Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Moritz Steinschneider
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 267 - 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583948-2593400--06079-2593454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
267 Arthur Biram: Moritz Steinschneider. 268 mögen zum Prediger oder zum Journalisten eignen, jüdischer Gelehrter darf nur sein, wer mit strenger Methode Schritt für »Schritt die Wahrheit fordern will. Drittens aber verlangen wir mit »Steinschneider die vernünftige Organisation für unsere Wissenschaft. Bei vielen Gelegenheiten, in allen Zeiten seines Lebens hat »Steinschneider Klage darüber geführt, .das.? nur die wenigsten Arbeiter und Arbeiten der (jüdischen) Wissenschaft, weil ihr allein, angehören" (Krsch und Gruber, Ii, 27, p. 471), „dass das Judentum der Gegenwart einen eigentlichen Gelehrtenstand und ihm entsprechende Institutionen nicht hat" (Hebr. Bibl. I, p. 2). »Scharf hat er sich stets gegen alle Versuche gewendet, 'Wissenschaft hervorzaubern, durch Geld und Protektion hervorstampfen zu wollen. Als ein englischer Parlamentarier verlangte, es solle umgehend ein judenfeindliches Werk durch ein gross angelegtes jüdisches zurückgewiesen, und 100, ja 200 Pfund bot, da nahm Steinschneider in seiner Zeitschrift (1, p. 20) dazu Stellung mit den 'Worten: ..Die Wissenschaft will auf natürlichem Hoden gepflanzt sein, in Treibhäusern und auf Mistbeeten bringt sie nur exotische Gewächse, aber keine Früchte/ Daran muss in der Zeit der Wissensehaftsgründung und Gelehrtenfinanzierung erinnert werden, um so mehr, da wieder einmal eine Gesellschaft, die sich die Förderung der jüdischen Wissenschaft zum Ziel gestellt hat, den Bankrott ihrer Tendenz angemeldet hat. Die jüdische Wissenschaft verlangt, wie alle Wissenschaft ihre gesunde Organisation, sie verlangt unabhängige Stätten, an denen sie gepflegt wird, au denen ihre Jünger ausgebildet werden. Pabbiuerschulen sind es nicht, darin stimmen wir mit Steinschneider überein, der den Huf an die Berliner Lehranstalt und an das Budapester Seminar abgelehnt hat, doch auch die Universitäten werden es nicht sein, wie Steinschneider gehofft hat. Dass wir das nicht annehmen, dass wir hierin zu anderen Anschauungen gekommen sind, über die sich vielleicht bald einmal Gelegenheit bieten wird, zu sprechen, haben Antisemitismus und — vor allem unser Nationaljudeiitum bewirkt. Sollte aber dieses Nationaljudeiitum nicht über all das einende hinaus uns von Steinschneider trennen? Unser AVissenschaftsgedanke ist ein Stück unseres Nationaljudentums, er ist für uns unsere jungjüdische Autgabe, unsere Arbeit in der jüdischen Penaissanee. Mit wem wir in unseren wissenschaftlichen Gruudüberzeugungen einig sind, von dem kann uns auch keine nationale Theorie trennen. Aber Steinschneider gehört auch da mehr zu uns, als man glaubt. Ich will nicht wieder das Märchen von seiner zionistischen Betätigung auftischen. Gewiss er hatte zionistische Pläne, aber sie sollten der organischen Autlösung, oder sagen wir milder, Umbildung des Judentums dienen, jede erfolgreiche Peform umsste von Zion ausgehen. Man könnte aber darauf hinweisen, dass Steinschneider den aufrechten Mut, den er vor Juden gezeigt, auch vor Christen niemals verleugnet hat, dass er gegen Antisemitismus und Judenfeinclschaft kräftigere Worte gefunden hat, als viele seiner jüdischen Mitkämpfer aus der grossen liberalen Epoche. 1893 heisst. es in der Umleitung zu den Hebräischen Uebersetzungeii (p. XX.IV) ..Ich schreibe über .luden aber nicht für sie. nicht pro domo. .Judenfeinde belehrt man nicht, am wenigsten durch Geschichte..... Die Kultur der alten Juden für das Hecht der jetzigen in Anschlag zu bringen, wäre Verrat an dem unveräusserlicheiiMensehenreeht, das aus angeblichen Zweckmässigkeitsgründen von einer Majorität vergewaltigt, aber niemals beseitigt werden kann." Aber ich liwss auf mehr hinweisen. "Wir. sind durch unsern nationalen Standpunkt zum erweiterten Hegriff der jüdischen Wissenschaft gekommen, Steinschneider ist von seiner. Wissenschaftsauffassung zur theoretischen Anerkennung der jüdischen Nationalität gekommen. Die wissenschaftliche Erkenntnis, die ihm stets Lehrmeister gewesen, hat ihn auch hier, über alle Hemmnisse der Weitansi?hauung" und persönlicher Stimmungen hinaus, zum Bewusstsein der Wahrheit geführt, dass die rinden eine Nation sind. Ks ist nicht möglich, hier alle seine Aeusserungen zusammenzustellen, auf 2 mir bekannte charakteristische Ausführungen (Hebr. Bibl. I, 2, LI, 82), von denen besonders die zweite belehrend ist, will ich nur hinweisen. Natioualjude ist er doch nicht gewesen. Das Zeitalter der Humanität hat ihm das Lebensideal gegeben. Ks ist ein grandioses Lebenswerk, das dieser Gelehrte in fast völlige]- Vereinsamung, ohne jede äussere Hilfe, ohne ideelle Unterstützung eines grösseren Kreises, nur allein auf sich gestellt, geleistet hat. Die Verhältnisse haben ihm nie den Weg geebnet. Als Privaterzieher und Zeitlingsberichterstatter, als Mädchenschullehrer und durch die Abnahme des jüdischen Eides hat er sich jahrelang sein Brot verdienen müssen. Wissenschaftliche Müsse hat er nur in den letzten Jahrzehnten kennen gelernt, die anderen schon die Zeiten völligen Ausrollens sind. Aber durch sein ganzes Leben hat er sein Ziel verfolgt mit der Energie, die nur der grosse Affekt gibt. Denn nicht die Begabung entscheidet, über Leistungen, sondern im letzten Grunde nur die grosse seelische Energie, die nicht nur neues denkt, sondern die vom starken Affekt getrieben, auch neues schaffen will, deren Wollen nicht äussere Hindernisse ermüden, deren Wollen immer aufs neue zur Selbstverwirklichuug strebt. Dass Steinschneider durch all die grossen äusseren Hindernisse hindurchseine gelehrten Ziele durchgekämpft hat, erweist, dass wir ihn unter die Zahl der Grossen unseres Volkes rechnen müssen. EIN AUTOORAPHES HULDIGUNGS-SCHREIBEN AN SABBETAI SEBI. Ein Beitrag zu Psychologie des Messianismus. Von Dr. M. Gast er. Nachdruck verbotenfolgenden Zustände noch nicht die richtige und ob- Die tiefgehende Bewegung, welche um die Mitte des 17. Jahrhunderts die gesamte Judenheit ergriffen hatte, ist bisher vom psychologischen Standpunkte aus noch nicht genügend gewürdigt worden. Das plötzliche Auftauchen eines langerwarteten Messias hat so tief in das individuelle, religiöse und politische Leben der Juden eingegriffen, dass man bisher diesem Messias und der seinem Erscheinen vorhergehenden und nachjektive Beurteilung hat zuteil werden lassen. Mat hat bisher diese Bewegung zu sehr vom Parteistandpunkte aus betrachtet, und der jähe und unerwartete Absehluss, der das Drama zu einer Tragödie, ja zu einer Ivarrikatur verwandelte, hat die Untersuchung und Beurteilung einseitig beeinflusst. Das plötzliche Auftauchen eines Messias würde ja immer viele Kreise