald hinter sich, wo die Freude über dieses Göttergefschenk gar leicht zu seinem Missbrauch treibt, er besass alle diese scharfen, glänzenden Waffen des Geistes, aber er bediente sich ihrer nie zum blossen Ergötzen der Menge. Massvoll und zurückhaltend, stets wägend und vergleichend waren seine Kritiken auch frei von jenem widerwärtigen Unfehlbarkeitstone der Literaturpäpste — und das alles nur aus einem Grunde, nur aus einer Erkenntnis heraus. Denn unsere modernen Kunstrichter —■ nicht wahr, sie sind unendlich geistvoll, nichts kann vor ihrem kritischen Intellekt bestehen, alles zer-malmen sie, alles ätzen sie mit beissender Schärfe ihres Witzes. Fritz Mauthner, Alles — bis auf Eines, bis auf die eigene kritische Tätigkeit. Ihr gegenüber wird der grösste Skeptiker zum grössten Orthodoxen und in starr dogmatischer Anbetung sinkt er dem lieben Ich zu Füssen. Sie gebärden sich, als ob sich die ganze Welt um das Theater drehte, und das ganze Theater um ihre eigene Person, und der Leser lächelt, wenn sie eine wichtige Miene aufstecken, als ob das Heil der Welt von ihrem Votum abhinge. Nun wohl: Fritz Mauthner lächelte mit. Er lächelte „wie ein Dalai Lama lächeln muss, wenn er schreien möchte vor lachen". Er war frei von dieser kindlichen Überschätzung der kritischen Tätigkeit und machte sich keine Illusionen über ihren moralischen Einfluss. Aus seinen „Totengesprächen" kann man erkennen, wie er über das kritische Amt und seine Vertreter urteilt: „nicht besser und nicht schlechter als andere Richter, als die Richter über Mein und Dein über Kopf und Kragen. Menschen. Man hat einen drolligen Namen für diese Richter. Theaterkritiker nennt man sie. Über Freude und Andacht urteilen sie. O, Allerzierlichster, was hab' ich erfahren! Die Könige kümmern sich garnicht um diese Richter. Denn Könige hören immer und bestenfalls nur auf die Richter, die sie selbst bezahlen. Das Volk aber, ja das studiert emsig und schlau die Urteile dieser Richter Um der Andacht willen nicht. Mochte der Richter noch so getreulich der Andacht dienen, das Volk forschte im Richterspruche doch nur nach Gaben der Freude und der Kurzweil. Einen Wegweiser zur Andacht wollte der Richter geben; das \olk suchte sich stets die Nebenpfade zur Kurzweil aus. So kam es im Abendlande, dass die Kunstrichter zuerst verlangten, man möchte die Einrichtung des Kunstgerichtshofes wieder abschaffen. So geht das zu, drüben, im Abendlande. . . ." Da hat man dieses Lächeln, von welchem ich sprach. Und wer es versteht, wird begreifen, dass Mauthner nicht allzu schweren Herzens von seinem Kriiikeramte

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