Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Ein autographes Huldigungs-Schreiben an Sabbetai Sebi
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 269 - 270 (sequence 2)
- Language
- German
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269 Dr. M. Gaster: Ein autographes Huldigungs-Schreibeii an Sabbetai Sebi. 270 stören. Religiöse sowohl .als auch Antireligiöse würden gezwungen werden, Stellung zu nehmen nicht zu der Person, sondern zu der Idee eines Messias nach jüdischer Tradition. Manchen dürfte eine solche Hypothese heutzutage, z. B. ziemlich undenkbar erscheinen: aber das hängt von der Anschauung ab, die man sich yon einem Messias in moderner Zeit machen würde. Ist die Möglichkeit eines national - religiösen Führers, der die Massen begeistert und sie dem gelobten Lande zuführt ganz ausgeschlossen? Kann die bildende und schöpferische Phantasie des Volkes sich Schranken auflegen lassen und einen solchen Mann nur mit dem nüchternen Verstände des kaltberechnenden Geld-Menschen betrachten? Webt sie nicht gleich eine Glorie um sein Haupt und wird das Menschliche an ihm nicht unmerklich in das Uebermenschliche verwandelt? Wer Augen hat kann sehen. Und gerade aus der modernen Zeit heraus lässt sich ein besseres Urteil über Menschen und Strömungen zu Zeiten des Sabbatai Sebi bilden. Das eine hilft das andere verstehen. Nur wird es viel schwieriger sich die Weltanschauung im 17. .Jahrhundert zu vergegenwärtigen, und die innern Gründe aufzudecken, welche die Juden zu jener Zeit so sehr beeinfiussten, dass sie sich auf •der einen Seite mit solchem Enthusiasmus angeschlossen und auf der anderen mit solcher Energie den „Messias" bekämpften. Es geht uns wie den Forschern der alten Ketzergeschichte der christlichen Kirche. Was von ketzerischer Seite geschrieben wurde, ist fast vollständig vernichtet, nur wenige Fragmente haben sich in den Schriften der Angreifer, der Kirchenväter erhalten; und so erhält man ein verzerrtes Bild von den Trägern der oppositionellen Richtung in der Kirche. Das Beste, G-rösste und Tiefste von Seiten der Häresiarchen ist selbstverständlich nicht erhalten worden, nur hie und da irgend ein Zitat, welches aus dem Zusammenhang gerissen in mannigfaltiger AVeise gedeutet werden kann. Ich führe dieses nur als ein Beispiel an, für die ähnliche Erscheinung in unserer Mitte. Von den Schriften der Anhänger des Sabbetai Sebi hat sich verhältnismässig wenig erhalten und vieles davon nur in den Streitschriften des Sasportas, Jakob Emden, sonst nur weniges Selbständiges. Hayun gehört eigentlich der zweiten Generation an und gehört nicht liieher. Von den Schriften Cardosos hat sich, soweit ich weiss, nur ein Werk erhalten, und zwar handschriftlich in meinem Besitze. Von Nathan Gazati oder Yachini und anderen Zeitgenossen und besonders von Sabbetai Sebi selbst, ist fast nichts Positives und manches Zweifelhaftes durch ihre Gegner erhalten. Ueberhaupt muss man dasselbe Urteil fällen über die gesamte jüdische Literatur, die von den verschiedenen Messiassen berichtet, die von Zeit zu Zeit autgetaucht sind. Kaum dass noch eine kurze Nachricht über Zeit, Ort und Namen sich erhalten hat. Wie es aber dazu kam, dass solche Männer auftreten konnten, und eine mehr oder minder grosse Schaar von Anhängern um sich sammeln konnten, welche geistige, religiöse oder politische Vorbedingungen die Möglichkeit des Auftretens eines jeweiligen Messias vorbereitet haben, darüber schweigt die jüdische Literatur. Es lässt sich leicht erklären, warum man es vorzog mit Stillschweigen über solche Schwärmer hinweg zu gehen. Sie waren eben nur „falsche Messiasse" und haben regelmässig die in sie gesetzte Hoffnung getäuscht. Als Schwindler darf man sie doch nicht immer bezeichnen, denn sie haben häufig mit ihrem Leben für ihren Anspruch der Erlöser des jüdischen Volkes zu sein, gebüsst. Nicht um die Persönlichkeit dieser Schwärmer handelt es sich jedoch, sondern um dio Atmosphäre, die geistige Position des jüdischen Volkes, die solche Ansprüche förderte und unterstützte. Eine Figur taucht plötzlich auf. Das Faktum ist da und die Folgen überstürzen sich in rasender Hast. Das Feuer der Zwietracht wird angefacht. Es brennt lichterloh und verzehrt in seiner Glut manches wertvolle Erbteil. Im Lichte der lodernden Flammen erscheint alles verzerrt. Ein künstliches Chiaroscuro wird geschaffen und Menschen und Dinge verlieren ihre Proportionen. Streitschriften in wilder Leidenschaftlichkeit nähren den Scheiterhaufen bis alles verzehrt ist. Dunkel umhüllt die Szene. Staub und Asche und die verbrannten Hände und Gesichter der zu dicht an der sengenden Flamme Stehenden zeugen von dem verheerenden Brande. Fast nichts wird gerettet. Was hat aber dazu beigetragen den Zündstoff zu häufen und woher springt der Funke, der diese Masse entzündet? Warum greift das Feuer so rasch um sich nach der einen Richtung und warum verschont es die andere Seite? "Darauf hat man bisher sehr ungenügend geantwortet. Die Quellen fliessen spärlich. Von. den wenigen Urkunden, die uns dazu verhelfen ein Bild von dem Zustande der Gemüter in Europa zur Zeit des Sabbetai Sebi uns zu schaffen, ist wohl keines so voll von Belehrung als das autographe Huldigungsschreiben der Amsterdamer Gelehrten, welches durch einen Zufall gerettet, mir jetzt zur Verfügung gestellt worden ist, von dessen Besitzer, Herrn Israel Solomons hier und von mir hier im Facsimile veröffentlicht wird. Es ist ein von jedem Gesichtspunkte aus merkwürdiges Schriftstück, sowohl der Form als dem Inhalte nach. Auf einem mit goldenem Bande versehenen Folio- Bogen, mit äusserster Sorgfalt geschrieben, ist der Inhalt des Schreibens ungefähr folgender: Eine wörtliche Uebersetzung lohnt sich kaum zu geben, da der Inhalt aus Wiederholungen, und Variationen desselben Themas besteht. Es ist in den schwungvollsten Ausdrücken abgefasst. Eine Huldigung an den König den „Gesalbten Gottes", die „Herrlichkeit Israels", die „herrliche Krone". Die Unterschriebenen veibeugen sich, knieen vor ihrem Herrn und König Sabbetai Sebi und nehmen auf sich mit Liebe das Joch der Herrschaft des Heiligen, Allerhöchsten, dessen Herrschaft eine ewige ist, und dem Alle Untertan sind. Sie bitten