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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 265 - 266

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Moritz Steinschneider
Date
1906-04-01
Page
Seite 265 - 266 (sequence 3)
Language
German
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265 Arthur Biram: Moritz Steinschneider. 266 Forschnng nicht gegeben. Steinschneider'hat unsdieses Gebiet geradezu erschlossen. Man hört oft die lächerliche Behauptung, Steinschneiders Arbeiten hätt en nur Interesse für einen kleinen Kreis von speziellsten Fachgelehrten, gäben zur G esämterkenntnis der jüdischen Wissenschaft nichts ab. Wer die hebräischen Uebersetzungen auch nur liest, wer von Steinschneiders Einzelartikeln in allen möglichen Zeitschriften auch einen nur gelesen, der, behaupte ich, hat von der Arbeit des mittelalterlichen Judentums ein deutlicheres Bild, als es ihm die eifrigste Lektüre der entsprechenden 4 Bände des Grätz geben kann. Hier stellt sich ein Bild von so lebendiger Fülle, von so voller,-reichhaltiger Tätigkeit dar, dass man mit einem vollen, klaren Bewusstsein dieser ganzen Zeit von dannen geht. Man stellt eben Geschichte nicht mit allgemeinen Expektorationen, sondern nur durch die Wiederspiegelung der Fülle des historischen Lebens dar. Wem anders als Steinschneiders bibliographischen und literaturgeschichtlichen Forschungen danken wir es, wenn wir heute Hunderte und Tausende jüdischer Aerzte, Mathematiker und ^Naturwissenschaftler, unzählige hebräische Uebersetzungen all der Werke des philosophischen Mittelalters kennen, wenn wir heute stolz darauf hinweisen können, dass die moderne auf der Antike fussende Kultur ihren Weg über die -luden genommen hat, dass wir noch heute in unsern Schulen geometrische Lehrbücher in der Form benutzen, die ihnen Juden gegeben, dass die Astronomie des Mittelalters reich ist an Erfindungen von Juden und noch vielmehr dergleichen. Wenn wir nicht mit allgemeinen Phrasen bloss, nicht auf einige Einzelbeispiele beschränkt, die Behauptung aufstellen dürfen, dass der Anteil der rinden an der Kulturarbeit der Menschheit nicht mit der Schaffung der Bibel vollendet ist, dass die moderne Kultur, der wir allein empfangend gegenüberstehen sollen, von uns mitgeschaffen ist, — für all diese Behauptungen sind Steinschneiders grosse, nüchterne, aufzählende und zusammenstellende Werke uns Bürge und Zeuge. Mit welchem Ernst, mit welcher eisernen Energie dieses Lebenswerk gebaut ist, können wir daraus ersehen, dass die reine Aufzählung aller bis zum Jahr 1896 von Steinschneider gelieferten Arbeiten 39 grosse Druckseiten unifasst. Steinschneider ist Mitarbeiter in 73 Zeitschriften gewesen, die sich auf alle Wissensgebiete erstreckten, so dass ihm nicht nur die jüdische und orientalische Wissenschaft ■— wenn auch diese besonders —, sodass ihm nahezu, die Rechtswissenschaft allein wohl ausgenommen, alle Wissenschaften für die Aufhellung ihrer Geschichte dankbar sein müssen. Aber Steinschneider hat uns nicht nur belehrt, er hat für uns gelebt, sein Wollen und sein Wirken, seine Ziele und seine Werke leben in uns. Sie sind Teile unseres Wesens geworden. Für einen ganzen Kreis von Jüngeren, die verbunden sind durch den nationalen (redanken und durch den Wunsch, ihre Lehensarbeit der jüdischen Wissenschaft, der reinen, von aller Theologie und aller Tendenz freien jüdischen Wissenschaft hinzugeben, für uns bedeutet der Name Steinschneider ein Programm, ein wissenschaftliches und — bei aller Differenz der nationalen Anschauung --- auch ein Lebensprogramm. Davon will ich hier noch reden, da das zum Ausdruck zu bringen, mir einzig den Wunsch eingegeben, von Steinschneider an seinem 90. Geburtstag zu sprechen. Schon in seinem Enzyklopädieartikel vom Jahre 1850 hat Steinschneider richtunggebend für seine ganze Arbeit den Begriff der jüdischen Literatur testgestellt. (§ 1): ..Die Literatur der Juden im weitesten Sinne begreift, eigentlich alles, Avas Juden von den ältesten Zeiten an bis auf die Gegenwart ohne Rücksicht auf Inhalt, Sprache und Vaterland geschrieben haben." Und auch hier schon die entschiedene Ablehnung jeder Gleichsetzung von jüdischer Wissenschaft mit jüdischer Theologie. (Ebenda:) ..Die jüdische Literatur ist ebensowenig, als die arabische oder chinesische, eine bloss theologische, und ihre Kunde etwa deswegen als blosse Hilfswissenschaft der Theologie zu betrachten, weil das bisherige Interesse an derselben vorzüglich an Bibelkunde und Polemik sich knüpfte. Auch ist die jüdische Litteratur nicht etwa Vorzugsweise durch eigentliche, d. h. im Amt stehende Rabbiner vertreten". Diese Definition der jüdischen Litteratur ist für uns zur Definition der jüdischen Wissenschaft geworden. Und während man uns diese jüdische Wissenschaft heute wiederum, immer noch Geigers Spuren folgend, zur Theologie, zur Geschichte von Ideen machen will, halten wir daran fest, — und Steinschneiders Lebensarbeit, die die praktischen Konsequenzen aus dieser Theorie gezogen, ist uns Bürge, dass wir auf rechtem Wege sind — dass die jüdische Wissenschaft die Wissenschaft von allen Lebensäusserungen des jüdischen Volkes in Vergangenheit und Gegenwart ist. Ihre Erkenntnisse sind unserer Wissenschaft wie jeder anderen Selbstzweck, sie dient keiner Tendenz, weder einer religionssystematischen, noch einer apologetisch-polemischen, noch irgend welchen nationalen Aspirationen. Sie hat nur eine Tendenz, d. i. die Wahrheit über den Entwicklungs- und Werdegang des jüdischen Volkes zu ermitteln. Wir wehren uns darum mit aller Kraft gegen die Ersetzung wissenschaftlicher Ziele durch alle möglichen sentimentalen Raisonnements. Nichts ist bei uns Hilfswissenschaft, unsere Wissenschaft ist uns, wie es uns Steinschneider gel ehrt, Selbstzweck. Dieser Unterschied des Zieles aber ist für uns auch ein Unterschied der Methode. Mit Steinschneider sind wir jüngeren der Meinung, dass die Wissenschaft, wie alles, Avas natürlich gebaut wird, mit dein Fundament zu beginnen hat. Wir wissen, dass die jüdische Wissenschaft heute zunächst einmal Kleinarbeit zu leisten hat, dass sie zunächst in sauberer philologischer Arbeit die unerlässlichen Vorarbeiten zu liefern hat. Steinschneider verkörpert in sich — als fast einziger der lebenden jüdischen Gelehrten, man wüsste nur wenige noch auszunehmen — diesen Geist anspruchsloser, pietätvoller Minierarbeit. ..Zunz", sagt Steinschneider einmal (Hebr. Eibl. II, 27) „besitzt jene der strengen Wissenschaft allein genügende Pietät und Opferfähigkeit für das Forschen, verbunden mit einer Festigkeit der Gesinnung, an welcher die Verlockungen der vermeintlichen Popularität und der Kriecherei der vorherrschenden Systeme abprallen''. Und das haben nun auch wir, die Jungen, uns zum Ziele genommen, einfache, anspruchslose, gewissenhafte Förderung der jüdischen Wissenschaft. Grosse, zusammenfassende Darstellungen erst dann, wenn das Material gesichtet. AVer aber die Zeit zu Kompendien und Ueberblicken schon gekommen sieht, in dem sehen A\*ir den grimmigsten Feind dieser jüdischen Wissenschaft, die dadurch immer mehr zur Charlatanerie und Tendenzarbeit herabgewürdigt ist. Mit Steinschneider wollen wir der jüdischen Wissenschaft die Anerkennung innerhall) des gesamten Wissenschaftsbetriebs erkämpfen. Darum müssen wir wollen, dass diese Wissenschaft so getrieben wird, wie alle Wissenschaft, dass sie einmal keiner Tendenz dient und dass sie ferner in gründlicher gewissenhafter Arbeit zunächst einmal den Grund baut. .Journalistische Veranlagung und allgemeine Belesenheit

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