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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 271 - 272

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Ein autographes Huldigungs-Schreiben an Sabbetai Sebi
Date
1906-04-01
Page
Seite 271 - 272 (sequence 3)
Language
German
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271 Dr. M. Gaster: Ein autographes Huldigungs-Schreiben an Sabbetai Sebi. 272 ihren Herrn, dass er sein Angesicht von ihnen nicht abwende und erwarten die Verkündigung von seinem glorreichen Königreich, um ihnen den Weg zu zeigen, den sie gehen sollen und die Tat, die sie vollziehen sollen, und fragen, ob sie sich rasch rüsten sollen, um hinauf zu ziehen zu dem Hause des Herrn und im Staube seiner heiligen Füsse sich zu wälzen, oder ob sie warten sollen auf die Hülfe des Herrn, auf den Tag der Sammlung der Verbannten. Sie erwarten nun seine Antwort und seinen Befehl, da es ihr sehnlicher Wunsch ist, ihren König zu sehen. Diesen Brief schicken sie durch ihren Freund und Gesandten, der von selbst die Reise dorthin antreten ayüI und zwar der Haham Isaak Naar, den sie der G nade ihres Herrn des Königs empfehlen. Zum Schlüsse fügen sie hinzu, dass sie nicht blos in ihrem Namen schreiben, sondern im Namen von ganz Israel, seiner Knechte aus dem Exile von Spanien, die jetzt in dieser Stadt wohnen und alle einstimmig knieen und sich vor dem Throne seiner glorreichen Herrschaft verbeugen und beten, dass der Allmächtige im Himmel Thronende, recht bald die glorreiche Herrschaft ihres Herrn auf dem heiligen Berge in Jerusalem befestigen möge, so „dass dein Name, o unser König, für immer gepriesen werde." Datiert ist dieser Brief, Amstelordam 24 Ellul im Jahre 5426 (1666). Von viel grösserer Bedeutung noch als der Inhalt sind die Männer, die dieses Schreiben an „den König" im Namen der gesamten spanischen Judenheit unterzeichnen. Ich werde sie hier in der Weise transkribieren, wie sie selbst in spanischer Weise sich gewöhnlich unterschreiben. Binyamin Mussaphia, Aron Sarfati, Mosseh Rephael, Ishak de Aguilar, Abraham Coen Pimentel, David Shalom de Azevedo, Mosseh Naar, Mosseh Gabbai, Jacob Benvenisti, Joseph Abrabanel, Selomoh de Oliveyra, Selomoh de Lima, Menasseh Abrabanel, Mosseh Shalom de Azevedo, David Jeuda Leon. Fast jeder einzelne dieser Namen vertritt eine in der jüdischen Literatur und Geschichte bekannte Persönlichkeit. Der Sendbote Ishak Naar selbst, der später Rabbiner in Livorno wurde, war wie bekannt, ein Studiengenosse von Spinoza und entpuppt sich jetzt als schwärmerischer Anhänger von Sabbetai Sebi. Wahrscheinlich erhielt er die Nachricht in Livorno von dem Zusammenbruche der Messianität, und dadurch erklärt es sich, wie es dazu kam, dass dieser Brief an Sabbetai Sebi nicht abgeliefert wurde. An der Spitze der Unterzeichneten steht Mussaphia, der seit 1635 Werke: gelehrten Inhaltes veröffentlicht hat. Er war Dr. med. und Ph. Philologe ersten Ranges, bekannt durch seine Zusätze zum Aruch, worin er gründliche Kenntnisse des Griechischen und Lateinischen zeigt, G-rammatiker, Talmudist, obzwar Sasportas 1675 ihm im Jo Tarmed Kenntnisse abstreitet, auch Alchemist. Ich nenne dann Aguilar," der Haham der Sephardischen G emeinde in Amsterdam, Grammatiker, der auch über die hebräische Poesie schreibt und viele gelehrte Schriften hinterlassen hat. Coen Pimentel, Verfasser eines mathematisch - astronomischen Werkes über die Tageswende und Sabbat-An fang, Oliveyra, ebenfalls der Haham der sephardischen Gemeinde, der die offizielle Rede hielt bei der Eröffnung der Neuen Prachtsynagogue in Amsterdam, 1675, ferner die Azevedos, die ebenso wie Naar, berühmten gelehrten Familien angehörten und nachher hervorragende Stellungen eingenommen haben. Alle diese sind Akademiker, sie gehören der Hochschule „Keter Torah" in Amsterdam an, und spielen eine bedeutende Rolle in der zu jener Zeit berühmtesten jüdischen Gemeinde Europas. Wie kommt es nun, dass Männer von solchem bedeutenden Wissen sich einem Wahngebilde angeschlossen haben und in solcher Weise ihre Huldigung dem falschen Messias entgegenbringen konnten? Darin liegt die psychologische Bedeutung dieses Schreibens, welches von hervorragenden Mitgliedern einer Gemeinde ausgeht, die dem Sturm und Drang der unmittelbaren Verfolgung entronnen sich aller solcher bürgerlichen Freiheiten erfreut, wie kein Jude in irgend einer anderen Gemeinde sie sonst zu jener Zeit in ganz Europa gehabt hat? Diese Frage ist um so berechtigter, als wir vergebens bei aschkenasischen Juden ähnlich tiefgehende Aufregung der Gemüter und eine ebenso energisch ausgesprochene Anhängerschaft an Sabbetai Sebi suchen. Gerade in ihrer Mitte würde man am ehesten eine überschwänglich mystische Aufregung erwarten, die einer unmittelbaren Erlösung mit Sicherheit entgegensieht und deren erste Ankündigung mit Begeisterungbegrüsst. Es dart nicht vergessen werden, dass kurz vorher die furchtbaren Metzeleien des Chmielnitzki, der würdige Vorläufer der blutrünstigen Kossaken neuerer Zeit, stattgefunden hatten. Viele Tausende wurden erbarmungslos hingeschlachtet, ganze Gemeinden vollständig vernichtet. Schrecken in den Gemütern, Angst vor Todesgefahr schwebte über die Ueberlebenden, die in dumpfer Verzweiflung den nächsten Tag erwarteten. Flüchtlinge in Tausenden brachten die Hiobsposten nach dem Westen: die Judenheit erbebte in ihrem Innersten, tief war die Erregung, gross die Trauer. Umso grösser dürfte dann die Erwartung des unmittelbaren Heiles sein, und das Erscheinen des lang erwarteten Erlösers hätte doch mit ungeheurer Begeisterung von den Juden im Osten Europas aufgenommen werden müssen. Zwar fliessen die Quellen spärlich, aber doch reichlich genug, um die Tatsache festzustellen, dass, wenn auch die Gemeinden Polens von der Botschaft aus der Türkei betroffen waren, sie sich jedoch nicht in der leidenschaftlichen Weise dem neuen Erlöser angeschlossen haben, wie es besonders die spanischen Gemeinden im Westen, und auch in Italien zum. Teil getan haben. Die polnischen Juden sandten einige Botschafter, die die Messianität des Sabbetai Sebi an Ort und Stelle erst prüfen und Bericht darüber bringen sollten. Erst dann würden sie wohl endgiltig Stellung genommen

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